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Ärgert sich über Nachlässigkeiten: Ilkay Gündogan (links), Torschütze zum 1:0 gegen Granit Xhaka und die Schweiz.

Deutschland nur 1:1 gegen die Schweiz

So schafft es das DFB-Team nicht zurück in die Erfolgsspur

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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Zu wenig Kraft, zu wenig Konzentration, zu wenig Kommunikation - so schafft es das DFB-Team nicht zurück in den Erfolgsmodus.

Es passiert selten, dass deutsche Fußball-Nationalspieler öffentlich unverhohlene Kritik an Kollegen üben. Wenn sie das tun, dann selbstverständlich ohne Namensnennung, niemand soll ja bloßgestellt werden. Aber wer das 1:1 am Sonntagabend gegen die Schweiz verfolg hatte, wusste genau, wen Ilkay Gündogan meinte, als der Mittelfeldspieler sich „ein bisschen angepisst“ im ZDF-Interview äußerte: „Wir haben Bälle vorne unnötig verloren, die wir festmachen können. So fällt auch das Gegentor, wo wir unbedrängt einen Fehlpass spielen. Auf dem Niveau darf das nicht passen.“ Damit übte der Torschütze zum 1:0 (14.) klare Kritik am eingewechselten Julian Brandt, der mit seinem schludrigen Pass genau in des Gegners Beine das 1:1 durch Silvan Widmer (58.) verschuldet hatte. Brandt hatte einer erschlaffenden Mannschaft Power verleihen sollen. Er tat das Gegenteil, nach dem Ballverlust joggte der Dortmunder gemeinsam mit Julian Draxler im Zuckeltrab zurück - beide kamen folglich zu spät zur Hilfe. So geht das natürlich nicht im gehobenen Profifußball.

Vermutlich hätte bald darauf nichts besser zu einem besorgten Bundestrainer gepasst als ein dunkler Vorhang im Hintergrund, der sich nur geringfügig vom schwarzen Rollkragenpullover abhob, den Joachim Löw bei seinem nächtlichen Vortrag trug. Im Medienzentrum des St. Jakob-Parks von Basel, im Schweizer Sprachgebrauch nur „Joggeli“ genannt, redete der Bundestrainer wie ein Theaterregisseur, der einer fehlerhaften Probe beigewohnt hatte, die er selbst inszeniert gehabt hatte. Dass das am Ende sogar ein wenig glückliche Unentschieden gegen die Schweiz im zweiten Nations-League-Gruppenspiel demselben Spielfilm folgte wie das 1:1 gegen Spanien, schien den 60-Jährigen nicht sonderlich zu überraschen.

DFB-Team: Guter Anfang, schlechtes Ende

Dem guten Anfangsniveau folgte ein schlechtes Ende. „Wenn wir die Dinge umsetzen, haben wir immer gute Aktionen, gewinnen Bälle, bekommen Chancen. Aber wir machen es nicht über 90 Minuten“, konstatierte Löw, der seinen Spielern aufgetragen hatte: „Durchdecken gegen den Mann“. Dass diese laufintensive Vorgabe nicht durchzuhalten war, hatte der Südbadener nahe seiner Heimat beinahe billigend in Kauf genommen. Sein Fazit: „Entwicklung ist wichtig, aber natürlich will man die Spiele gewinnen.“ In sechs Anläufen in dem Wettbewerbsformat Nations League fehlt Deutschland immer noch ein Sieg. Der Abstieg wurde zur Premiere nur dank der Uefa durch die Aufstockung der A-Kategorie verhindert.

Flugzeug statt Bus

Nach der öffentlichen Kritik am kurzen Charterflug der Fußball-Nationalspieler von Stuttgart nach Basel hat DFB-Direktor Oliver Bierhoff reagiert: „Wir können die kritischen Stimmen nachvollziehen und nehmen die entstandene Diskussion zum Anlass, uns zu hinterfragen, wie wir künftig die wichtigen Aspekte Umwelt und Nachhaltigkeit stärker in unseren Planungen und Entscheidungen berücksichtigen können“, wurde Bierhoff am Montag auf der DFB-Homepage zitiert. Gleichzeitig verteidigte er die Abläufe: „In der Vorbereitung auf die beiden Länderspiele hatten wir uns vollkommen auf die Hygienesicherheit für die Mannschaft und optimale Voraussetzungen konzentriert, die körperliche Regeneration der Spieler zu gewährleisten“, sagte Bierhoff. Daher sei der Flieger die bessere Wahl als Bus oder Bahn gewesen.

Neben „guten Erkenntnissen“ (Löw) sind gute Ergebnisse auch noch aus einem anderen Grund wichtig: Ein weiteres Abrutschen in der Fifa-Weltrangliste könnte fatale Folgen haben: Im November wird bereits die WM-Qualifikation ausgelost, und nur die zehn bestplatzierten Nationalteams sind als Gruppenköpfe gesetzt. Allein die Gruppensieger qualifizieren sich auf direktem Wege für die WM 2022. Zehn Gruppenzweite und zwei Nations-League-Bestplatzierte balgen sich in Playoffs um nur noch drei freie Plätze.

Die DFB-Auswahl für das Freundschaftsspiel in Köln ist gut beraten, gegen die Türkei (7. Oktober) und die Nations-League-Gruppenspiele in der Ukraine (10. Oktober) und gegen die Schweiz (13. Oktober) in den Gewinnermodus zu schalten. Nur 6,51 Millionen Fernsehzuschauer beim ZDF – eine Niederlage im Quotenduell mit dem ARD-Tatort – sind ein weiteres Indiz, auf welch schmalem Grat das Aushängeschild des deutschen Fußballs gerade wandelt.

DFB-Team mit unsensibler Reiseplanung

Das unsensible Vorgehen bei der Reiseplanung mit einem Charterflug von Stuttgart ins 260 Omnibus-Kilometer nahe Basel hilft dabei nicht, neue Freunde zu gewinnen, sondern zementiert die Abgehobenheit der „Blase Nationalmannschaft“, die schon 2018 beim WM-Aus in Russland arg kritisiert wurde. Mit den vom DFB mehr vor sich hergetragenen als tatsächlich gelebten Werten in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz hat ein solches Vorgehen so gar nichts gemein. Es konterkariert gar die Symbolik des vom Präsidenten Fritz Keller vorgetragenen „Enkeldenkens“.

Löw seinerseits hat offenbar dann doch noch erkannt, dass sich auch seine Bringschuld vergrößert, wenn die nächsten Länderspieltermine mit je drei Partien in sieben Tagen anstehen: „Wir werden mit der vollen Kapelle antreten im Oktober und November. Es werden sieben, acht Spieler zurückkommen, die bei uns eine wesentliche Rolle spielen“, übertrieb er. Dann werde man richtig angreifen: „Dann werden wir auch Spiele gewinnen.“ Dafür braucht es aber mehr Entschlossenheit. Kraft und Konzentration.

Und auch bei der Kommunikation ist noch einiges zu tun: Beinahe entlarvend, wie wenig sich die Akteure auf dem Platz coachen. Löw, der über die Richtmikrofone im fast verwaisten Stadion gut zu hören war, hatte das eigens noch thematisiert, denn: „Wenn man sich lautstark coacht, gibt das Energie und ist eine große Hilfestellung. Auch da müssen wir besser werden.“ Einer wie Joshua Kimmich als zentraler Kommandogeber soll bald wieder den Lautstärkepegel heben. Die ersten beiden Geisterspiele der deutschen Länderspielgeschichte waren schließlich von einem Spannungsabfall geprägt, der nicht nur mit dem frühen Saisoneinstiegszeitpunkt oder einer nicht eingespielten Mannschaft erklärt werden kann. Auch den Gegnern Spanien und der Schweiz erging es schließlich nicht besser. Der Bundestrainer, immerhin, redete nun bereits so konkret über die Planungen für die nächste Zusammenkunft, als könne er es nicht erwarten, dass der Vorhang für seine Nationalelf schnell wieder aufgeht.

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