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Darts-Profi Gabriel Clemens – der Anti-Prototyp

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Von: Daniel Schmitt

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Gabriel Clemens hat die Darts-Welt aufgemischt.
Gabriel Clemens hat die Darts-Welt aufgemischt. © dpa

Gabriel Clemens, deutscher Emporkömmling, nimmt sich stets zurück in einer hochgejazzten Darts-Welt voller extrovertierter Alphamänner - und hat trotzdem Erfolg.

Im Alltag benötigt Gabriel Clemens nicht viel, keine bunten Hemdchen, kein ausgeleuchtete Bühne, schon gar kein grölendes Publikum. In Saarwellingen, wo der deutsche Darts-Spieler seit jeher wohnt, der dieser Tage in London die sportlich erfolgreichste Zeit seines Lebens hat, ist alles da, was er braucht. Dort, in der Gemeinde unweit der französischen Grenze, etwa 13 000 Menschen klein, eingekesselt im Norden und Süden von für Ausflüge lohnenden Wildtiergehegen, zieht er sich gerne zurück, richtet seine inneren Fokus, findet die Ruhe, die nötig ist für die Hektik. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er einmal: „Mein Trainingsraum, ich, die Pfeile, die Scheibe, eine Wasserflasche und eine Kaffeemaschine.“ Das reicht.

Gabriel Clemens ist das Gegenteil eines Darts-Prototypen, einer, der nicht hineinpasst in den gerade rund um den Jahreswechsel hochgejazzten Zirkus aus bunten Vögeln, beißenden Schlangen, fliegende Schotten, wie die Spitznamen der Profis lauten. Clemens dagegen ist lieber leise statt laut, bedacht statt extrovertiert, wortkarg statt dampfplaudernd. Etwa nach dem historischen Viertelfinalerfolg gegen den bisherigen Weltranglistenführenden Gerwyn Price am Sonntag, noch nie zuvor ist ein Deutscher bei der Darts-WM so weit gekommen, sagte Clemens auf der (kurzen) Pressekonferenz: „Sehr gut, was soll ich jetzt nach dem Spiel auch sagen.“ Reicht ja irgendwie.

„The German Giant“, der deutsche Riese, trägt seinen Bühnennamen wie ein Schutzschild vor sich her ins Schweinwerferlicht des „Ally Pally“, außen die monströse Glitzerwelt, das Laute, das Pulsierende, auch die Betrunkenen, innen der in sich ruhende Saarländer aus dem Dorf, völlig fehl am Platze und doch genau richtig.

Erst vor vier Jahren intensivierte Gabriel Clemens den Weg zu seinem Traum, jenem, nicht mehr nur im eigenen Keller oder bei semiprofessionellen Turnieren die Pfeile auf Scheiben zu werfen, das meistens ziemlich gut, sondern auf der Profi-Tour. Mitmachen bei den großen Namen, den reich gewordenen Stars, Spiele gegen sie gewinnen, und letztlich auch selbst vom Tun gut leben können. Seinen Job schmiss der Industriemechaniker, gelernter Maschinenschlosser, hin, ganz zum Verdruss seiner Eltern, und obwohl sein Chef ihn ohnehin oft genug freistellte für die Hobby-Wettkämpfe. Clemens, der von seiner Frau gemanaged wird, aber wollte das ganze Paket, nicht mehr nur Teilzeitspieler sein, sondern Vollzeitprofi.

Ruhiger Koloss

Ein Wagnis, klar, aber eines, dass sich spätestens mit dem aktuellen Erfolg von London rechnen dürfte. Beim mit 2,5 Millionen Pfund (rund 2,8 Millionen Euro) dotierten WM-Turnier wird Clemens eine ordentliche Summe einsacken. Er ist nun auch unter die Top 20 der Weltrangliste vorgerückt, weitere Preisgelder winken. Aber, so der neue Star im deutschen Darts-Sport: „Es ist natürlich gut, wenn man einen Beruf in der Hinterhand hat. Das ist wichtig für den Kopf.“ Abseits der absoluten Weltspitze müssen sich die Spieler oft genug finanziell irgendwie durchkämpfen.

Zumal es im vergangenen Jahr, 2022, auch für Clemens gar nicht mal so gut lief, es war seine - zumindest vor der Weltmeisterschaft - schwächste Saison. Der Grund: eine nicht verschwinden wollende Blessur. Der Schleimbeutel im rechten Ellenbogen, seinem Wurfarm, war entzündet, Clemens musste den Trainingsumfang reduzieren, die Ergebnisse litten. Man muss dazu wissen: Ein professioneller Darts-Spieler übt quasi täglich an der Scheibe, drei, vier, fünf Stunden. Clemens kam nicht im Ansatz auf diese Zeiten, ließ sich stattdessen behandeln, eine Stoßwellentherapie linderte die Schmerzen. Mittlerweile sind sie weg. Wenngleich der oberflächliche Blick es eher nicht vermuten lässt, arbeitet Clemens ohnehin pedantisch an seinem Körper. Am Olympiastützpunkt in Saarbrücken trifft er regelmäßig mit einem Athletikcoach zusammen, es geht natürlich nicht um Ausdauereinheiten, der Schulter- und Armbereich wird sehr wohl gezielt gefordert und trainiert.

Noch wichtiger: Seit geraumer Zeit hat Gabriel Clemens einen Mentalcoach an seiner Seite, um ihn, den ruhigen Koloss, noch ruhiger zu machen in all dem von Außen auf ihn einströmenden Trubel. Keine zitternden Händchen, keine flatternden Nerven mehr, einfach nur Pfeile ins Ziel. „Es ist wie ein permanentes Elfmeterschießen. Es geht hin und her, eins gegen eins, das macht den Reiz aus“, beschreibt Clemens, Fußballfan des 1. FC Saarbrücken, in der „SZ“ seine Faszination für Darts.

Der durch ihn nun ausgelöste Hype könnte die Entwicklung der oft noch belächelten Sportart in Deutschland befeuern - so zumindest die Hoffnung der Macher. „Wir hoffen natürlich, dass wir weiter steigende Mitgliederzahlen bekommen“, sagt Manuel Kramer, Vizepräsident im Deutschen Darts-Verband: „Aber auch, dass wir weitere Sponsoren gewinnen, die es uns ermöglichen, den Darts-Sport in Deutschland weiter voranzutreiben.“

Im Jahr 2022 zählte der DDV etwas mehr als 17 000 Mitglieder und gehört hierzulande zu den kleinsten Verbänden. Im vergangenen Jahr kamen über 1000 Mitglieder hinzu. Prozentual wuchs der DDV damit am stärksten - und das noch weit vor dem Riesenerfolg von Gabriel Clemens.

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