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Handball-Bundestrainer Gislason: Die Ruhe des Vulkans

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Von: Michael Wilkening

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Lässt sich ungern verbiegen: Alfred Gislason.
Lässt sich ungern verbiegen: Alfred Gislason. © Tilo Wiedensohler/imago

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason bleibt trotz des EM-Ausscheidens gelassen - manch langjähriger Wegbegleiter kann es kaum glauben.

Es gibt ihn noch, diesen altbekannten Alfred Gislason, der wild gestikulierend am Spielfeldrand steht und von einer auf die andere Sekunde explodieren kann wie ein Vulkan auf seiner Heimatinsel Island. Aber er ist seltener geworden. Bei der 21:25-Niederlage gegen Schweden am Sonntagabend regte sich der Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft in der zweiten Halbzeit furchtbar auf, als seine Schützlinge mehrfach durch schlampige Pässe Chancen im Gegenstoß ausließen.

Die Niederlage gegen die Skandinavier zerstörte vor dem finalen Match gegen Russland am Dienstag (18 Uhr) die letzte theoretische Hoffnung, bei der Europameisterschaft in der Slowakei und Ungarn das Halbfinale zu erreichen. Für den erfolgsverwöhnten Gislason ist es ungewohnt, nicht zur Spitze zu zählen, aber in den Tagen von Bratislava hat der Bundestrainer gezeigt, dass er eine Wandlung vollzogen hat und er der richtige Mann für den eingeleiteten Neuaufbau sein kann.

Umbruch im DHB-Team

An dieser Fähigkeit gab es Zweifel. Henning Fritz, ehemaliger Weltklassetorwart und Weltmeister von 2007, verbalisierte sie unmittelbar vor dem Start der EM. „Wenn man sich für einen Umbruch in der Mannschaft und viele junge Spieler entscheidet, ist Alfred Gislason dann auch eine zukunftsorientierte Lösung?“, fragte er sich und sprach damit aus, was einige in der Handball-Welt dachten. Gislason war elf Jahre lang Trainer des THW Kiel, gewann in dieser Zeit Jahr für Jahr große Titel, allein dreimal die Champions League. Gislason kennt den Geschmack des Sieges, erreichte sie aber immer mit herausragend gut besetzten Mannschaften. Als Talententwickler trat er dabei kaum in Erscheinung.

Eben diese Eigenschaft ist aber nötig, wenn der deutschen Nationalmannschaft der Weg zurück in die Weltspitze gelingen soll. Nach den Olympischen Spielen in Tokio vor knapp einem halben Jahr gab es eine Zäsur innerhalb der Mannschaft, weil arrivierte Kräfte wie Uwe Gensheimer, Steffen Weinhold, Johannes Bitter und Hendrik Pekeler zurücktraten, beziehungsweise eine längere Pause ankündigten. Deutschland, das jeweils am Ziel gescheitert war, eine Medaille bei Großturnieren zu gewinnen, musste sich neu aufstellen – und die Verbandsspitze entschied sich dazu, dies mit dem 62-jährigen Isländer zu tun. Der Vertrag mit Gislason wurde vor der EM bis 2024 verlängert.

In Bratislava, wo die Deutschen in der Vorrunde drei Siege landeten, anschließend aber in der Hauptrunde dreimal verloren, hat sich gezeigt, dass dieser Entschluss richtig gewesen sein könnte. Die junge deutsche Mannschaft und der hochdekorierte Coach haben eine enge Bindung zueinander aufgebaut. Die Spieler glauben daran, was der Trainer ihnen vorgibt, was im Teamsport eine zentrale Voraussetzung für Erfolg ist. Gislason selbst hat sich neu erfunden, weil er sich damit arrangiert hat, nicht mit internationalen Topspielern zu arbeiten, sondern Akteure bei sich hat, die er möglichst auf dieses Niveau hieven soll.

Das hat zu einer bislang nicht gekannten Gelassenheit beim Isländer geführt. „Alfred ist deutlich ruhiger geworden, das sieht man vor allem neben dem Spielfeld“, sagt Patrick Wiencek. Der Kreisläufer kennt den Coach aus dessen Zeit in Kiel und hat eine Wandlung beobachtet. „Er hat sich im Umgang mit den jungen Leuten verändert, meiner Meinung nach positiv“, erklärt der Routinier. Gislason hat akzeptiert, dass er mit diesem Team nicht jedes Spiel gewinnen kann, seine neue Milde hat außerdem geholfen, die Wirrungen und vielen personellen Personalwechsel durch den Corona-Ausbruch zu akzeptieren.

„Bin stolz auf die Jungs“

Der Bundestrainer hat trotz der Rückschläge Freude daran entwickelt, mit Spielern zu arbeiten, die Fehler machen und denen Qualität fehlt – die sich aber für das Team aufopfern. „Ich habe richtig Spaß an der Sache, ich bin sehr stolz auf die Jungs“, sagt Gislason spürbar ehrlich. Der Bundestrainer lacht und lächelt während der EM häufiger als in den ersten knapp zwei Jahren zuvor. „Alfred ist schon lockerer geworden“, hat Rune Dahmke bemerkt. Der Linksaußen gewann in Kiel viele Titel mit Gislason und lernt seinen langjährigen Trainer in Bratislava neu kennen. „In Kiel darfst du nicht verlieren und hast die Position, die bei der EM nun Dänemark hat“, sagt Dahmke. Diesen absoluten Druck spürt Gislason derzeit nicht, er ist aber gewillt, ihn mit den deutschen Handballern in ein paar Jahren wieder spüren zu können. Trotz oder wegen der hinzugewonnenen Gelassenheit des Chefs.

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