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Legal, aber gefährlich

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Von: Jörg Hanau

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Das Maß aller Dinge: Jonas Vingegaard (links) und Wout van Aert vom Team Jumbo-Visma.
Das Maß aller Dinge: Jonas Vingegaard (links) und Wout van Aert vom Team Jumbo-Visma. © afp

Ein Vierteljahrhundert nach Team Telekom fährt Jumbo-Visma ebenso gefräßig wie beeindruckend durch Frankreich – doch die Zweifel kleben am Hinterrad. Ein Kommentar.

In den Geschichtsbüchern müssen wir weit zurückblättern, wollen wir fündig werden. Genau 25 Jahre ist es her, dass eine Mannschaft die Tour de France vergleichsweise beeindruckend beherrscht hat wie die niederländische Equipe Jumba-Visma in den zurückliegenden drei Wochen. Im Sommer 1997, wir erinnern uns, grassierte das Gelbfieber in Deutschland: Jan Ullrich dominierte die Frankreich-Rundfahrt - und nicht zu vergessen, Erik Zabel, der damalige Sprintkönig aus Unna, sicherte sich das zweite seiner insgesamt sieben Grünen Trikots, die dem Punktbesten der Tour übergestreift werden. Und - eben so selbstverständlich - gewann das in Magenta getauchte Team Telekom auch die Mannschaftswertung. Der totale Erfolg. Die totale Begeisterung. Ihr folgte Jahre später die grenzenlose Ernüchterung. Es wurde flächendeckend gedopt. Die EPO-Beichten der betroffenen Fahrer - nicht nur bei Telekom - füllen viele Aktenordner. Der Radsport wurde zum Sinnbild des Sportbetrugs und taugte fortan prächtig zum Prügelknaben des Weltsports.

Können wir Vingegaard glauben?

Und nun, ein Vierteljahrhundert später, schickt sich Jumbo-Visma an, ebenso gefräßig wie beeindruckend durch Frankreich zu düsen. Natürlich sauber, wie der dänische Triumphator Jonas Vingegaard nicht müde wird zu betonen. Wir möchten es ihm so gerne glauben. Aber können wir es auch?

Ein Team mit langer Dopingvergangenheit

Jonas Vingegaard und sein kongenialer belgischer Partner Wout van Aert fuhren die Konkurrenz in Grund und Boden. Sie haben das Gelbe und das Grüne Trikot sowie dem aufopfernd kämpfenden Simon Geschke noch das rotgepunktete Jersey für den besten Bergfahrer entrissen. Insgesamt sechs Etappensiege gehen auf das Konto der niederländischen Equipe, deren Name in der Öffentlichkeit zwar erst seit 2019 bekannt ist, Lizenznehmer Team Oranje Road BV ist allerdings schon seit 1984 fester Bestandteil des Rennzirkusses - und kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um die Dopingsünden der Vergangenheit geht: Michael Rasmussen, Rolf Sörensen, Michael Boogerd oder Thomas Dekker sind wohl die namhaftesten Delinquenten, deren Team bis 2012 von der niederländischen Rabobank alimentiert wurde.

Fakt ist: es gibt keinen Dopingfall bei der diesjährigen Tour

Seit dem sind zehn Jahre ins Land gegangen. Eine neue Generation an Radprofis versichert seither die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben. Das darf man ihnen auch glauben. Und ja, es gab auch bei der 109. Auflage der Tour de France keinen einzigen positiven Dopingfall.

Bleiben wir also bei den Fakten: Wir blicken zurück auf die schnellste Rundfahrt in der langen Geschichte der Tour durch Frankreich – und das trotz des selektiven Parcours, den alle Teilnehmer als härter als üblich beschrieben. Das ruft ungeachtet des zweifellos besseren Materials und ausgereifter Technik zwangsläufig die Zweifler auf den Plan. Haben die Profis doch Benzin im Blut? Und wenn ja, warum schlagen die Analyseverfahren nicht an?

UCI rät von der Einnahme von Ketonen ab

Ganz einfach, denn nicht alle leistungsbeeinflussende Präparate stehen zwangsläufig auf der Verbotsliste. Im Team Jumbo-Visma beispielsweise ist die Einnahme sogenannter Ketone so normal wie der morgendlich Café au Lait vor dem Start. Dabei handelt es sich um einen körpereigenen Stoff, der bei einem Kohlehydratmangel freigesetzt wird und den Fettstoffwechsel anregt. Die künstliche Zufuhr von Ketonen führt nachweislich zu einer höheren Belastbarkeit. Der Weltverband UCI rät offiziell von der Einnahme dieser Präparate ab – wegen derzeit nicht absehbarer gesundheitlicher Auswirkungen. Mögliche Langzeitfolgen schrecken aber eben nicht alle, schon gar nicht, wenn sie Paris in Gelb oder Grün erreichen können. Dann wird geschluckt, was die Apotheke hergibt.

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