Fühlt sich vegan gesünder: Serena Williams.
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Fühlt sich vegan gesünder: Serena Williams.

Veganismus im Profisport

Auf der grünen Welle nach oben

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Jonas Austermann
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Immer mehr Topstars im Sport setzen auf Ernährung ohne tierische Produkte. Und der Profifußball macht mittlerweile keine Ausnahme mehr.

Eigentlich seit sie volljährig ist, beschäftigt sich Aleksandra Keleman mit veganer Ernährung. Die Frankfurterin sagt selbst immer wieder, dass das für sie eine Lebenseinstellung ist. Angefangen hatte alles erst so richtig, als die heute 26-Jährige einmal las, dass sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2014 in ihrem Campo Bahia anders ernährte als sonst. Holger Stromberg, der im Trainerstab und bei den Spielern hoch angesehene Sternekoch, verwendete auf einmal vorwiegend Pflanzenmilchprodukte und wenig Fleisch für die Verköstigung der späteren Weltmeister. 

Ernährung könnte für Philipp Lahm und Co. ein Baustein auf dem Weg zum vierten Stern gewesen sein; jedenfalls war die Mannschaft bis in die Verlängerung des finalen Abnutzungskampfes gegen Argentinien noch bei Kräften – inklusive des Chips-Liebhabers Bastian Schweinsteiger. Keleman hat damals die Aussage von Stromberg hellhörig gemacht, dass sich die Spieler ohne tierische Produkte viel fitter fühlten. Bald entstand ihre Facebook-Gruppe „Top Athletes vegan“, die mittlerweile stolze 2496 Mitglieder hat. 

Darunter befinden sich der Radprofi Simon Geschke oder die Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Margareta Kozuch, der Marathon-Rekordhalter Arne Gabius und die Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner, der ehemalige Eishockey-Nationalspieler Christian Ehrhoff oder NHL-Torwart Philipp Grubauer (Washington Capitals). Aber auch Fußballprofis wie Mats Hummels (Borussia Dortmund), Luca Waldschmidt (SC Freiburg), Rani Khedira (FC Augsburg) oder Christopher Lenz (Union Berlin). Fast zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe gehört Diego Demme, der gerade von RB Leipzig zum SSC Neapel gewechselt ist. RB-Projektleiter Ralf Rangnick erwähnte gerne, dass Dauerläufer Demme stets auf die vegane Variante des von ihm eingestellten Mannschaftskochs Philipp Fricke zurückgriff. Unter Julian Nagelsmann gibt es fleischloses Essen übrigens weiterhin.

Kocht gern sein eigens Süppchen, mitunter auch vegan: Fußballprofi Serge Gnabry.

„Im Fußball hat sich viel getan“, sagt Keleman, die es anfangs schon überrascht, was da alles gegessen wurde. „Jetzt wird gerade in der Fußball-Bundesliga mehr darauf geachtet.“ Viele allerdings wollten allerdings anonym bleiben, wenn es darum geht, was auf den Teller kommt. Sie begleitet Akteure beim Einkaufen, empfiehlt Bioläden, kocht auf Wunsch sogar mit ihnen. Und natürlich postet sie auf Social Media unentwegt Belege, wie schlecht Massentierhaltung und Fleischkonsum sind. Nicht nur für den Menschen, sondern auch fürs Klima. Die Aktivistin: „Der Zusammenhang ist sehr präsent. Die Gesellschaft wird immer offener für solche Themen.“ 

Beim Fußball geht es meist darum, das Optimum an Leistung herauszukitzeln. Eintracht Frankfurt nimmt seinen Koch Saverio Pugliese, der einen Nobel-Italiener in Neu-Isenburg betreibt und bis 2003 für die Nationalmannschaft gekocht hat, zu den Europa-League-Auswärtsspielen oder ins Trainingslager nach Florida mit. Andere Vereine gehen noch einen Schritt weiter und haben im Helferstab einen Ernährungsberater implantiert, der sich täglich um die Spieler kümmert. Jürgen Klopp vom Champions-League-Sieger FC Liverpool will beispielsweise die Deutsche Mona Nemmer gar nicht mehr missen. Ihr Erfolgsrezept: Individuelle Gerichte, exakt abgestimmt auf die Bedürfnisse eines Spielers. Ihr Fokus: unbehandelte Nahrungsmittel, um den Nährwert so hoch wie möglich zu halten. Das inoffizielle britische Nationalgericht „Fish and Chips“ können die Fans der Reds konsumieren, aber nicht Klopps kraftstrotzende Kicker. 

Die Liste prominenter Beispiele der Sportstars, die auf der grünen Welle reiten, wird immer länger: Formel-1-Champion Lewis Hamilton sowie die Tennisstars Serena Williams und Novak Djokovic verzichten komplett auf tierische Produkte. Hamilton ernährt sich auf pflanzlicher Basis. Der sportliche Erfolg ist dabei nicht der einzige Antrieb, wie der 35-Jährige erklärte. „Die vegane Ernährung ist der einzige Weg, unseren Planeten wirklich zu retten“, schrieb Hamilton bei Instagram und präzisierte in einem BBC-Gespräch: „Die Menge an Treibhausgasen, die von der Masse an Kühen produziert wird, ist einfach unglaublich. Man sagt, es ist mehr als alle Autos und Flüge zusammen, das ist verrückt. Das möchte ich nicht unbedingt unterstützen.“ 

Einst Fleischesser: Tom Brady im Jahr 2012.

Ganz andere Gründe führte Serena Williams an. Die amerikanische Tennisspielerin verzichtet aufgrund einer Autoimmunerkrankung gänzlich auf tierische Produkte. „Ich wollte meine Leistungsfähigkeit auf dem Court erhalten. Nachdem ich damit begonnen hatte, habe ich mich in das Konzept verliebt, meinen Körper bestmöglich durch rohes veganes Essen zu versorgen.“ Djokovic beobachtete bei sich zudem einen Rückgang von Allergien. Und auch Football-Star Tom Brady, Quarterback der New England Patriots, der vor einigen Jahren noch öffentlichkeitswirksam in die Fleischkeule biss, setzt inzwischen auf Veganismus. 

Aber muss es wirklich gleich so weit gehen? Robert Erbeldinger, Herausgeber der „Sportärztezeitung“, möchte sich nicht anmaßen, diese Variante grundsätzlich für „besser“ zu erklären. „Eine alleinige vegane Ernährung hat aus meiner Sicht wenig Vorteile, wenn man sich mit der Ernährung nicht auseinandersetzt.“ Der 41-Jährige plädiert lieber dafür, eine gesunde Mitte zu finden. „Wir müssen gar nicht zwischen den Extremen springen. Warum gönnen wir uns nicht eine mediterrane Kost mit viel Gemüse? Oder auch Fleisch und Käse aus regionaler, aber hochwertiger Herstellung.“ 

Erbeldinger beobachtet ein stark gesteigertes Interesse an dem Thema, veranstaltet mittlerweile sechs Mal im Jahr einen „Tag der Sporternährung“ für Experten aller Fachrichtungen. Freizeit-, aber auch Leistungssportlern würde es schon helfen, „wenn sie sich mit dem Herstellungsprozess ihrer Nahrungsmittel auseinandersetzen, sie selbst zu bereiten und sich bewusster ernähren.“ Als Beispiel, dass es gar keinen Totalverzicht braucht, kann er den Mainzer Zehnkämpfer Niklas Kaul anführen.

In der Februar-Ausgabe der „Sportärztezeitung“ spricht Kauls Mutter Stefanie, selbst frühere Leichtathletin und zugleich Trainerin des Weltmeisters, über die Wichtigkeit der schnellen Regeneration. Und da sagt Deutschlands Sportler des Jahres: „Ein wichtiger Aspekt ist die schnelle Zufuhr von Eiweiß nach dem Training. Hier setze ich vor allem auf Milchprodukte.“ 

Auch Weltfußballer Lionel Messi (FC Barcelona) oder Sergio Agüero (Manchester City) aus dem Land des Fleischproduzenten Argentinien sind keine völligen Asketen, haben ihren Fleischkonsum aber eingeschränkt oder zeitweise aufgegeben. Aus der deutschen Nationalmannschaft hat Serge Gnabry (FC Bayern) vor knapp einem Jahr mal die vegane Variante ausprobiert. Der 24-Jährige erzählte von „Anregungen, Gespräche mit Freunden, Dokumentationen, mit denen ich mich beschäftigt habe.“ Mehrere Monate ließ er sich auf das Experiment ein. Schon im Sommer gestand er allerdings, zwischendurch wieder „Fleisch und andere Dinge“ gegessen zu haben. Aleksandra Keleman wird es nicht gerne hören.

Veganismus im TV

Eine Netflix-Doku brachte viele auf den Geschmack. Sie macht Hunger – auf alles außer tierische Produkte. „The Game Changers“ (erschienen im September 2019) gehört derzeit zu den viel diskutierten Filmen. In der 88-minütigen Doku geht es um Topsportler, vor allem echte Schwergewichte, die Muskelaufbau und Höchstleistungen mit veganer Ernährung stemmen. U.a. kommen Ex-Bodybuilder Arnold Schwarzenegger, Formel-1-Ass Lewis Hamilton und der deutsche Kraftsportler Patrik Baboumian zu Wort. 

Die Doku, die Schwarzenegger und Hollywood-Regisseur James Cameron mitproduzierten, stellt verschiedene Athleten vor, die den Wandel von fleischreicher auf rein pflanzliche Ernährung gemeistert haben – und damit angeblich echte Leistungsexplosionen erlebt haben.  

Zweifelhafte Studien sollen belegen, dass schon die Gladiatoren im alten Rom reine Pflanzenfresser waren. Diese und andere Behauptungen der Netflix-Doku sind inzwischen von mehreren Experten widerlegt worden. Immerhin aber gibt der Film einen wichtigen Denkanstoß, was den Fleischkonsum in der heutigen Gesellschaft betrifft. Allerdings schießt er übers Ziel hinaus und leistet eher Lobbyarbeit, anstatt sich an den Fakten zu orientieren. Wie für Fleisch gilt für „The Game Changers“ das Motto: mit Vorsicht zu genießen. (FR)

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