Tour de France

Große Erwartungen auf schmalen Schultern

Emanuel Buchmann in einer Hauptrolle, Tony Martin als einer der besten Nebendarsteller, die Sprinter wohl Statisten: Die Aussichten der deutschen Radprofis klaffen bei der großen Tour de France weit auseinander.

Der tapfere Emanuel Buchmann hat trotz aller Sturzschmerzen den Traum vom Podest nicht abgehakt, Lokomotive Tony Martin soll seinen Boss Primoz Roglic ins Gelbe Trikot schuften – die einst mächtigen Sprinter um Dauerbrenner André Greipel spielen hingegen nicht mehr in der ersten Liga. Ein Dutzend deutscher Radprofis nimmt am Samstag in Nizza die 107. Tour de France in Angriff, die größten Hoffnungen ruhen dabei auf den schmalen Schultern des angeknockten Buchmann.

„Es wird besser, in drei Tagen wird das weg sein“, lautete die Schmerz-Bestandsaufnahme Buchmanns im ZDF vor der Anreise an die Cote d‘Azur. Nach seinem bösen Crash bei der Dauphine vor knapp zwei Wochen drohte ihm gar kurz das Tour-Aus, jetzt will der Bora-Kapitän zumindest den Weg in Richtung Paris in Angriff nehmen. Doch angesichts der Sturznachwehen ist für den 27-Jährigen der eigene Körper eine Wundertüte.

Mit Schmerzen umgehen

„Es ist nicht vorauszusagen, in welcher Form ich am Start stehen werde. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es einigermaßen gut geht, es kann auch nach hinten losgehen – wir versuchen es aber auf jeden Fall“, sagte Buchmann, der immerhin auf seinen ebenfalls vom Tour-Aus bedrohten Adjutanten Max Schachmann bauen kann. Der Paris-Nizza-Sieger Buchmann startet trotz Schlüsselbeinbruch und sagt deshalb : „Ich hoffe, dass ich mit den Schmerzen umgehen kann.“

Buchmanns Dauphine-Malheur ist doppelt schmerzhaft: Nach wochenlanger Schinderei war er in Topform, hätte sich im Kampf um Gelb nicht vor den Favoriten Primoz Roglic und Egan Bernal verstecken müssen – das erste Tour-Podium für einen Deutschen seit Andreas Klöden 2006 wäre machbar gewesen. Jetzt geht es darum, beim schweren Auftakt Schadensbegrenzung zu betreiben. „Einrollen gibt es nicht“, weiß Buchmann.

Keine Wundertüte, sondern die Verlässlichkeit in Person ist Tony Martin. Der viermalige Zeitfahrweltmeister jagt zwar mit 35 Jahren kaum mehr persönlichen Erfolgen hinterher, ist aber als „Road Captain“ und nimmermüdes Arbeitstier für Roglics Team Jumbo-Visma unersetzlich – die Niederländer verlängerten deshalb seinen Vertrag bis 2022. „Ich liebe es, für dieses Team zu kämpfen, genieße meine Rolle. Unsere Leader geben so viel zurück, es macht einfach Spaß“, sagte Martin, der bei seinen jüngsten fünf Tourstarts nur einmal ins Ziel kam – im Vorjahr wurde er nach einem Handgemenge mit Ineos-Profi Luke Rowe disqualifiziert.

Zum zehnten Mal nacheinander geht Sprinter André Greipel in die Tour, ist 38-jährig der viertälteste Starter der Tour. Vier Jahre liegt der letzte seiner elf Etappensiege zurück, zu den allerschnellsten Alphatieren gehört der „Gorilla“ nicht mehr – doch Greipel, der im ersten Jahr für Neuling Israel Start-Up-Nation fährt, ist Teil von etwas Historischem: „Es wird eine großes Fest für das erste israelische Tour-Team mit dem ersten israelischen Tour-Fahrer.“

Für den bislang letzten deutschen Etappensieg sorgte John Degenkolb vor zwei Jahren in seinem „Wohnzimmer“ Roubaix, doch Wunderdinge sind von dem Klassikerjäger aus dem hessischen Oberursel diesmal nicht zu erwarten. Sein Hauptjob: Vorarbeit für Lotto-Soudal-Sprinstar Caleb Ewan leisten. „Aber es gibt auch eine Menge mittelharte Etappen, wenn wir die Chance auf ein Ergebnis sehen, werde ich meine Freiheiten bekommen“, sagte der 31-Jährige. (sid)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare