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Wie begossene Pudel: Bayern-Trainer Niko Kovac (links) und Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

FC Bayern München

Zurück in der Krise

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Bayern München gibt sich selbst Rätsel auf und rumpelt weiter vor sich hin. Trainer Niko Kovac steht unter Druck.

Nach dem überfälligen und auch in dieser Deutlichkeit völlig angebrachten Rundumschlag der gewichtigen Oberbosse gegen all die respektlosen Kritiker haben die Bayern ihre Krise endgültig beendet und sich den Frust von der geschundenen Seele geballert. Die Befreiungsschläge in dürren Zahlen: 3:1 in Wolfsburg, 2:0 in Athen, 2:1 in Mainz und zum Abschluss 2:1 beim SV Rödinghausen, auswärts auch noch an der Bremer Brücke zu Osnabrück bei orkanartigem Wind, peitschendem Regen und klirrender Kälte. Da muss man sich erst mal behaupten und durchsetzen, das schafft nicht jeder. Hochzufrieden rekapitulierte der souveräne Trainer Niko Kovac: „Wir haben es bis zum zweiten Elfmeter gut gemacht und hätten das dritte, vielleicht sogar vierte Tor schießen müssen.“ Respekt, ihr Bajuwaren. 

Man kann die ganze Angelegenheit natürlich auch gänzlich ohne Ironie betrachten, und dann muss man klar konstatieren, dass die Bayern zwar viermal hintereinander gewonnen haben, aber spätestens seit dem Dienstagabend wieder im Krisenmodus unterwegs sind. Dieses dürre 2:1 beim viertklassigen SV Rödinghausen, Platz fünf in der Regionalliga West, hat die Münchner aufgeschreckt und konsterniert zurückgelassen. Der Sportinformationsdienst wortschöpfte ganz ulkig: „Mia san mies.“ 

Der blasse Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der während dieser denkwürdigen Pressekonferenz von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge wie ein kleiner Schulbub abgekanzelt wurde und sogar noch an Format verloren hat, flötete leise: „Jeder von uns erwartet mehr. Keiner kann sich das erklären.“ Die Bayern hängen in den Seilen, suchen nach Orientierung und Halt, nach ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis. Sie wirken angeschlagen, nicht mehr wie der unverwundbare Riese, sie sind geschrumpft, irgendwie menschlich und fehlbar geworden. Die Bayern geben Rätsel auf – den Beobachtern und auch sich selbst.

Trainer Niko Kovac wirkt ratlos. „Wir haben den Gegner selbst aufgebaut und bringen uns, warum auch immer, selbst in Schwierigkeiten. Wir sind in Schönheit gestorben“, sagte er nach dem errumpelten Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals. 

Während der Partie versuchte er wild gestikulierend, seine Spieler auf Linie zu bringen. Doch den Bayern entglitt die Partie völlig – gegen ein fußballerisches Fliegengewicht. Die Münchner, das muss man klar festhalten, können gottfroh sein, dass sie nach dem peinlichen Auftritt von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vier eher schwache Gegner vor der Brust hatten: Der VfL Wolfsburg ist allenfalls Mittelmaß in Deutschland, Mainz 05 steht an der Schwelle zu den Abstiegsrängen, AEK Athen ist eigentlich nur ein Punktelieferant in der Königsklasse und Rödinghausen, nun ja, ist halt Rödinghausen. 

Überaltert und satt

Immerhin waren die hochdekorierten Fußballer selbstkritisch, was blieb ihnen angesichts der dürftigen Leistung aber auch anderes übrig? „Jeder muss sich Gedanken machen“, urteilte Nationalspieler Thomas Müller. „Das ist nicht unser Anspruch, wir haben Aufarbeitungsbedarf.“ Niklas Süle fand die Darbietung „noch einmal ein Stück schlechter als gegen Mainz.“ Torwart und Kapitän Manuel Neuer stellte trocken fest: „Das war nicht Bayern-like.“ Die Frage sei gestattet: Was ist denn überhaupt Bayern-like? 

Die Mannschaft liefert jedenfalls seit vielen Wochen allzu biedere Leistungen ab, das Freigeistige, das Kreative, der Spielwitz und die Schnelligkeit – all das ist auf der Strecke geblieben. Das Münchner Spiel ist langatmig, einfallslos, es läuft nach Schema F ab, es ist ausrechenbar, meist läuft es irgendwie über die Flügel, aber auch nicht mehr besonders schnell. Das Überfallartige, das Überraschende sucht man vergebens. Was natürlich auch daran liegt, dass die Flügelzange mit Arjen Robben und Franck Ribery in die Jahre gekommen ist und ein flinker Dribbler wie Kingsley Coman oft verletzt ist. Die Mannschaft ist generell überaltert, (mental) nicht mehr so frisch, nicht mehr so hungrig. Es ist ein Übergangsjahr, nächste Saison müssen die Bayern Gravierendes verändern, eine Zäsur einleiten. 

Die spielerische Armut fällt dennoch in die Verantwortung des Cheftrainers, das ist sein Kompetenzbereich. Niko Kovac ist zweifelsohne ein guter Fußballlehrer, doch er ist ein Coach, der Spiele erst einmal von hinten denkt, der defensiv gut und kompakt stehen will. Das kann er einer Mannschaft vermitteln. Doch kann er auch feine, strategische Angriffspläne ertüfteln, ein Konzept entwickeln, eine Spielidee entwerfen und der Mannschaft etwas an die Hand geben?

Zum Vergleich: Ex-Klub Eintracht Frankfurt schoss unter seiner Regie in der letzten Saison in der Hinrunde genau 20 Tore – so viele haben die Hessen jetzt bereits nach neun Spieltagen erzielt (plus acht in der Europa League). Aber mit nur 18 Gegentoren stellte die Eintracht auch die zweitbeste Defensive nach den Bayern, die vor einem Jahr nach 17 Spielen nur elf Treffer geschluckt hatten. Das Verwunderliche: Kovac schafft es nun nicht mal, seinem Team defensive Stabilität zu verleihen. Die Balance stimmt nicht: Zehn Gegentore stehen nur 17 eigenen Treffern gegenüber. Nicht Bayern-like, auch das nicht. 

Und die Frage ist natürlich, ob Coach Kovac seine Spieler überhaupt noch erreicht, folgen sie ihm, versuchen sie tatsächlich, alle Vorgaben umzusetzen? Oder sind sie eher genervt von seinem Führungsstil, der kurzen Leine, seinen permanenten Maximalforderungen und dem steten Druck, den er auf dem Kessel hält? Sandro Wagner, bislang mit wenig Einsatzzeit bedacht, bekundete am Dienstag schmallippig: „Ich bin ein Spieler und muss nicht viel analysieren. Dafür haben wir einen Trainer.“ 

Der muss den nächsten Ausfall hinnehmen: Regisseur Thiago fällt mit einem Riss des Außenbandes sowie der Gelenkkapsel im rechten Knöchel mehrere Wochen aus. Doppelt bitter: Das Bayern-Spiel bisher lief fast ausschließlich über den Spanier, er ist eine wichtige Stütze und der kreative Kopf. Noch eine Baustelle mehr für Niko Kovac und sein kriselndes Starensemble. Und in gut einer Woche geht es zu Branchenführer Borussia Dortmund. 

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