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Schieflage: Manuel Neuer kann dem Ball beim ersten Treffer gegen die Schweiz nur hinterherschauen.

Fußball-Nationalmannschaft

Zuverlässig unzuverlässig

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Das DFB-Team macht derzeit nur kleine Fortschritte, in der Bewegung nach hinten sind es sogar Rückschritte - die Situation ist verzwickt und harrt einer Lösung. Doch Bundestrainer Löw tut sich mit Antworten schwer.

Es gab dann doch Anlass zum dezenten Feiern unter Einhaltung der Abstandsregeln. So kam es, dass nach dem 3;3 gegen die Schweiz im Kölner Teamhotel der Fußball-Nationalmannschaft um Mitternacht noch auf den 40. Geburtstag von Teammanager Thomas Beheshti angestoßen wurde. Da hockten sie dann gemeinsam mit Blick auf den Rhein und fragten sich, was das jetzt für eine Woche war: eine schöne mit drei Spielen ohne Niederlage und acht Toren gegen die Türkei (3:3), in der Ukraine (2:1) und gegen die Schweiz (3:3)? Oder eine weniger schöne mit sieben Gegentreffern und einer Mannschaft, die so unvorhersehbar unterwegs ist, dass sogar dem Bundestrainer darüber erste graue Haare wachsen?

Joachim Löw hat die Vielzahl der Attacken der vergangenen Tage tapfer abgewehrt und dabei Nehmerqualitäten bewiesen. Es war dann schon spät geworden nach dem Spiel. Präsident Fritz Keller hatte in der Kabine noch freudig erregt die Jubilare Toni Kroos und Joshua Kimmich für deren 100. und 50. Einsatz für die DFB-Farben belobigt, ehe Löw endlich zur virtuellen Pressekonferenz geleitet wurde. Irgendwann wurde er gefragt, was er davon halte, dass Olaf Thon ihn öffentlich aufgefordert hatte, nach der EM 2021 zurückzutreten. Ein Bundestrainer darf dann durchaus auch mal genervt sein und karg antworten: „Es ist mir egal, was der Olaf Thon sagt.“

Wichtiger als kraftraubende Beschäftigung mit geschwätzigen Ex-Internationalen ist Löw die komplexe Suche nach einer Lösung für mehr Zuverlässigkeit im unausgewogenen Spiel seiner Mannschaft: spektakulär nach vorn zwar, beängstigend aber in dem, was im Fußballjargon „Rückwärtsbewegung“ genannt wird.

Im Grunde ist Löw seit dem WM-Aus 2018 auf Identitätssuche mit seinem Team. Wie viel Mut zur Offensive kann man ihm schenken, ohne sich vorwerfen zu müssen, die Defensive grob fahrlässig vernachlässigt zu haben? Ist es geboten, angesichts der Probleme hinten besser einen mittelmäßigen Defensiven mehr aufzustellen und so die Schwächen zu kaschieren, oder ist es gerade andersherum besser, einen Hochtalentierten aus dem reichhaltigen Pool der Offensiven mehr zu bringen und so die Stärken zu unterstützen?

Löw tut sich mit einer Antwort schwer. Denn im Sommer 2018 in Russland führte der weitgehende Verzicht auf Verteidigung geradewegs ins Desaster. Löw legte eine Strategie hinterher selbstkritisch als „Arroganz“ aus. Niemand widersprach.

Was macht der alte Trainer jetzt mit dem jungen Team? Mitte November treffen sie sich alle gemeinsam wieder in Leipzig. Wieder drei Länderspiele, abgeschlossen mit dem Nations-League-Spiel bei Tabellenführer Spanien. Löw will sich nicht beirren lassen und wieder einen Mammutkader benennen und jungen Leuten Vorspielmöglichkeiten geben. Mögen die Leute draußen noch so schimpfen, dass nicht immer die Besten spielen. Löw ist für die Profis und deren Wohlergehen verantwortlich, nicht den Nörglern. Und es gibt keine seriösen Anzeichen dafür, dass ihm Spieler nicht mehr folgen würden. Leon Goretzka spricht von „lächerlich wenig“ Trainingseinheiten zum gemeinsamen Einspielen und verteidigt seinen Trainer damit.

Auch wenn gerade weniger Fortschritt zu erkennen ist, als sie alle miteinander erhofft hatten, bleibt Löw dabei: „Diese Mannschaft hat echt Potenzial.“ Sie ist schlecht genug, um gegen einen gehobenen Durchschnittsgegner wie die Schweiz 0:2 und 2:3 zurückzuliegen, aber sie ist auch gut genug, mit großartigen Einzelaktionen und jeweils dem schwächeren Fuß (Timo Werner mit links und Kai Havertz mit rechts), dazu mit Serge Gnabrys Hacke, zurückzukommen. „Sehr gute Moral. Der Geist stimmt“, lobte Löw, „man spürt, dass die Mannschaft Energie ausstrahlt und unbedingt Fortschritte machen will.“

Aber es sind Fortschritte in Mäuseschritten. Und es sind in der Umschaltbewegung nach hinten sogar Rückschritte. Die Innenverteidiger Matthias Ginter und Antonio Rüdiger verteidigten mal offensiv nach vorn, mal ließen sie sich fallen. Das Dumme: Sie taten das selten gemeinsam, sondern mehrfach derart unklug, dass sich Räume auftaten, die auf diesem Niveau unbedingt geschlossen gehören. Löw hat einen Mangel an Kommunikation ausgemacht.

Womöglich gesellt sich ein Mangel an Klasse dazu, vor allem auch auf den Außenverteidigerpositionen. Links hat Löw die Auswahl aus Robin Gosens, Marcel Halstenberg, Nico Schulz und dem zuletzt gar nicht mehr nominierten Jonas Hector; rechts aus Lukas Klostermann, Emre Can, Matthias Ginter und, ja, auch Joshua Kimmich. Aber den kleinen Rumtreiber – in der Ukraine und gegen die Schweiz nicht frei von Fehlern – sieht Löw lieber im Mittelfeldzentrum. Dort, wo das Angebot an Klasseleuten nach der Rückkehr von Ilkay Gündogan nach dessen Corona-Erkrankung und dem gelungenen Debüt von Florian Neuhaus ohnehin so zahlreich ist. Zeit, dass sich was dreht?

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