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Der Maestro sagt Adios: Andres Iniesta.

Spanische Nationalmannschaft

Wie Zwerge vorm Himalaya

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Die Spanier schrumpfen auf Normalgröße und reden ihr Scheitern auch noch schön.

Aufrecht und scheinbar frei von jedem Selbstzweifel schritt Sergio Ramos auch nach dieser schweren Niederlage hinaus in die Nacht von Moskau, die eineinhalb Stunden nach dem Abpfiff immer noch erfüllt war vom Jubelgeschrei der Russen. Der spanische Verteidiger trug ein seltsames Lächeln im Gesicht, klatschte Reporter ab und sah überhaupt nicht so aus, als erlebe er gerade „einen der schwierigsten Augenblicke“ seines Lebens, wie er behauptete. 

Gerade hatten die Spanier eine rundum enttäuschende Weltmeisterschaft beendet, in die sie als Titelfavorit gestartet waren, um dann fußballerisch von Spiel zu Spiel immer weiter in sich zusammenzufallen. Der Sonntagabend, der mit einem schwachen 1:1 nach 120 Minuten und einem missglückten Elfmeterschießen geendet hatte, wäre also ein guter Moment für ein paar Worte der Selbstkritik gewesen, doch Ramos sagte: „Im Fußball kann man auf viele Arten verlieren, aber heute geht die Mannschaft mit erhobenen Köpfen nach Hause, wir haben alles getan, was möglich war.“ Er sei „stolz“ auf das Team, und überhaupt: Spanien habe bei dieser WM kein einziges Spiel verloren. 

Man kann das so sehen, dem ordentlichen 3:3 gegen Portugal folgten ein sehr glückliches 1:0 gegen den Iran und ein 2:2 gegen Marokko, bevor der Weltmeister von 2014 dann 1:1 gegen Russland spielte und erst per Elfmeterlotterie rausflog. Allerdings haben all die Fußballzwerge die Giganten aus Madrid und Barcelona mächtig ins Wanken gebracht. Bei genauer Betrachtung verlief diese WM daher eher so, wie es die Madrider Tageszeitung „El Pais“ empfand: „In diesen Tagen der Angst wirkten alle Gegner unbezwingbar wie der Himalaya.“ 

Das Desaster hat einige erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem deutschen Niedergang bei dieser Weltmeisterschaft. Spanien war nie eine funktionierende Mannschaft, die Ideen des Trainers gingen nicht auf, es entstand nie diese besondere Turnierenergie, ohne die Erfolge bei einer WM undenkbar sind. „Spanien und der Ball haben sich nach einem Jahrzehnt des Flirts gegenseitig ausgetrickst“, resümierte „El Pais“, und „Marca“ schrieb: „Spanien, jetzt bist du dort, wo du hingehörst: zu Hause“. 

Im Gegensatz zur Turnieranalyse des DFB, in deren Verlauf komplexe psychische und zwischenmenschliche Vorgänge aufgearbeitet werden müssen, sind die Spanier bei ihrer Fehlersuche allerdings schnell fündig geworden. Noch vor wenigen Wochen glänzte dieses Ensemble ja noch mit seiner spielerischen Brillanz, bis kurz vor dem Turnierstart bekannt wurde, dass Nationaltrainer Julen Lopetegui einen Vertrag mit Real Madrid für die kommende Saison abgeschlossen hat. Der Coach wurde umgehend entlassen, Fernando Hierro sprang ein und unter seiner Ägide wurde die Mannschaft von Spiel zu Spiel schlechter. 

Legende Iniesta dankt ab

Die Hauptverdächtigen bei der Suche nach Schuldigen sind daher leicht zu finden: Lopetegui, Real Madrids Präsident Florentino Pérez, der den Trainer in einem unglücklichen Moment zum Champions League-Sieger holte und Verbandschef Luis Manuel Rubiales, der glaubte, Lopetegui entlassen zu müssen, was längst nicht alle im Team begrüßten. 

Rubiales erklärte am Sonntagabend, man werde „in dieser Woche darüber sprechen, wie es weitergehe und ob Hierro seinen Posten behalte, auch er sei „sehr stolz“ auf das Werk der Mannschaft und ihres Trainers. Es war eine skurrile Show, die die Spanier in diesem Moment des eigenen Versagens boten, unfähig zu einer halbwegs realistischen Analyse. 

Dabei ist klar, dass in den kommenden Wochen und Monaten die ganz großen Debatten geführt werden. Der legendäre Andrés Iniesta trat nach der Partie aus der Nationalmannschaft zurück, „manchmal ist das Ende nicht wie im Traum“, sagte der Altmeister, der wie kein anderer für den spanischen Ballbesitzfußball des vergangenen Jahrzehnts steht, und der gegen Russland über eine Stunde auf der Bank saß. Sogar die grundlegende Tauglichkeit des spanischen Stils steht zur Debatte; 79 Prozent Ballbesitz gegen die Russen führten nie zu einer echten Dominanz, Ähnliches gilt für die Partien gegen Marokko (75 Prozent) und Iran (78 Prozent). 

Ramos plädierte dennoch dafür, „an der Philosophie des Ballbesitzes festzuhalten“, man müsse nur wieder die Schärfe besserer Tage entwickeln. Aber erst mal verlassen die Spanier diese WM ähnlich desillusioniert wie die Deutschen und die Argentinier. Und mit großer Wahrscheinlichkeit müssen sie nun einen neuen Trainer suchen, die Debatte ist in vollem Gang. Luis Enrique ist ein Kandidat, aber auch José Miguel González, genannt Michel, der in den 1980er und 1990er Jahren über 400 Spiele für Real Madrid absolvierte und zuletzt den FC Malaga trainierte, könnte das Team übernehmen. Ein Team, das einfach nicht zusammenfand in diesen russischen Sommerwochen. 

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