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Im Gespräch: Christian Heidel (rechts) und Rouven Schröder.

Vor dem Kellerduell

Heidels schwere Erbschaften

Vor dem Krisenduell rufen viele beim FSV Mainz 05 reflexartig nach dem ehemaligen Macher Christian Heidel, aber beim FC Schalke war der 57-Jährige nicht annähernd so erfolgreich.

Es sind gerade keine ganz normalen Tage für Christian Heidel. Dauernd klingelt das Handy beim 57-Jährigen. Der alte Fahrensmann ist klug genug, sich dann diplomatisch zu äußern. Diesen Samstag spielt in der Bundesliga – Genie des Spielplaners - nicht nur abends der Zweite gegen den Ersten, sondern auch nachmittags der Letzte gegen den Vorletzten. Und weil Christian Heidel sowohl Mainz 05 (25 Jahre klasse) als auch Schalke 04 (drei Jahre bemüht) managte, weil er außerdem von Mainzer Fans gerade als potenzieller Retter stilisiert wird, wäre er ein interessanter Gesprächspartner. Er geht bloß einen Tag vorm Spiel leider nicht ans Handy. Es gibt einen guten Grund per WhatsApp: Heidel ist gerade beim Umzug beschäftigt. Kisten schleppen statt Interviews geben.

Die Kollegen von „Bild“ sind fixer gewesen. Sie haben den Mainzer Halbgott schon früh unter der Woche kontaktiert, nachdem die gerade etwas zerrupft daherkommende Mainzer Führungsriege beim Fantalk mehrfach gefragt wurde, ob der Aufstiegs- und Europa-League-Manager und Jürgen-Klopp-und Thomas-Tuchel-Erfinder Super-Christian-Heidel nicht Mainz 05 retten kann? Die Männer um Aufsichtsrat Detlev Höhne reagierten insgesamt eher mittelmäßig begeistert, Heidel sagte danach brav: „Wenn bei Mainz 05 jemand meint, meinen Rat zu brauchen, warum soll ich mich denn da verweigern? Dafür benötigen wir aber keine sogenannte Tätigkeit von meiner Seite.“ Also keinen offiziellen Posten.

Das ist ebenso einfühlsam formuliert auch in Richtung seines von ihm selbst ausgesuchten Nachfolgers Rouven Schröder wie dieser Satz: „Kritik oder öffentliche Tipps an Mainz 05 gibt es von mir seit 2016 nicht mehr und das bleibt so.“ Ein kluger Mann, dieser Mainzer Bürgermeistersohn Heidel. Neulich hat er mal ein Spiel im Stadion verfolgt, manche Fans wurden ganz hibbelig: „Juhu, der Heidel ist zurück. Bitte bleib, guter Mann!“ Für Mainz gegen Schalke heute Nachmittag bleibt er lieber auf der Couch in Mainz. Bloß keine falschen Interpretationen und kein Fokus der Objektive. Heidel kennt die Mechanismen.

Das Schicksal und er selbst wollten es so, dass er seinen Rücktritt bei Schalke 04 ausgerechnet am selben Tag vor Ort in seiner geliebten Heimat ankündigte, als Schalke 04 im Februar 2019 sang- und klanglos 0:3 verlor. Von den Knappen schied er, anders als von Mainz 05, unemotional und tränenfrei unter ehrenhaftem Verzicht auf eine Abfindung. Die „Süddeutsche Zeitung“ verabschiedete den mit vielen Vorschusslorbeeren vom damals allmächtigen Ex-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies in den Pott gelockten Heidel mit einem schönen Gruß an seine Personalplanung: „Ein Kader für Grusel-Fußball“. Der Boulevard hatte da schon längst den Daumen gesenkt und ihn ultimativ aufgefordert, sich „zu schämen und zu gehen“.

Kritik von Ex-Chef Strutz

20 Monate später ist die Großwetterlage bei beiden Klubs unschön. Beide haben nach zwei Spieltagen schon den Trainer gewechselt, die Nachfolger Manuel Baum (Schalke) und Jan-Moritz Lichte (Mainz) bleiben jeweils sieglos in vier Spielen. Von Königsblau hört man, Heidel-Nachfolger Jochen Schneider und Kaderplaner Michael Reschke seien sich nicht recht grün. In Mainz raufen sie sich irgendwie zusammen, Schröder, Höhne und Klubchef Stefan Hofmann. Dessen Vor-Vorgänger Harald Strutz, gerade unter die Buchautoren gegangen, ist in seiner Diagnose über die Nullfünfer meinungsfreudiger als der öffentlich zurückhaltende Heidel: „Wir erscheinen in der Stadt nicht mehr. Wir sind nicht mehr da. Ich sehe kaum noch Aufkleber, ich sehe keine Menschen mit Schal. Das ist das Schlimmste, was einem Verein passieren kann: Es interessiert keinen mehr.“ Zwar zugespitzt formuliert, aber ganz falsch ist diese Analyse nicht. Klopp, Tuchel und Baumeister Heidel haben Mainz 05 größer gemacht, als der Verein je wirklich war. Das schöne Erbe, das Heidel hinterlassen hat, ist zu einem schweren Rucksack der Nostalgie geworden.

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