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Grausame Auswüchse

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Von: Günter Klein

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Spielball der Politik: Kamila Walijewa.
Spielball der Politik: Kamila Walijewa. © dpa

Eiskunstlauf ist ein knallharter Ausbildungs- und Disziplinsport, doch dem muss Einhalt geboten und die Ausbeutung von Kindern unterbunden werden.

Wie Tokio im vergangenen Sommer, so hinterlässt auch Peking 2022 eine aufwühlende Geschichte des Leides. Weil Empörung ein oft nachhaltigeres Gefühl ist als Freude, bleiben aus Japan die Pferdequälerei im Modernen Fünfkampf und aus China das in einem persönlichen Drama kulminierende Hickhack um die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa in Erinnerung.

Zwei Fälle, die technisch wenig miteinander zu tun haben, die aber sehr wohl in einer Verbindung stehen: als unmenschliche Auswüchse und absehbare Schäden der jeweiligen Sportsysteme – und sie waren absehbar. Über die hässliche Seite des Modernen Fünfkampfs hat Olympia lange hinweggesehen und die einzigartige Anforderungsvielfalt des Formats gepriesen.

Das Eiskunstlaufen muss durch Verbands- und IOC-PR gar nicht unterstützt werden, denn es fasziniert global aufgrund seiner Ästhetik, die Besten werden zu Weltstars, auch weil ihre Karrieren langlebig sind. Allerdings nicht in allen Klassen: Was für Paare im Lauf und Tanz und für die Herren gilt, trifft in der Frauen-Konkurrenz nicht zu. Die Siegerinnen werden immer jünger, Karrieren an der Spitze überdauern nicht mehr als einen olympischen Zyklus.

Dass es einen Preis geben muss für die Extraklasse der Teenager, konnte man wissen. Eiskunstlauf ist ein knallharter Ausbildungs- und Disziplinsport, es geht um Perfektion, und es ist schwer vorstellbar, dass Trainerinnen und Trainer ohne starke Autorität und Besessenheit auskommen könnten. Die für Walijewa zuständige Eteri Tutbedridse wird von ihrem Verband ja nicht ohne Grund geschützt: Sie liefert Erfolge. Und wenn Russland sie nicht mehr beschäftigen würde – Amerika würde freudig Hallo sagen (sie hat in den USA ja auch schon gearbeitet).

Ausbeutung von Kindern

Doch was Kamila Walijewa dieser Tage in China widerfuhr, geht noch weit hinaus über alle Fragwürdigkeiten der Branche. Sie wurde nicht nur von ihrer Trainerin geopfert, sondern auch vom Verband und wohl auch der russischen Regierung, für die das Erlangen der Startberechtigung trotz Dopingbefundes ein politisches Symbol war. An den Schutz einer Minderjährigen dachte niemand.

Der Sport kann die Politik nicht besiegen. Aber er hat Werkzeuge, um sich abzugrenzen: Regeln, die er selbst schreibt. Der Fünfkampf reformiert sich, das Eislaufen muss es auch tun. Die Forderung sollte, nein, sie muss lauten: Kein Seniorenstart unter 18 Jahren mehr, um die Ausbeutung von Kindern zu unterbinden. Wenigstens das.

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