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Die Hoffnung des ukrainischen Fußballs: Andrej Schewtschenko, ehemaliger Weltklassestürmer und heutiger Nationaltrainer.

Andrej Schewtschenko

Zurück in der Kindheit

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Andrej Schewtschenko ist eine Ikone in seiner geplagten Heimat Ukraine: Beim Nationaltrainer gehört der Osten Deutschlands zur Familiengeschichte.

Es ist nicht so leicht, in der Innenstadt von Kiew ein Stückchen Grünfläche zu erspähen. Bolzplätze gibt es hier nur selten. Doch wer sich in Richtung des Flusses Dnepr aufmacht, der sieht viele Kinder kicken. Bis heute eifern sie vor allem einem nach, den sie in der Ukraine nur „Schewa, Schewa“ rufen – Andrej Schewtschenko. Ein Nationalheld. Niemand reicht im Fußball an seine Aura heran. Der 44-Jährige ist der größte Star, den die ukrainische Nationalmannschaft mit zum Nations-League-Duell nach Deutschland (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) nach Leipzig bringt. Nur dass er jetzt nicht mehr ihr Spieler, sondern der Trainer ist.

Er dient als Hoffnungsträger für sein gebeuteltes Heimatland, das er kraftvoll in einer Qualifikationsgruppe mit Serbien und Portugal zur EM 2021 geführt hat, nachdem er nach der EM 2016 vom Assistenten zum Nationaltrainer befördert wurde, obwohl ihm eigentlich die Trainerlizenz fehlt. Unter dem altbackenen Michail Fomenko hatte die „Zbirna“ einen rückwärtsgewandten Fußball gespielt, gleich zum Auftakt gegen Deutschland (0:2) verloren.

Wer damals den Tross in ihrem EM-Quartier im französischen Aix-en-Provence besuchte, ahnte bereits, dass aus dem Co-Trainer bald mehr werden würde: Internationale Reporter drängten sich um Schewtschenko, der erklärte, er wolle von den großen Trainern seiner Karriere gerne etwas weitergeben. Sein wichtigster Lehrmeister war Waleri Lobanowski, der die Sowjetunion 1988 bis ins EM-Finale führte. Der alte Zuchtmeister brachte dem jungen Mann aus Kiew bei, wie wichtig Disziplin und Training sind. Oft legte er Sonderschichten ein, um den Körper zu stählen.

Schewtschenko sollte sich zum am meisten bewunderten Auslandsfußballer der Ukraine hocharbeiten, der sich beim AC Mailand viele Meriten (und Millionen) verdiente. Die EM 2012 sollte sein letzter Höhepunkt werden. Obwohl bereits 35 Jahre alt schoss Schewtschenko gegen Schweden noch zwei Tore. In jener Nacht von Kiew feierten die Menschen bis in die Morgendämmerung die Auferstehung des Altstars, der danach die Bühne verließ. Seine 48 Tore in 111 Länderspielen bleiben wohl noch lange unerreicht. Nach einem kurzen Abstecher in die Politik – mit einer Kandidatur für die erfolglose Partei „Vorwärts!“ – besann sich der zweifache Familienvater wieder auf den Fußball.

Als er vor vier Jahren als Nationalcoach anfing, erinnert er sich, „war die Stimmung in der Presse gegen uns und die Moral der Spieler schlecht“. Obwohl das Team die Qualifikation für die WM 2018 beim Nachbarn Russland verspielte, stellten sich bald Fortschritte ein. Ballbesitz ist für die Mannschaft kein Rätsel mehr. Routiniers wie Torwart Andrij Pyatow, 36, Taras Stepanenko, 31, oder der eingebürgerte Brasilianer Junior Moraes, 33, vom Serienmeister Schachtjor Donezk, zählen noch zu den Stützen; genau wie der ehemalige Dortmunder Andrej Jarmolenko, 31, inzwischen für West Ham United am Ball. Aus Trainersicht könnten ruhig mehr Landsleute bei ausländischen Klubs unter Vertrag stehen wie Alexander Zintschenko, 23, bei Manchester City oder Ruslan Malinovskyi, 27, bei Atalanta Bergamo. International wurde voller Hochachtung registriert, dass die Ukraine 2019 die U-20-WM in Polen gewann.

Vater war Offizier

In der Nations League brachten Corona-Erkrankungen im Spieler- und Betreuerkreis das Ensemble aus dem Gleichgewicht, unter diesen Erschwernissen ging auch das Heimspiel gegen die DFB-Auswahl (1:2) vor einem Monat verloren, doch danach ließ ein Sieg gegen Spanien (1:0) aufhorchen. Jetzt steht die beste Besetzung zur Verfügung. Übergeordnetes Ziel ist für Schewtschenko aber seine erste EM als Cheftrainer. Er versucht mit weltmännischer Gelassenheit die Errungenschaften aus Ost und West miteinander zu verknüpfen – der Einfluss seiner aus den USA stammenden Ehefrau ist nicht zu unterschätzen.

Auch zu Deutschlands Osten hat er einen besonderen Bezug: Sein strenger Vater Nikolaj war viele Jahre als hoher Offizier der Sowjetarmee im Landkreis Brandenburg vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in der ehemaligen DDR in Wünsdorf stationiert. An einem der wichtigsten russischen Standorte im Ostblock verbrachte Schewtschenko einige Jahre seiner Jugend. Schwester Elena wurde sogar in dem Ortsteil von Zossen im Landkreis Teltow-Fläming geboren.

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