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Geselliges Gehen auf der Ludwigstraße

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Mutig zu Bronze gegangen: Saskia Feige belegt über 20 Kilometer den dritten Platz.
Mutig zu Bronze gegangen: Saskia Feige belegt über 20 Kilometer den dritten Platz. © dpa

Die Münchner Leichtathletik-Fans säumen die Strecke und treiben Saskia Feige und Leo Köpp über 20 Kilometer Gehen zu Höchstleistungen.

Der Regen prasselte auf die Münchner Ludwigstraße herab, es war ein Wetter, um sich zu flüchten in Cafés oder Läden, doch die, die den Streckenrand säumten, blieben. Es wurden sogar immer mehr, an manchen Strecken bildete sich eine zweite und dritte Reihe, Der Abschluss des EM-Gehens über 20 Kilometer war ein Publikumserfolg. Warum ist das nicht immer so?

Vielleicht wird es jetzt auch anders. Es hängt ja immer auch an den Persönlichkeiten, den Protagonist:innen. Man konnte sich der emotionalen Teilnahme nicht verschließen, als Saskia Feige durch die Schlechtwetterfront des Samstags stapfte. Sie ging ein mutiges Rennen, nach 14 Kilometern sogar kurzzeitig an die Spitze, am Ende gewann sie Bronze. Sie sagte: „Ich habe die Atmosphäre genutzt und mich schieben lassen.“ München war ihr neu, „ich war noch nie da“, sie kam erst am Donnerstag an, weil sie sich zuhause auf das Physikum in ihrem Medizinstudium kommenden Dienstag vorbereitete.

Leo Köpp gewann keine Medaille, er wurde bei den Männern Achter, doch das Wasser, das ihm übers Gesicht rann, klassifizierte er als „Freudentränen“. Er war begeistert vom Erlebnis, der Kulisse, der Teilnahme der Menschen, er verspürte „Gänsehaut“. Und er konnte einschätzen, was diese gute Platzierung bedeutet: Er positioniert sich in einem Sport, in dem er blutjung ist mit seinen 24 Jahren. Er kann auch in 15 und mehr Jahren noch konkurrenzfähig sein. Er sagt: „Da kann was kommen.“

Saskia Feige ist 25, Köpp wie gesagt 24, sie lachen gerne, sie erzählen bereitwillig aus ihrem Leben, ihrem Sport. Beide hätten auch im Laufen landen können. Köpp lernte das Gehen bei einem Auslandsaufenthalt als Schüler in Amerika kennen, und daheim im Verein fragte ihn die Geher-Gruppe einen Tag vor den Läufern, ob er bei ihnen mitmache – er hielt sein Wort. Saskia Feige lief auf der Bahn, hatte einen Hunger nach längeren Strecken, die in ihrem damaligen Alter nur das Gehen mit 10 Kilometer für die Jugend stillen konnte. „Wäre ich beim Laufen geblieben, ginge das irgendwann Richtung Marathon. Das finde ich auch interessant. Aber dafür muss man älter sein.“

Die jungen Deutschen kommen in einer Zeit in das Gehen, wo es sich reformiert. Sie sind offen für eine neue Form wie das Mixed, das im Gespräch ist, oder für die 10 Kilometer. Doch auch der Newcomer Köpp bedauert, dass die 50 Kilometer durch die 35 ersetzt werden. „Das war doch cool, dass wir die längste Strecke zu Fuß in der Leichtathletik hatten. Ich glaube, fürs Gehen werden sich nicht deswegen mehr Leute interessieren, weil es statt 50 nur noch 35 Kilometer sind.“

Die Felder im Gehen sind nach wie vor überschaubar, sowohl Köpp als auch Feige müssen öfter alleine trainieren, während die Läufer Gruppen bilden können. Feige freut sich, wenn ihre Trainerin mit dem Rad nebenherfährt, Köpp sagt: „Wir haben immer noch Corona“, auch das gebiete oft den Allein-Gang. Und trotz ihrer sprudelnden Geselligkeit kennen sie daher die Einsamkeit der Langstreckengeher. Aber die Ludwigstraße hat sie erlöst.

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