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„Genug!“

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Von: Daniel Schmitt

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Mag nicht über Basketball sprechen nach dem Amoklauf von Texas: NBA-Trainer Steve Kerr. Foto: dpa
Mag nicht über Basketball sprechen nach dem Amoklauf von Texas: NBA-Trainer Steve Kerr. Foto: dpa © dpa

Nach dem Amoklauf in Texas wendet sich der US-amerikanische Basketballtrainer Steve Kerr mit einer emotionalen Rede an die Politik - was ihn dazu bewegt und wofür er noch einsteht

Als das Telefon mitten in der Nacht klingelte, etwa 3 Uhr, ahnte er, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Er ahnte auch, dass der kurze Weg vom Bett zum Hörer, die drei, vier Schritte, die vorerst letzten halbwegs unbeschwerten in seinem Leben sein könnten. Er ahnte, dass dieser Tag, der 18. Januar 1984, ein schlechter sein würde. Steve Kerr, damals 18, stand trotzdem auf, lief zum Hörer, nahm ab, hörte zu. Die Botschaft: Sein Vater, Malcom Kerr, war tot, ermordet, mehrere Kopfschüsse. Zwei bewaffnete Männer waren ihm, dem an einer US-amerikanischen Privatuniversität in Beirut lehrenden Politologen, vor seinem Büro aufgelauert und hatten eiskalt abgedrückt.

Es war ein Attentat auf einen US-Staatsbürger inmitten des libanesischen Bürgerkriegs, ein politisches Zeichen an die USA, deren örtliche Botschaft rund um Malcom Kerrs Tod auch noch zwei Bombenanschlägen erlebte, das selbst US-Präsident Ronald Reagan tröstende Worte an die Hinterbliebenen, an Steve, an dessen Mutter Ann, richten ließ: „Dr. Kerrs früher und tragischer Tod durch diese abscheulichen Attentäter muss unsere Entschlossenheit stärken, den Terroranschlägen nicht nachzugeben.“ Vor allem aber waren es Schüsse mitten hinein ins Herz des kleinen Steve.

Es bedarf dieser schaurigen Geschichte von damals, um jene von heute einordnen zu können, um die schockierte Reaktion von Stephen Douglas „Steve“ Kerr, mittlerweile 56 Jahre alt und achtfacher Champion in der besten Basketballliga der Welt, der NBA, auf den Amoklauf in einer Grundschule in Texas besser als ohnehin schon verstehen zu können.

Er, der Trainer der Golden State Warriors, saß dann also am Mittwoch da auf dem Podium vor der versammelten Presse und wollte nicht über Basketball reden, nicht über das bevorstehende Finalspiel seines Teams gegen die Dallas Mavericks. Stattdessen begann er einen Monolog. „Fragen zum Basketball sind nicht wichtig. Wann werden wir etwas tun?“, begann Kerr. Die Unterlippe bebte, die Tränen standen in den weit aufgerissenen Augen, mit seiner Hand hämmerte er auf die Tischplatte. Er sei es leid, immer wieder „hierher zu kommen und mein Beileid an die am Boden zerstörten Familien, die da draußen sind, auszusprechen. Ich habe es satt, es ist genug!“ Mit zitternder Stimme wandte sich Kerr an die Politiker der Republikaner, die eine Abstimmung über „H.R.8“ verweigern – eine Regelung zu Überprüfungen beim Waffenkauf. Das Repräsentantenhaus hat die Vorlage längst verabschiedet. Sie, die wenigen Senatoren, hielten die Menschen in den USA „als Geiseln“, ihnen gehe es nur darum, „an der Macht zu bleiben.“ Dann stand er auf und ging.

Das Video von Kerrs Rede sofort vervielfacht, geteilt in den Sozialen Medien, aufgegriffen von Sportstars, Politiker:innen, Medien, ob des Amoklaufs bestürzten Menschen rund um den Globus. Kerr war plötzlich auch weniger sportaffinen Menschen auf der Welt ein Begriff.

Wer sich mit Steve Kerr beschäftigt, der stößt auf die drei Leben des Steve Kerr. Auf jenes von früher, das als begnadeter Basketballer, als Meisterspieler bei den Chicago Bulls an der Seite des ehemals Weltbesten Michael Jordan, als prozentual bester Dreierschütze der NBA-Historie (45,4 Prozent). Auf jenes von heute, als herausragender Trainer, als einer der Besten überhaupt, der seit seinem Antritt 2014 bei den Golden State Warriors bereits drei Meisterschaften holte, eine vierte könnte in diesem Jahr dazukommen.

Schließlich aber stößt man auch auf das Leben des Steve Kerr abseits des Sports. Auf den Jungen, der in Beirut geboren und aufgewachsen ist, der eine wohlbehütete, glückliche Kindheit im Libanon verbrachte - bis sich das Leben in dieser einen Nacht mit dem Mord an seinem Vater komplett veränderte. Kerr, der später noch in Kairo auf ein College ging, sagte einmal, er sei durch den Tod seines Vaters überhaupt erst zum Basketballprofi geworden, diese Tragödie sei stets Antrieb gewesen für ihn, „Basketball war das Einzige, was ich tun konnte, um mich abzulenken“. Und mehr noch: Sie war Antrieb, um gegen Missstände aufzustehen und die Stimme zu erheben.

Seit Jahren schon ist Steve Kerr ein Mann, der gehört wird in den Staaten, der seine exponierte Stellung im Spitzensport nutzt, um den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Die laxen Waffengesetze prangert er regelmäßig an, auch sachlich, nicht nur emotional, und kritisiert vor allem die Republikaner. Er zeigt Haltung im Kampf gegen Rassismus, erwähnte bei seiner Wutrede nicht umsonst auch die mutmaßlich rassistisch motivierten Angriffe aus den letzten Wochen in Buffalo und Orange County.

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wagte er sich erstmals aus der Deckung und übte massive Kritik. „Dieser Trend ist jetzt in die politische Arena übergeschwappt, mit einem Trump, der all diese boshaften Dinge twittert“, sagte Kerr 2016. Und weiter: „Es wirkt wie eine Zeit für Aktivismus. Es scheint mir einfach wichtig, auch meine Stimme zu erheben.“ Seine Warriors verzichteten nach dem Titelgewinn 2017 auf den obligatorischen Besuch im Weißen Haus - auf Betreiben des Trainers. Zuletzt im Wahlkampf 2020 unterstützte Kerr öffentlich Joe Biden.

Schließlich jetzt seine Wachrüttelrede, die auch im Kontext des gesamten Lebens von Steve Kerr gesehen werden muss, die ihren Ursprung findet in der tragischen Nacht des 18. Januar 1984,

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