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Sammler aus Leidenschaft: Jupp Heynckes mit Meisterschale, Supercup und Pokal-Trophäe der Champions League.

Jupp Heynckes

„Zwei sichere Schützen haben sich weggeduckt“

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Ex-Bayerntrainer Jupp Heynckes erzählt vom „Finale dahoam“ und wie er und seine Mannschaft daraus Kraft für das Triple 2013 saugten.

Am heutigen Dienstag spielt der FC Bayern in der Champions League beim FC Chelsea, jenem Gegner, der den Bayern 2012 das „Finale dahoam“ zum Alptraum werden ließ. Donnerstag feiern die Münchner ihren 120. Geburtstag – und der größte Erfolg ihrer Geschichte war der Gewinn des Triples im Jahr 2013 unter Jupp Heynckes. Seitdem genießt Don Jupp Legenden-Status. Fans und Verantwortliche werden es dem 74-Jährigen auch nie vergessen, dass er im Herbst 2017 für den damals entlassenen Carlo Ancelotti in höchster Not einsprang, weil sein FC Bayern ihn brauchte. Im Interview erinnert sich der Pensionär an die breite Palette der großen Gefühle.

Herr Heynckes, was war ihr wichtigstes Spiel, ihr schönster Sieg mit dem FC Bayern?

Das 3:1 in Köln 1989, das war gleichbedeutend mit der Meisterschaft, meiner ersten als Trainer. Das war auch für meine Karriere ein wesentlicher Schub. Und natürlich das Champions-League-Endspiel in Wembley gegen Dortmund 2013.

Und ihr traurigster Moment?

Die Vokabel Enttäuschung passt da besser. Die Niederlage gegen Chelsea. Wir waren die klar bessere Mannschaft, aber wir waren noch nicht so weit. Zwei sichere Elfmeterschützen haben sich da weggeduckt, das war alles symptomatisch.

Früher war der Klub der FC Hollywood, heute gibt es eine Smartphone-Generation. Sie hatten viel auch neben dem Platz zu tun, oder?

Der Zeitgeist heute ist ein ganz anderer. Die Spieler und ihre Betreuung sind heute insgesamt viel professioneller. Ich habe mit ihnen immer – und gerne – viele Gespräche geführt und mit jeder Generation mit großer Freude zusammengearbeitet. Jede war anders, hier und da war es schwieriger, insgesamt aber einvernehmlich. Und es ist auch kein Zufall, dass wir 2012 dreimal Zweiter geworden sind. Wir haben dieses Jahr gebraucht, um unsere Gemeinsamkeiten umzusetzen und unsere Zusammenarbeit zu perfektionieren. Dann hat es Klick gemacht, und wir wurden eine verschworene Einheit. Jeder hat seinen Egoismus hintangestellt.

Gab es diesen Moment kurz nach dem verlorenen „Finale dahoam“ gegen den FC Chelsea, in dem Sie beim FC Bayern hinschmeißen wollten?

Nein. Nach 2012, wo wir drei Mal den zweiten Platz belegt hatten, habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet, aufzuhören. Im Gegenteil! Die Mannschaft, Staff, Trainerteam und ich haben wegen des verlorenen Champions-League-Finales eine nie da gewesene Motivation verspürt. Das zeichnet große Spieler aus – und so war ich schon in meiner aktiven Zeit.

120 Jahre, ein Triple: Das ist kein Zufall, oder?

Ganz bestimmt nicht. Aber warum hat das 2013 funktioniert? Weil alle riesig enttäuscht waren von 2012. Dieses Triple war der Mannschaft geschuldet, den Typen in meiner Mannschaft. Dieses Team war außergewöhnlich, was den Zusammenhalt, das Verhalten, die Disziplin betrifft. Wir haben so hart gearbeitet wie nie zuvor. Jeder muss jeden Tag alles abrufen, in jedem Training, taktisch wie physisch. Zudem hatten wir acht, neun Weltklassespieler – da kann man das Triple schon mal holen.

Triple, Titel – Zahlen sind das eine. Spieler sprechen aber auch darüber hinaus von Ihnen oft als „der beste Trainer, den ich je hatte“.

Mein ganzes Team war außergewöhnlich, wir Trainer hatten blindes Vertrauen untereinander und zur Mannschaft. Wichtig war zudem, dass ich meinen Spielern auf Augenhöhe gegenübergetreten bin.

Haben Sie Beispiele?

Ich habe schon Spielern auf den Kopf zugesagt: Irgendwas stimmt nicht mit dir. Kann ich dir helfen? Du gefällst mir nicht. Die Spieler waren dann immer perplex, sagten aber meist: Das stimmt. Ich war schon immer ein guter Beobachter, das ist wichtig in diesem Job. Der Respekt gegenüber Menschen, dass man sich in die Situation anderer hineinversetzen kann. Das hat den Spielern geholfen. Das spielt heute eine ganz große Rolle.

Das Menschliche ist in unserer heutigen Gesellschaft ja generell oft ein Problem. Sie starteten als Trainer mit 34 Jahren und gingen mit 73 – wahrscheinlich ist diese Fähigkeit auch in Ihnen erst gewachsen.

Natürlich. Als Spieler war ich grenzenlos ehrgeizig, Fußball war mein Leben, meine Leidenschaft. So war ich als Trainer natürlich auch. Ich habe vieles erzwingen wollen. Mit der Zeit hat man so viel Erfahrung, dass man differenziert und vieles anders bewertet. Erfahrung ist unbezahlbar.

Karl-Heinz Rummenigge bezeichnete Ihr Verhältnis zum FC Bayern als „fast schon sakrosankt“ -trifft es das?

Wir haben eine professionelle, aber besonders vertrauensvolle Zusammenarbeit gehabt. Mit Uli Hoeneß habe ich die EM und WM gespielt, aber mit Karl-Heinz habe ich sein erstes Länderspiel in Wales erlebt, ich war Stammspieler und er Neuling. Wir kennen uns sehr gut, haben Vertrauen zueinander. Ich sage genauso: Es ist ein besonderes Miteinander, etwas sehr Freundschaftliches. Es wurde immer enger.

Schauen Sie sich jedes Bayern-Spiel an?

Fast jedes. Wenn ich nicht gerade verhindert bin. Aber es kann auch mal sein, dass es ein Zeitpunkt ist, wo ich etwas müde werde und einen Nachmittags-Schlaf mache. 15.30 Uhr ist da so eine schöne Zeit, wenn man frühmorgens aufsteht. Ich habe da manchmal ein Tief (lacht).

Wo wären Sie ohne den FC Bayern?

Ich habe dem FC Bayern, dem Vorstand, aber besonders Uli Hoeneß meine nationale und – bedingt dadurch – meine internationale Karriere als Trainer zu verdanken. Ohne diese Chance wäre ich nie nach Spanien gekommen, nie zu Athletic Bilbao und Real Madrid, nie nach Portugal zu Benfica Lissabon. Deswegen habe ich das damals so gesagt: Man darf die Anfänge nie vergessen. Und auch nicht, wer entscheidend mitgeholfen hat, dass man seinen Weg gehen konnte.

Und wo wäre der FC Bayern ohne Sie?

Puh. Ich persönlich möchte meinen Anteil an der Erfolgsgeschichte des FC Bayern nicht beurteilen, mein Credo lautet: Jeder ist zu ersetzen. Wobei: Vielleicht hätten die Bayern nicht das Triple gewonnen (lacht).

Müssen Sie manchmal schmunzeln beim Reflex der Branche, wenn ein Bayern-Trainer gesucht wird: Holt Jupp Heynckes zurück!?

Ich finde das lustig, wie die Fans in den sozialen Medien damit spielen. Das ist die eine Seite, die andere, dass ich das auch als Vertrauensbeweis sehe. Aber jeder, der normal darüber nachdenkt, wird zu dem Entschluss kommen, dass man mit 74 Jahren keine Mannschaft mehr übernehmen soll. Das, was ich vorher gemacht habe, war schon grenzwertig. Ich bin fit. Aber ich möchte auch fit bleiben. Der heutige Fußball ist eine gewaltige Aufgabe für jeden Trainer. Da sollte man sich nicht überschätzen, das habe ich noch nie gemacht.

Sie haben vier Amtszeiten erlebt, die vollkommen verschieden waren. Fangen wir mit der ersten an, 1987 bis 1991, zwei Meisterschaften, und schon damals hieß es: „Eine außergewöhnliche Beziehung“. Was ist besonders hängen geblieben?

Für mich war es eine riesige Umstellung, vom beschaulichen Mönchengladbach nach München zu wechseln, in eine Medienstadt, in der ich auch noch lernen musste. Schon damals aber wusste ich: Wenn ich als Trainer die Schale holen will, muss ich wechseln. Mit dem FC Bayern habe ich 1989 die erste Meisterschaft als Trainer geholt, das war etwas ganz Besonderes.

War es 1991 die einprägsamste Entlassung, die in einer Schafkopfrunde endete?

Das mag wohl sein. Wir waren damals im Ferienhaus am Tegernsee von Schatzmeister Kurt Hegerich. Karl Hopfner, Professor Scherer, Uli und ich. Fünf Minuten haben wir über die Vertragsauflösung gesprochen, dann haben wir die Schafkopfrunde eröffnet. Dann ist noch ein tolles Buffet aufgefahren worden, und wir haben ein Gläschen Rotwein getrunken. Das Ganze hatte sich schon in der Sommerpause abgezeichnet. Die Entlassung war für mich keine Überraschung. Der liebe FC Bayern hatte mir die besten Spieler nach Italien verkauft. Jürgen Kohler, Stefan Reuter – Klaus Augenthaler hat zudem seine Karriere beendet. Wir hatten noch vier oder fünf schwere Verletzungen. Deswegen wusste ich, dass das sportlich nicht gut gehen konnte. Uli Hoeneß sagte ja schon oft: „Das war mein größter Fehler.“ Aber ich sage: Nein! Den Fehler hatten wir schon in der Sommerpause gemacht. Ich war mit mir im Reinen, hatte alles versucht, wusste aber: Da kannst du nichts machen.

Viele große Spieler sind unter Ihnen gewachsen. Auf welchen Spieler sind Sie besonders stolz?

Fordern, fördern, besser machen – das wollte ich bei jedem einzelnen Spieler. Toni Kroos nehme ich mal als Beispiel, der hat in Leverkusen den Durchbruch geschafft. Lothar Matthäus war als Spieler schon in Mönchengladbach bei mir. Jeder Spieler hat sich in den Phasen, in denen wir zusammengearbeitet haben, weiterentwickelt. Auch Mario Mandzukic, der wurde zu einem echten Mannschaftsspieler – das war symptomatisch für den Erfolg.

Lahm, Schweinsteiger?

Philipp Lahm, durch und durch ein Ausnahmespieler. Bastian Schweinsteiger, der sensibel war, der sich vieles zu Herzen genommen hat, auch Kritik. Ich habe viel mit ihm gesprochen, habe ihn aufgebaut. Nicht umsonst ist er heute das Idol der Bayern-Fans.

Interview: Hanna Raif

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