1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Zurück in die Zukunft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann, Jan Christian Müller

Kommentare

Leichfüßig zurück an alte Wirkungsstätte: Timo Werner, hier im Fianle des Confed-Cups gegen den Chilenen Mauricio Isla.
Leichfüßig zurück an alte Wirkungsstätte: Timo Werner, hier im Fianle des Confed-Cups gegen den Chilenen Mauricio Isla. © rtr

Bundestrainer Joachim Löw setzt bei der Reise in die Vergangenheit nach Stuttgart deutliche Zeichen des erhöhten Konkurrenzdrucks mit Blick auf die WM 2018.

Die Reise zur Nationalmannschaft ist am Dienstagmittag mehr denn je eine Reise in die Vergangenheit gewesen. Namentlich standen für die Expedition „Zurück in die Zukunft“: Joachim Löw, Bundestrainer, Thomas Schneider und Marcus Sorg, Co-Trainer, Bernd Leno, Torwart, Antonio Rüdiger und Joshua Kimmich, Abwehrspieler, Sami Khedira und Sebastian Rudy, Mittelfeldspieler, Serge Gnabry, Mario Gomez und Timo Werner, Stürmer. Sie alle waren pünktlich zum Treffpunkt in die ihnen bestens bekannte Schwabenmetropole Stuttgart gekommen, „elf Mann mit VfB-Vergangenheit“, wie die ortsansässige „Stuttgarter Zeitung“ bereits im Vorfeld nicht ohne Stolz zusammengezählt hatte und aufgeregt im Live-Blog die unaufgeregte Ankunft eines jeden Mitglieds des umfangreichen DFB-Trosses verfolgte.

Jo Kimmich seinerseits meldet sich schon vorab über die sozialen Netzwerke mit einem Bild auf seinem alten BMX-Bike vor der Garage in der alten Heimat Bösingen. Da wurden Erinnerungen wach, und auch dem inzwischen zwischen Freiburg und Berlin pendelnden Bundestrainer ist ein bisschen warm ums Herz geworden. Schließlich hatte er in Stuttgart erst als Spieler und später als Trainer durchaus schöne Stunden verbracht, ehe der vor zwei Jahren verstorbene Vereinspatron Gerhard Mayer-Vorfelder seiner überdrüssig wurde.

Gegen Norwegen könnte schon alles klar gemacht werden

Von Stuttgart aus wird der Kader am Donnerstagmorgen nach Prag düsen, um dort am Freitag (Freitag 20.45 Uhr/RTL) weiter mit Elefantenschritten Richtung Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu laufen, noch in der Nacht erfolgt der Rückflug nach Stuttgart, wo am Montag (20.45 Uhr/RTL) gegen Norwegen schon das WM-Ticket gelöst werden könnte. Bislang haben sich die Deutschen keine Blöße gegeben und führen ihre Gruppe souverän an.

Niemals zuvor hat ein Bundestrainer dabei auf ein derart breites Portfolio an Aktiven zurückgreifen können. Der Respekt gegenüber dem obersten Fußballlehrer des Landes war vermutlich nie größer, nachdem dieser noch mal nonchalant ohne größere Vorbereitung einen Perspektivkader zum Sieg beim Confed-Cup coachte, den viele Nationen gewinnen wollten: nur der Weltmeister nicht zwingend.

Die Perspektiven sind so prächtig wie das Spätsommerwetter, als sich der Kader am Dienstag zur Mittagszeit im Hotel Le Méridien versammelte und anschließend auf dem Gelände des VfB Stuttgart erstmals trainierte. „Der Konkurrenzkampf ist vielleicht so groß wie nie: Das ist die Headline für dieses Jahr“, sagt der Bundestrainer und fügte im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ an: „Jeder Spieler muss Konkurrenzkampf spüren, auch wenn er schon einmal Weltmeister geworden ist. Wenn der nicht vorhanden ist, wird man einen solchen Titel nicht wiederholen können.“

Die beiden Abwehrspieler Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi haben das aktuell unangenehm zu spüren bekommen. Beide wurden, obwohl fit, nicht in das 24-köpfige Aufgebot gerufen. Lieber nominierte Löw Matthias Ginter und Niklas Süle, die beide einen starken Confederations Cup spielten und den Ruf des Bundestrainers deshalb völlig zurecht erhielten.

Löw hat allein 17 Kräfte berufen, die sich beim Testlauf in Sotschi, Kasan und St. Petersburg ins Rampenlicht gespielt haben.Wer aus einem arrivierten Stamm an erfahrenen Weltmeistern und ehrgeizigen Nachrückern wie Süle, Lars Stindl, Timo Werner, Leon Goretzka und Serge Gnabry sein Aufgebot für die vorletzte Etappe der WM-Qualifikation zimmern kann, der befindet sich in einer Luxussituation. „Am Ende gibt es 23 Plätze im WM-Kader. Daher wissen auch die etablierten Spieler: Sie müssen immer an ihrem Leistungslimit spielen, um in der Mannschaft zu bleiben“, warnt Löw. Da muss einer nicht mal die Stimme, geschweige denn den Zeigefinger heben, um seine Stars anzustacheln.

Die Weltmeister Mats Hummels und Toni Kroos, Sami Khedira, Thomas Müller und Mesut Özil, dazu Mario Gomez sind im Aufgebot zurück – aber nicht alle haben zwangsläufig einen Stammplatz beim Badener, der in aller Seelenruhe, Leistungsbereitschaft, Form und Fitness seiner Kandidaten abklopfen kann.

Die Nachrücker rütteln an den nach der WM scheinbar in Stein gemeißelten Hierarchien sogar so heftig, so dass der Bundestrainer die von Manager Oliver Bierhoff getätigte Aussage, es gebe nur wenige Unantastbare, inzwischen abgemildert hat. Die Ausgangslage für den Doppelpack gegen die in den Hinspielen jeweils sicher mit 3:0 bezwungenen Tschechen und Norweger ist klar: Im Idealfall kann Bierhoff sich in aller Ruhe der wichtige Quartierfrage widmen. Dass Deutschland noch einen Umweg über die Playoffs nehmen muss, erscheint ausgeschlossen. Da hat die DFB-Auswahl ganz andere Zeiten erlebt, die allerdings anderthalb Jahrzehnte zurück auf die Ära unter Rudi Völler fallen. Jogi Löw hat 2017/18 ganz andere Ziele: „Wir können Historisches schaffen: Weltmeister, Confed-Cup-Sieger und noch einmal Weltmeister – das hat es noch nie gegeben. Meine Motivation hat sich in den vergangenen Jahren vielleicht sogar noch etwas gesteigert.“

Das erwartet er auch von den Profis. Die „grundsätzliche persönliche Einstellung“ sei „entscheidend: Wie lebe ich? Wie professionell bin ich in meinem Tagesablauf? Tue ich alles dafür, um mich zu verbessern?“ Löw will ganz genau hinschauen, damit das Projekt „Zurück in die Zukunft“ am 15. Juli 2018 in Moskau genau dort ankommt, wo es am 13. Juli 2014 in Rio schon einmal war: beim Titel.

Auch interessant

Kommentare