Dustin Johnson steht nach dem Triumph beim Masters in Augusta im US-Bundesstaat Georgia die kürzeste Titelphase aller Zeiten bevor.
+
Dustin Johnson steht nach dem Triumph beim Masters in Augusta im US-Bundesstaat Georgia die kürzeste Titelphase aller Zeiten bevor.

Masters

Golf wie Darts werfen

  • vonBernd Müllender
    schließen

US-Profi Dustin Johnson, eben noch Corona-positiv, gewinnt das ungewöhnliche Masters mit historischem Rekord – ein Altstar erlebt ein Desaster, ein anderer brilliert auf dem Grün.

Nein, keine blühenden Magnolienwälder, keine farbenprächtigen Azaleen wie sonst immer im April, natürlich nicht. Stattdessen braun-gelbe Blätter der Vergänglichkeit an den mächtigen Bäumen, auch mal Ensembles von Kiefernnadeln auf den Grüns und zwischendurch Laubbläser im Einsatz. Statt 50.000 tobender ZuschauerInnen Stille. Man hörte sogar Vogelgezwitscher und ständig die beschwörenden Kommandos der Spieler an ihre Bälle: „Go“ für „flieg weiter“ oder „Sit“ für „Stop, nicht so weit, bleib liegen“. Und wenn ein Dutzend Offizieller mal klatschte nach einem gelungenen Schlag, war das wie eine Eruption.

Sicher, eine so eine pandemiebedingte Menschenleere rund um die Fairways kennen die Profis schon den ganzen Sommer. Aber in Augusta, im Vulkan der Emotionen? Dieses stille 84. Masters, im November, nachgeholt nach der coronabedingten Absage im Frühjahr, war das anderste aller Zeiten.

Auch die Spielbahnen sind im feuchten Herbst ganz andere. Augustas Grüns sind berühmt, weil sie hart sind wie Glasplatten; die Bälle hüpfen gern schwer kalkulierbar und rollen manchmal bis an den Rand der Unendlichkeit (oder in einen See). Im November 2020 meinte Altmeister Jack Nicklaus etwas despektierlich: „Das ist ja wie Darts werfen.“ Wo der Ball auf dem tiefen Grün landete blieb er oft auch liegen.

Bernhard Langer, der Anhauser aus Boca Raton, Florida mit lebenslangem Startrecht durch seine prähistorischen Turniersiege (1985, 1993), schaffte eine andere Bestmarke. Er wurde zum ältesten Spieler aller Zeiten, der in Augusta den Cut schaffte, also die Finalrunden drei und vier weiterspielen dürfte. 63 Jahre ist Langer alt. Er schlägt nicht mehr so weit wie die bis zu vierzig Jahre jüngeren Konkurrenten, aber fast immer absolut präzise.

Tiger Woods erlebt Desaster

Und der Alt-Master wurde bei seiner 37. Teilnahme einer der besten Putter des Turniers: Auf den Grüns brauchte er für das Turnier sechs bis sieben Schläge weniger als der Durchschnitt aller Teilnehmer. Langer, ein Gedächtniswunder, hat nach fast 200 Runden hier (mit Training) jede kleinste Bodenwelle rund um die Fahnen abgespeichert und das Rollverhalten des Balles an jeder Stelle, hochgerechnet auch auf veränderte Witterung.

Das nicht alternde Golfwunder wurde toller 29. und lag damit auch vor Titelverteidiger Tiger Woods. Der hatte am Finaltag das größte Desaster seine Karriere erlebt: An Loch 12, der mit 140 Metern kürzesten Bahn, schlug er den Ball drei Mal ins Wasser, zwei Mal Sandbunker obendrauf – am Ende stand eine demütigende zehn auf der Scorekarte. Eine Zehn – wo sonst eine Vier ein schlechtes Ergebnis ist.

Und auch der Sieger schaffte eine Bestmarke. Mit 20 Schlägen unter Platzstandard gewann der US-Weltranglistenerste Dustin Johnson, 36, bei seinem ersten Masters-Triumph. Es war das niedrigste Ergebnis seit der ersten Masters-Auflage 1934. Der Riesenvorsprung (5 Schläge und mehr) bedeutete leider keinen besonders dramatischen Finaltag. „DJ“, wie der neuerdings rübezahlbärtige Johnson genannt wird, war im Oktober noch Covid-positiv elf Tage lang in einem Hotelzimmer in Las Vegas isoliert. „Nur sitzen und warten, dass du krank wirst“, sagte er, sei furchtbar. Er kam gut durch. Vier Wochen danach war „ein Traum wahr geworden“, konstatierte er eher still als triumphal. Das hässliche grüne Jacket des Siegers in extralang passte auch.

In Augusta ist auch sonst stets alles anders. Der Klub ist so reich und mächtig, dass man auf Werbebanden verzichtet und alles in Masters-Dunkelgrün hüllt. Die extra teuren Merchandising-Artikel gibt es nur während des Turniers, vor Ort. Wenn der letzte Put versenkt ist, wird der Rest der Ware nicht etwa über die Website verramscht, sondern – vernichtet. Werterhalt durch künstliche Verknappung nennen das Wirtschaftstheoretiker.

In diesem Jahr durfte erstmals online gekauft werden, aber pro Person höchstens zwei Gegenstände. Und: Wer etwa den Kaffeepott für 50 Dollar bestellen wollte oder die Corona-Maske für 16, musste im Besitz eines 2020er-Tickets sein – also so als wäre man da gewesen. Doch nicht alles anders.

Dustin Johnson geht derweil in die kürzeste Titelphase aller Zeiten. Sofern Joe Biden, der hier im Südstaaten-Konservativistan Georgia so überraschend gewann, das Trumpsche Corona-Desaster in den Griff bekommt, steht schon im April das nächste Masters an – dann zwar mit wiedererblühten Azaleen, aber wahrscheinlich wieder lautlos.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare