Geisterspiele haben durchaus auch ihre guten Seiten.
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Geisterspiele haben durchaus auch ihre guten Seiten.

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Das Gute an Geistern

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Bundesliga-Spiele ohne Fans haben auch etwas Gutes: Rudelbildung sieht man kaum noch, überbordende Theatralik nach leichtesten Berührungen, kindische Schwalben, nervige Diskussionen mit den Schiedsrichtern fehlen fast völlig.

Der Mensch, sagt man, ist ein Gewohnheitstier, er gewöhnt sich an alles, selbst an Geisterspiele, mehr schlecht als recht. Was anderes gibt es momentan im Fußball nicht zu sehen, und wer an seinem Fernseher die Tonspur „Stadion“ anklickt, kriegt Stadionatmosphäre frei Haus. Und so wahnsinnig viel origineller sind die Orginalfangesänge in echt ja auch nicht. Am grundsätzlich aseptischen Charakter des neuen Spiels ändert das nichts.

Und doch haben sich ein paar Dinge eingeschlichen, die gar nicht so verkehrt sind: Rudelbildung zum Beispiel sieht man kaum noch, überbordende Theatralik nach leichtesten Berührungen, kindische Schwalben, nervige Diskussionen mit den Schiedsrichtern fehlen fast völlig. Kein Mensch vermisst das. Auch scheinen die Rumpelstilzchen an der Seitenlinie plötzlich viel ruhiger geworden zu sein. Warum wohl?

Das komplette Macho-Gehabe, inklusive Alphamännchen-Gewese und plattes Genöle macht in einem menschenleeren Stadion überhaupt keinen Sinn mehr. Im Gegenteil: die sich aufplusternden Protagonisten würden sich vielmehr ja komplett lächerlich machen. Weil kein Gejohle, kein Lärm aus den Kurven mehr erschallt, keine mit Buhrufen und Pfeifkonzerten unterlegte Schauspieleinlage von den Rängen unterstützt wird, kann man sich die zuweilen peinliche Poserei schlicht sparen. Es bringt eh nichts. Es fehlt das hochemotionalisierte, zuweilen eben durch derlei Aktionen aufgestachelte Publikum, das als Rückenstärkung dient. Die Folge: Der Druck auf Schiedsrichter, lautstark und parteiisch untermalt, fällt weg. Deren Aufgabe, so viel steht fest, ist ohne Fans sehr viel einfacher geworden. Deniz Aytekin hat das gleich nach dem ersten Geisterspiel festgestellt, sein Ruhepuls im Revierderby sei so niedrig gewesen wie noch nie bei einem Bundesligaeinsatz. Die verbale Bedrängnis von den Rängen, die Wucht der Masse - sie ist nicht mehr vorhanden.

Auch der Keller in Köln gerät deutlich weniger unter Zugzwang. Die Zurückhaltung durch die Videoassistenten ist offenkundig, die derzeit tatsächlich nur bei krassen Fehlentscheidungen eingreifen. Den Spielen tut das gut. Auch das t eine sehr angenehme Begleiterscheinung der Geisterspiele. Jetzt wird einzig nach besten Wissen und Gewissen geurteilt, der viel zu oft als unerträglich empfundene Druck von außen ist weg, keiner muss sich mehr von der Wucht der Masse getrieben fühlen. Nicht alles ist schlecht an Geisterspielen.

Zuletzt stirbt die Hoffnung, es könnte dereinst Schule in vollen Stadien machen.

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