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Zwischen Konflikt, Versöhnung und Glorifizierung

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Von: Ronny Blaschke

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Erstmals Asienmeister: Das katarische Team feiert 2019 nach dem gewonnenen Finale gegen Japan.
Erstmals Asienmeister: Das katarische Team feiert 2019 nach dem gewonnenen Finale gegen Japan. © Imago/Xinhua

Das politische Spiel - der Fußball im Nahen Osten - Teil 6 Am Persischen Golf konkurriert Katar mit Dubai, Abu Dhabi und Saudi-Arabien um wirtschaftliche Vormachtstellung. Die WM-Vergabe bringt die Gegenspieler näher zusammen.

Im 21. Jahrhundert verlagert sich die politische Macht in der arabischen Welt zunehmend an den Persischen Golf. Das katarische Herrscherhaus lässt eine der größten Sportakademien der Welt bauen, die Aspire Academy. Dutzende Wettbewerbe finden nun jährlich in Doha statt. 2011 erwirbt Katar die Mehrheit von Paris St. Germain. Zudem wird Qatar Airways der erste Trikotsponsor des FC Barcelona und steigt später als Partner beim FC Bayern ein.

Am Golf konkurriert Katar um Investoren, Touristen und Fachkräfte vor allem mit Abu Dhabi und Dubai, den einflussreichsten Kleinstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Fußball ist ein Brennglas auf Gebietsansprüche und politische Spannungen. Katar bezieht Stellung während des Arabischen Frühlings 2011 und auch danach: für die Muslimbruderschaft in Ägypten, für islamistische Kräfte in Tunesien, Libyen und Syrien. Dem saudischen Königshaus gefällt das gar nicht. 2017 spitzt sich ein alter Konflikt neu zu. Eine Allianz unter Führung von Saudi-Arabien verhängt eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Die Folgen sind im Fußball spürbar. Die Verbände am Golf kündigen Sponsoring-Partnerschaften auf und sagen Spielertransfers ab. Ein Piratensender aus Saudi-Arabien schöpft die Fernsehbilder der katarischen Medienanstalt BeIN Sports ab.

Von WM profitieren

Bei der Asienmeisterschaft 2019 werfen Zuschauer des Gastgebers in Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Flaschen und Schuhe auf die katarische Mannschaft. Drei Tage nach dem Halbfinale gewinnt Katar auch das Endspiel gegen Japan und ist erstmals Asienmeister.

Die Spirale der Feindseligkeiten hätte sich wohl weitergedreht, doch dann kommt Corona. Der Öl-Preis bricht ein, ausländische Investitionen gehen zurück, der Tourismussektor verliert zehntausende Arbeitsplätze. Anfang 2021 beendet Saudi-Arabien nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren. Wenn schon nicht mit Turnierspielen, dann mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans.

Die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten ist folglich eine Geschichte von Konflikt, Versöhnung und Glorifizierung. Katar, wo der Fußball erst Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert wurde, mag nur auf den zweiten Blick ein logischer Gastgeber für die erste arabische WM sein. Schon seit den 2010er Jahren zieht es Fußballer, Trainer oder Sportjournalisten aus Nordafrika für den nächsten Karriereschritt nicht mehr zwangsläufig nach Europa. Viele lassen sich in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und vor allem in Katar nieder. Dort hoffen sie auf höhere Lebensstandards in politisch stabilen Systemen. 2019 stammen die fünf besten Torschützen der katarischen Liga aus Algerien. Sie gelten als Symbolfiguren für die wachsende Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus der arabischen Welt. Es ist nicht verwunderlich, dass für die WM Zehntausende Gäste aus dem Nahen Osten und aus der arabischen Diaspora nach Katar reisen. Fans aus Iran bringen aber auch den Protest gegen das dortige Regime mit. Katar, das sich mit Iran eines der größten bekannten Erdgasfelder teilt, wünscht sich eine WM ohne politische Kontroversen. Die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten zeigt jedoch, dass das nahezu unmöglich ist.

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