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„Ich bin niemand der sagt: Das war ein Scheißjahr“ - Gesa Krause kann auch 2020 Positives abgewinnen.
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„Ich bin niemand der sagt: Das war ein Scheißjahr“ - Gesa Krause kann auch 2020 Positives abgewinnen.

Läuferin im Interview

„Ich träume von einer Olympia-Medaille“

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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  • Timur Tinç
    Timur Tinç
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Die Hürdenspezialistin Gesa Krause über ihre Auszeit vom Sport, die wiedergefundene Lust am Laufen, ihr Eigenheim in Mittelhessen und den festen Glauben an die Olympische Spiele.

Frau Krause, Sie waren vor kurzem im Höhentrainingslager in Kenia. Wie voll sind Ihre Akkus?

Die Akkus sind durch die strapaziösen Wochen in Kenia sicherlich noch ein bisschen leer. Das Trainingslager hat aber gut angeschlagen und damit bin ich sehr zufrieden. Eine gute Grundlage ist das A und O für die nächsten Wochen.

Es war ein seltsames Jahr – für die ganze Welt, aber auch für Sie persönlich. Beim ersten Lockdown waren Sie gerade in den USA, dann folgte die Absage der Olympischen Spiele, Ihr Aus bei der Deutschen Meisterschaft in Braunschweig und Ihre anschließende Saisonpause. Können Sie Ihr Jahr einmal Revue passieren lassen?

Grundsätzlich ist es so, dass man nach jeder Saison eine Pause hat. Das einzige, was in meinem Fall unüblich war, ist, dass ich Mitte August gesagt habe: Es reicht und nicht erst Mitte September.

Warum dieser Entschluss?

Die Aufeinanderfolge der Negativerlebnisse, die auf mich eingestürzt sind, waren schon ausschlaggebend. Die Absage von Wettkämpfen, die Olympia-Absage, die EM-Absage. Dann hieß es, die Deutschen Meisterschaften finden ohne Laufdisziplinen statt. Dann waren sie plötzlich doch wieder dabei. Ich bin vor dem Wettkampf in Braunschweig nur einmal gelaufen, und das durchwachsen. Als dann feststand, dass ich in Braunschweig laufen kann, habe ich im Training nochmal richtig reingehauen. Bei diesem Versuch von Null auf Hundert bin ich im Wettkampf an meine Grenzen gekommen. Meine positive Energie war irgendwann einfach aufgebraucht.

Danach haben Sie Ihre Koffer gepackt und sind einfach nach Griechenland geflogen. Ohne Rückflugticket.

Es war das erste Mal für mich, dass ich gesagt habe: Ich will jetzt nicht trainieren. Die meisten Jahre davor war es so, dass ich nach einer Woche ohne Laufen wieder das Gefühl hatte, dass ich nicht zu viel verlieren darf. Diesmal war mir viel wichtiger, dass ich mental einfach Lust darauf habe viel zu trainieren und mehr reinzuhauen als im Jahr davor. Und manchmal kommt man da eben an seine Grenzen und fragt sich: Wie viel mehr geht eigentlich noch?

Externe Hilfe haben Sie dafür aber nicht gebraucht?

Nein, ich habe diese Entscheidung für mich getroffen und mit meinem Trainer Wolfgang Heinig besprochen. Er hat mich darin auch bestärkt. Das Problem war ja nicht, dass ich nicht laufen konnte. Man muss halt diesen unbändigen Willen haben, besser sein zu wollen als andere. Wenn der ein bisschen abflacht, dann sollte man keine Wettkämpfe machen. Ich hatte einfach nicht die Power, die Energie, die mich ausmacht.

Wie lange haben Sie gebraucht, um diese Lust zu entwickeln?

Insgesamt hat es knapp sechs Wochen gedauert, bis ich das Gefühl hatte, dass ich jetzt wieder richtig Bock aufs Laufen habe. Erst dann wollte ich mein Leben wieder derart einschränken, wie es das für den Leistungssport einfach nötig ist.

Sie haben gefühlt sowieso immer etwas zu tun. In Ihrer Heimatstadt Dillenburg haben Sie im vergangenen Jahr ein Haus gebaut. Hatten Sie schon immer den Wunsch, wieder dorthin zu ziehen?

Nein. Ich habe immer gesagt: Ich komm nie wieder zurück. Ich habe zwölf Jahre in Frankfurt gelebt. Ich wollte mich aber vergrößern und die Preise in Frankfurt waren zu hoch. Ich habe in meiner Heimat Dillenburg ein schönes Grundstück gekauft und gebaut. Es war strapaziös, aber jetzt ist alles fast fertig. Es fehlt nur noch die Außenanlage. Und es ist ein Projekt, was mich sehr zufriedengestellt hat, während andere Dinge nicht so gelaufen sind.

Wie würden Sie für sich das Jahr 2020 insgesamt einordnen?

Das Jahr 2020 war einfach anders und definitiv nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich bin aber niemand der sagt: Das war ein Scheißjahr. Ja, sportlich gesehen vielleicht, das waren null Punkte. Ich hatte keine guten Wettkämpfe und es war sicher mit das schlechteste Jahr meiner Laufbahn – auch wenn ich selbst dafür nicht viel konnte. Ich bin aber einfach froh, dass ich gesund und munter durchs Leben gehen kann.

Das Thema Corona hat in diesem Jahr alles dominiert. Was ist ihre prägendste Erinnerung im Zusammenhang mit Covid-19?

Das ist immer das, was einen persönlich am meisten betrifft. Bei mir ist es die Verschiebung von Olympia und die Absagen sämtlicher Wettkämpfe. Das ist mein Beruf. Damit verdiene ich mein Geld. Das hat mich natürlich vor eine enorme Herausforderung gestellt. Persönlich gibt mir der Trainingsalltag eine sehr gute Struktur.

Welche?

Wenn man zweimal am Tag trainiert, sich dreimal etwas Vernünftiges kocht. Dazu die Aufgaben, die mein Beruf drumherum mitbringt. Ich bin auf jeden Fall ganz gut eingespannt. Dadurch habe ich gar nicht das Gefühl, dass so vieles anders war 2020. Erst wenn ich mich mit jemanden zum Essen treffen will und es keine Location gibt, ist das Thema Corona für mich richtig präsent.

Haben Sie Angst, dass die Olympischen Spiele auch 2021 ausfallen könnten?

Im Sommer habe ich das schon gedacht. Aber jetzt mit einem Impfstoff und den Planungen für das nächste Jahr glaube ich, dass Olympia stattfinden wird. Die Interviews, die man seitens des IOC und des japanischen Organisationskomitees hört, sind sehr positiv. Ob es Fans im Stadion geben wird? Ob es weniger Fans geben wird? Unter welchen Bedingungen man teilnehmen darf? Das wird sich zeigen, aber Olympische Spiele werden stattfinden. Daran glaube ich fest.

Sie trainieren das erste Mal nicht alleine, sondern seit Sommer auch mit einer Trainingsgruppe. Was bringt Ihnen das?

Wir sind fünf Frauen, die alle in den Disziplinen 3000 und 5000 Meter starten, außerdem ist eine Marathonläuferin dabei. Es macht sehr viel Spaß, in der Gruppe zu trainieren, mit anderen Mädels, wenn alle am gleichen Strang ziehen und alle das gleiche Ziel haben. Das hat die Zeit in Kenia emotional auch ein bisschen aufgepeppt.

Und die Safari sicher auch.

Ja, klar. Ich habe nach meiner 19. Reise nach Kenia gesagt: Entweder komme ich hier nie wieder her oder bei meiner 20. Reise mache ich eine Safari. Wir waren sechs Wochen dort und das ist eine lange Zeit, um täglich zweimal zu trainieren. Wir haben in der Mitte drei lockere Tage eingebaut, wo ich nur einmal am Tag gelaufen bin. Es hat sich wirklich gelohnt. Es war auch eine schöne mentale Pause.

Welche Tiere haben Sie gesehen?

Wir haben kein Nashorn gesehen von den Big Five, aber das war nicht schlimm. Wir waren zum Beispiel hautnah an einem Leoparden dran. Das war grandios. Es war wirklich schön. Ich bin froh, dass ich es endlich gemacht habe. Ich habe vorher in Kenia nichts außer der Stadt Iten und den Flughafen von Nairobi gesehen.

Auszeit vom Sport, Umzug, Trainingsgruppe. Was wäre eine gute Überschrift für Ihr Jahr 2020? Das Jahr der Veränderungen womöglich?

Normalerweise sagt man ja, dass man bei einem neuen Jahrzehnt ein neues Kapitel aufmacht. Ich habe das Gefühl, dass wird erst 2021 so sein. 2020 war definitiv ein Jahr des Umbruchs. Es hat sich viel verändert bei mir. Es sind so viele Dinge passiert, mit denen man nicht gerechnet hat. Es war ein Jahr, in denen die Weichen für etwas Neues gelegt wurden. Darauf freue ich mich jetzt.

Was sollte dann im Kapitel für 2021 im besten Fall drinstehen?

Sportlich haben sich meine Ziele nicht verändert. Ich träume von einer Olympiamedaille, Bestzeit und unter neun Minuten zu laufen. Ich möchte mehr Kontinuität in meinen Wettkampfresultaten und überhaupt wieder einen Wettkampf laufen. Ich habe wirklich Lust.

Und privat?

Mein Haus fertigbauen. Der Garten ist das nächste Projekt. Der wird jetzt im Frühjahr angelegt. Wenn ich von meinen ganzen Reisen zurückkomme und dann diese Ruhemomente in meinem eigenen Reich habe. Das wird fantastisch.

Interview: Timur Tinç und Daniel Schmitt

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