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Am Boden zerstört: Alexander Zverev.

Zverev-Albtraum

Historisches Drama in fünf Akten

  • vonJörg Allmeroth
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In einem epochalen Tennis-Krimi gibt Alexander Zverev gegen seinen Kumpel Dominic Thiem den Sieg aus der Hand und erlebt den ultimativen Albtraum.

Es ging schon auf Mitternacht zu in New York, als Alexander Zverev am Sonntag zu seinem allerletzten US Open-Termin erschien. Zverev saß in einem TV-Studio, er blickte auf eine Videoleinwand, einige Reporter waren ihm aus aller Welt zugeschaltet. Er sah noch immer sehr müde, sehr abgekämpft aus, sein Blick war leer, ausdruckslos, unbewegt. Viel hatte der Verlierer des großen Finaldramas nicht mehr zu sagen, eigentlich war ja längst alles auf dem Centre Court besprochen und beantwortet worden. „Ich muss damit leben“, sagte Zverev, „aber es ist schon sehr bitter. Ich war so dicht am Sieg dran.“

Trost könne ihm im Moment gar nichts spenden, deshalb habe er sein Handy auch noch nicht eingeschaltet: „Die ganzen Tut-mir-Leid-Nachrichten wollte ich noch nicht lesen.“ Einige Momente später, kurz vorm Gehen, sagte er dann: „Vom ganzen Reden wird das alles auch nicht besser.“

Es war ganz einfach so brutal wie immer: Am Ende eines zweiwöchigen Grand-Slam-Spektakels gibt es genau einen Gewinner, einen Champion. Und es gibt 127 Verlierer, und der, der als Letzter verliert, ist am schlimmsten dran. Vor allem, wenn er so verliert wie Zverev. Wenn er wieder und wieder und wieder den Sieg vor Augen hat, den größten Moment seines Lebens – und wenn er dann doch nur bei der Preisverleihung zusehen muss, wie sein Gegner den Pokal in die Höhe stemmt. An Lob, Anerkennung, Sympathie, Trost und Zuspruch herrschte kein Mangel für Zverev, nach dem beinahe unglaublichen 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 (6:8)-Scheitern gegen seinen Freund Dominic Thiem – und doch war da eben die große Frage, wie Zverev diesen Knockout auf den allerletzten Metern wegstecken würde, wie er diese traumatische Erfahrung verdaute.

Thiem als Erster machte Zverev Mut, er sagte bei der Siegerehrung, dass „Sascha irgendwann seine Familie stolz machen wird, wenn er ganz sicher einen Grand Slam“ gewinnt, auch Zverev selbst meinte, „es werde bald eine neue Chance geben.“ Aber es waren nichts als schöne Worte, der Blick in eine Zukunft, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird für den jungen Deutschen.

Hinter dem 23 Jahre alten Riesen lag ein Match, eine Niederlage, ein Showdown der Superlative, den man so schnell nicht vergessen wird. Zverev gegen Thiem, dieser Fünf-Satz-Krimi mit Tiebreak-Schlusspunkt und ohne Happy End für den gebürtigen Hamburger – es war ein Duell, das noch verrückter, denkwürdiger und aufwühlender war als dieser ganze Geister-Grand-Slam selbst. Tausende Spiele habe er schon gesehen, sagte Ende des fünften Aktes aus der Ferne, aus einem Münchner Fernsehstudio, der Tennis-Kanzler Boris Becker, „aber so was habe ich noch nie erlebt.“ Vom Himmel in die Hölle, von der Hölle wieder in den Himmel – und noch einmal zurück, es war das Motto dieses irren Spiels, in dem nichts gewiss war, obwohl früh alles klar schien.

Zverev hatte, nüchtern betrachtet, nach einer 2:0-Satzführung noch das erste Grand Slam-Endspiel seiner Laufbahn verloren, er hatte als erster Akteur seit 71 Jahren in New York noch einen solch komfortablen Vorsprung versiebt. Aber was sich in diesen vier Stunden und einer Minute im größten Tennisstadion der Welt ereignete, war mehr – eine Partie mit unglaublichen Drehungen und Wendungen auf der Zielgeraden, ein Zweikampf mit unglaublicher Wucht, Intensität und Leidenschaft. Ein Duell schließlich, das an einen Schwergewichts-Boxkampf erinnerte, mit zwei umher taumelnden Fightern, die immer noch um jeden Punkt rangen, als sie sich kaum noch auf zwei Beinen halten konnten. „Zwei Gladiatoren“ habe er gesehen, so Beobachter Becker, „die Werbung für den Tennissport machten.“

Zverev wird sich noch manches Mal an diesen Albtraum der verpassten Chancen zurückerinnern, kein Zweifel. Er hatte alle Trümpfe in der Hand, er hätte auch gut und gerne in drei klaren Sätzen als überraschend sicherer Triumphator vom Feld gehen können. Aber er ließ Thiem zurück ins Spiel, der nahm die Einladung an, glich zum 2:2 nach Sätzen aus. Als die Kräfte schwanden, vieles nur noch aus dem Unterbewusstsein gesteuert war, hatte Zverev noch einmal beinahe die Tür ins Tennis-Paradies aufgestoßen. Er nahm Thiem den Aufschlag zum 5:3 im fünften Satz ab, schlug zum US Open-Titelgewinn auf – und kassierte das 5:4. Im nächsten Aufschlagspiel von Thiem war er bei 0:30 nur noch zwei Punkte vom Pokal weg, und wieder sprang der Österreicher dem Grand-Slam-Tod von der Schippe.

Es ging weiter und weiter in dieser faszinierenden Tennis-Schlacht. Alles war möglich, nichts unmöglich. Thiem schaffte das Break zum 6:5, Zverev das Rebreak zum 6:6. Entscheiden musste der Tiebreak, jenes unbarmherzige Glücksspiel, diese grausame und ebenso herrliche Verdichtung des Dramas. Vor 50 Jahren war er eingeführt worden im Tennis, aber in New York hatte er noch nie in einem Finale im fünften Satz entschieden. „Jeder Punktgewinn ist so gigantisch wichtig, jeder Punktverlust eine riesige Last“, sagte Zverev später. Was passierte in den letzten zehn Minuten, kurz nach zwei Uhr morgens in Deutschland, war im Grunde wie der Mikrokosmos des ganzen abwegig schwankenden Finales: Zverev führte 2:0, er vergab den Vorsprung, lag 3:5 und 4:6 hinten, hatte zwei Matchbälle gegen sich. Wehrte sie ab, schaffte das 6:6.

Und dann, nach vier Wochen in der New Yorker Tennis-Blase, nach gespielten drei Stunden und 59 Minuten im Endspiel, entschieden die nächsten beiden Punkte für Thiem diese titanische Aufführung. Der Österreicher sank der Länge nach hin, Zverev schritt hinüber zu ihm, die beiden Freunde umarmten sich. Für Thiem war das lange Warten vorbei, er hatte ja seine ersten drei Grand Slam-Endspiele verloren. Für Zverev indes gab es erst mal nur die Hoffnung, an anderer Stelle oder auch in New York baldmöglichst als Erster durchs Ziel zu gehen.

Zverevs Enttäuschung blieb zunächst verborgen, er saß nach dem Tiebreak-Unglück im Ashe-Palast, diesem Geisterhaus der US Open 2020, wie der einsamste Mensch des Planeten auf seiner Bank, er verzog keine Miene, starrte ins Irgendwo und Nirgendwo. Bei der Siegerehrung, den obligatorischen Worten des Zweitplatzierten, brachen die versteckten Gefühle indes heraus. Ganz allein hatte Zverev diesen kompletten Grand-Slam-Kampf bestritten, zum ersten Mal seit den Karriereanfängen waren weder Mutter Irina noch Vater Alexander und Bruder Mischa dabei gewesen – nun, als untröstlicher Verlierer und Redner, dachte Zverev sofort an die Familie.

Alles habe er den Eltern zu verdanken, sagte Zverev, „sie waren immer bei mir, waren immer für mich da. Sie konnten aber nicht kommen, beide waren positiv auf Corona getestet.“ Zweimal versagte Zverev die Stimme, die Tränen flossen. Dann sagte er einfach nur noch in Richtung der Eltern: „Danke.“ Einen kurzen Moment stellte er sich mit der Silberschale des Finalverlierers zum gemeinsamen Bild mit Thiem. Dann ging er weg, die Bühne blieb Thiem. Es war vorbei.

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