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Leeres Eis, klare Aussage: die Eishockeyhalle in Edmonton. afp

US-Sport

Haltung schlägt Mammon

Die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus erstrecken sich in den USA mittlerweile über nahezu den gesamten Profisport.

Die Welle des Protests gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA hat längst historisches Ausmaß erreicht – und ist auch in der Eishockey-Liga NHL angekommen. Deren Spieler erklärten nun, die in Kanada stattfindenden Playoffs vorerst zu unterbrechen. Ein bemerkenswertes Zeichen, da Eishockey immer noch als Sport der Weißen gilt, Afroamerikaner oder Afrokanadier in der NHL eher die Ausnahmen bilden. Ausgelöst vom Playoff-Boykott der Basketballer aus Milwaukee breitete sich der Widerstand über alle großen Ligen des nationalen Profisports aus.

Von US-Präsident Donald Trump wird sie allerdings kritisch gesehen. Er wisse „nicht viel“ über den Aufstand der Sportler, sagte Trump, aber er wisse, dass die TV-Quoten der Basketball-Profiliga NBA „schlecht waren“, weil die Menschen ihrer „überdrüssig sind“. Außerdem sei die NBA ja so etwas „wie eine politische Organisation geworden, und das ist keine gute Sache“.

Viele Sportler freilich stellten sich gegen den US-Präsident: „Das hier ist eine viel stärkere Botschaft als alles, was ein oder zwei Spieler auf dem Eis machen könnten“, sagte der afroamerikanische Eishockey-Profi Ryan Reaves von den Vegas Golden Knights: „Das Gespräch hat angefangen mit weißen Spielern von anderen Teams, die sprechen wollten. Das ist stark.“ Die ansonsten eher zurückhaltenden Liga, für die es natürlich auch um viel, viel Geld geht, erklärte jetzt: „Die NHL unterstützt die Entscheidung und wird die vier Duelle am Samstag nachholen sowie den Zeitplan entsprechend anpassen.“

Jordan in Schlüsselrolle

Zuvor hatten neben der NBA und den Basketballerinnen der WNBA schon Teams und Spieler der Major League Soccer (MLS) und der Major League Baseball (MLB) auf ihre Wettkämpfe verzichtet. Mehrere Mannschaften der Footballliga NFL sagten ihr Training ab und traten stattdessen vor die Medien. „Genug ist genug“, teilten die Baltimore Ravens in einem Statement mit. Man müsse sich dem Thema Rassismus „direkt stellen und jetzt handeln, um positive Veränderungen herbeizuführen“.

Auslöser der Proteste waren Schüsse von Polizisten auf den Schwarzen Familienvater Jacob Blake, der am Sonntag im US-Bundesstaat Wisconsin schwer verletzt worden war. Die Basketballer der Bucks waren daraufhin am Mittwoch nicht zu ihrer Playoff-Partie gegen die Orlando Magic angetreten, hatten stattdessen eine Protestnote vorgelesen.

Die Schlüsselfigur bei den Diskussionen der NBA-Spieler über das weitere Vorgehen war allem Anschein nach der wohl größte Basketballer der Geschichte: Michael Jordan. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, nahm der Mehrheitseigentümer der Charlotte Hornets und damit auch der einzige Schwarze in dieser Position bei einer NBA-Franchise, zu Chris Paul Kontakt auf: Der Star der Oklahoma City Thunder ist der Präsident der NBA-Spielervereinigung. Jordan bot Paul an, die Anliegen der Spieler bei einem Treffen der Klubbesitzer vorzubringen.

Nach Angaben von Sitzungsteilnehmern drängte Jordan beim virtuellen Meeting der Klubchefs seine Kollegen dazu, die Spieler anzuhören, ehe sie Entscheidungen träfen. „Michael ist die perfekte Person in dieser Rolle“, sagte ein NBA-Mitarbeiter zu ESPN, „er war ein hochkarätiger Spieler, der Meisterschaften gewonnen hat. Er ist auch Eigentümer eines Teams in einem kleinen Markt. Er besitzt eine große Glaubwürdigkeit bei den Spielern und bei den Eigentümern.“ Die Klubchefs stimmten bei ihrer Sitzung geschlossen dafür, die Spieler weiter zu unterstützen.

Die Klubbesitzer der NBA haben sich bislang weitgehend aufgeschlossen für die Anliegen der Spieler gezeigt. Sie gestatteten ihnen, in der Blase in Florida mit Botschaften auf den Trikots aufzulaufen. Sie wollen innerhalb der nächsten zehn Jahre 300 Millionen Dollar in Projekte stecken, die die wirtschaftliche Situation Afroamerikaner verbessern. Sie beziehen zudem zumindest in der Öffentlichkeit immer wieder klar Position für ihre Spieler wie am Mittwoch die Mehrheitseigentümer der Bucks. In der Sitzung am Donnerstag kündigten sie an, weitergehende Pläne zu entwickeln. dpa/sid/FR

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