Fußball und Coronavirus

Das große Stoppschild

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Alles andere als eine Absage von Großveranstaltungen wie Fußball-EM und Olympia wäre nicht zu verantworten. Aber wer den Verbänden einfach vorwirft, sie seien zu lange untätig gewesen in der Corona-Krise, denkt zu kurz.

Man muss kein Phantast sein, um zu erkennen, dass kein vorhersehbarer Weg daran vorbei führt, ein riesengroßes Stoppschild aufzustellen. Der Spitzensport kommt weltweit zum Erliegen, alles andere wäre grob fahrlässig. Betroffen dürfte davon auch die gigantische paneuropäische Fußball-EM sein. Denn kein Mensch kann verantworten, dass bei einem solchen Großturnier, ähnlich wie wenig später bei Olympia, nicht erheblicher kollektiver gesundheitlicher Schaden angerichtet wird. Ganz abgesehen davon, dass bei einer zu erwartenden Quarantäne einzelner mannschaften der sportliche Wettbewerb ohnehin obsolet wäre.

In den vergangenen Tagen ist den Topmanagern des Profifußballs bescheinigt worden, sie seien „Drückeberger“ und „Krämerseelen“, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht würden, sondern sich aus Furcht vor den wirtschaftlichen Nachteilen eines Shutdowns wegducken. Den Kritikern darf entgegengehalten werden: Der Profisport ist ja nicht nur ein Geldvermehrungsgeschäft zum Wohle weniger Topverdiener. Tatsächlich sind Verbände und Klubs doch auch Schutzbefohlene für tausende Mitarbeiter. Neben der eingeforderten Verantwortung fürs große Ganze müssen sie also auch ganz profan ihrer Verantwortung als Arbeitgeber gerecht werden und schauen, dass genügend Geld in der Kasse ist. Dabei geht es nicht nur um die Befüllung von Großkonten der Profis, sondern auch den kleinen Angestellten am Ticketingschalter, der gerade keine Karten verkaufen kann.

Beispiel Uefa: Der europäische Fußballverband profitiert alle vier Jahre von fetten Einnahmen aus Europameisterschaften. Für 2020 sind mehr als zwei Milliarden Euro im Etat angesetzt. Es sind aberhunderte Verträge geschlossen, komplizierte Haftungsregelungen inklusive, die kein Funktionär mal eben durch eine Absage aufs Spiel setzen kann. Es gehört also zu einem seriösen Vorgehen, sich als Dachverband mit allen angeschlossenen Nationalverbänden zu beraten. Das wird am kommenden Dienstag geschehen. Man könnte jetzt oberflächlich nörgeln, das sei reichlich spät. Aber so ein komplexes und mutmaßlich folgenschweres Videomeeting muss natürlich präzise vorbereitet werden. Das geht nicht mal eben über Nacht.

TV-Millionen noch offen

Auch die grotesk anmutenden Verlautbarungen des Internationalen Olympischen Komitees, es werde schon alles irgendwie gutgehen mit Olympia im Juli/August in Tokio, sollte man vor diesem Hintergrund beurteilen. Kaum anzunehmen, dass sie im IOC ihren eigenen Worten noch Glauben schenken, aber ein paar gewiss nicht einfache Absprachen mit dem Ausrichter, Verbänden und Sponsoren sind aus nachvollziehbaren Gründen schon noch notwendig, ehe die gerade angezündete Flamme dann bald wohl wieder ausgepustet wird.

Was den hiesigen Profifußball angeht: Die Bundesliga, die Jahr für Jahr zwar neue Rekordumsatzzahlen proklamiert, ist in Wahrheit doch bloß ein Geld-rein-Geld-raus-Geschäft. Wenn die Saison nun abrupt zu Ende ginge, wären die Einschnitte auch deshalb so gravierend, weil die Klubs neben fehlenden Einnahmen aus Eintrittsgeldern ja auch ihren vertraglichen Verpflichtungen dem Fernsehen gegenüber nicht mehr gerecht werden könnten. Der Rest der Bundesligasaison ist noch 350 Millionen Euro an TV-Erträgen wert, Ausfallversicherungen greifen nur teilweise.

Für die Dritte Liga und die Regionalligen mit einer Vielzahl an Spielern, die oft kaum mehr als das Existenzminimum kassieren, stellt sich die Situation noch viel, viel beklemmender dar. Denn die schützende Fettschicht aus Eigenkapital fehlt dort komplett. Ergo: Wenn Insolvenzen drohen, ziemt es sich nicht, in simpler Schwarz-Weiß-Rhetorik der Moral einzig und allein das Fressen gegenüberzustellen. Es gibt schon noch ein paar Zwischentöne. Zwischentöne, die mit der Gesundheit leider unsolidarisch sind.

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