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Robust: Niklas Süle.

Süle und Rüdiger

Zurück im Wettkampfmodus

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Niklas Süle und Antonio Rüdiger finden nach anderthalb Jahren Zwangspause in der DFB-Auswahl zum gemeinsamen Verteidigen zurück. Donnerstag geht’s gegen Spanien.

In Zeiten der Corona-Pandemie ist auch im vormals ungezähmt prosperierenden Profifußball viel von Verlierern die Rede. Niklas Süle gehört zu den beneidenswerten Menschen, die als Gewinner aus einer unfreiwilligen Kurzarbeit gekommen sind. Das Virus schickt sich an, dem „Kleiderschrank“ (Kumpel Leon Goretzka), nach dem um drei Monate verschobenen Champions League-Finale obendrauf noch vollumfänglich eine Europameisterschaft zu schenken.

Nachdem der 24-Jährige im vergangenen Oktober beim Spiel des FC Bayern in Augsburg mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging, war die Diagnose bald Gewissheit: Der gebürtige Frankfurter hatte sich fünf Jahre nach dem ersten den bereits zweiten Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen. Bundestrainer Joachim Löw schaute entsprechend betroffen aus und sprach von einer „ganz bittere Nachricht“, denn er ahnte düster: Die für den Sommer 2020 geplante EM-Endrunde würde mit einiger Sicherheit ohne seinen Abwehrchef über die Bühne gehen müssen.

Jetzt findet die EM 2020 erst 2021 statt, und Niklas Süle, der ein ziemlich verrückter Kerl sein kann, hat statt eines ganzen Turniers bloß zwei Länderspiele im November 2019 verpasst. Corona hat ihm Zeit geschenkt. Seit zehn Monaten ruht der DFB-Spielbetrieb. Auch die Belastungsreaktion im operierten Knie Anfang Mai hat den 1,96-Meter-Mann nicht großartig zurückgeworfen, ebenso wenig wie ein paar kleinere Schlagzeilchen, als er statt mit dem Dienstwagen des Bayern-Partners Anfang April nach dem Reha-Training mit einem blütenweißen Ferrari aus der Tiefgarage auf die Säbener Straße gefahren kam.

Sonnenschein Süle dürfte am Donnerstag (20.45 Uhr/ ZDF) in der Nations League in Stuttgart gegen Spanien zu seinem 25. Länderspiel gelangen - am selben Tag feiert er auch seinen 25. Geburtstag. Wie hoch der Stellenwert des Innenverteidigers auch bei seinem Arbeitgeber ist, bewies der angenehme Saisonausklang: Im Champions League-Finale wechselte Hansi Flick nicht etwa den 80-Millionen-Mann Lucas Hernández nach 26 Minuten für den verletzten Jerome Boateng ein, sondern Süle. Ein Zeichen der Wertschätzung für die meist bestgelaunte Wuchtbrumme, die als D- und C-Jugendlicher bei der Eintracht Frankfurt schon beträchtlich größer und schwerer war als die Konkurrenz.

Konsequent: Antonio Rüdiger.

Und bald auch frecher. Unvergessen ist die Begebenheit bei seinem späteren Arbeitgeber TSG Hoffenheim, wo der eigenwillige Frechdachs nächtens das Flutlicht anschaltete, um mit einem Kumpel Flanken, Kopfball, Tor zu üben - zur ausgewiesenen Freude der nahen Anwohner. Auch einzelne Döner-Fress-Exzesse sind Legende, aber gewiss keine Gewohnheit und ohnehin ein Thema, das Süle lieber verbal weggrätscht. Unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass er es mit unstetem Lebenswandel und unprofessioneller Einstellung wohl kaum zum FC Bayern und ins Nationalteam geschafft hätte. Wenngleich sein bayerischer Freund und Teamkollege Joshua Kimmich breit lächelnd erklärt: „Wenn es drauf ankommt, ist Niki da. Er definiert es aber für sich selber, wann es drauf ankommt. Im Training macht er schon mal etwas ruhiger.“

Im Kosmos Löw soll das „Tier“ (Ex-Kollege Sandro Wagner), gemeinsam mit Matthias Ginter (26) und Antonio Rüdiger (27), den Laden hinten zusammenhalten. Der Bundestrainer setzt auf Zweikampf- und Tempohärte des Trios, das sich sowohl in Dreier- wie auch in Viererkette wohlfühlt. Es ist sicher kein Zufall, dass Süle, Ginter und Rüdiger alle miteinander zur deutschen Siegermannschaft beim Confed Cup 2017 gehörten, als Süle, der Jüngste, noch etwas hinten anstand,

Löw plant - analog zum taktischen Ansatz des FC Bayern - und trotz der schlechten Erfahrungen bei der WM 2018 auch in Zukunft mit einer hoch stehenden Defensive. Dazu braucht es das entsprechende flinke Personal in letzter Instanz. Zuletzt verteidigten Süle, Rüdiger und Ginter gemeinsam beim 3:2-Sieg im Frühjahr 2019 in der Amsterdam Arena gegen die Niederlande. Bald danach verletzte sich Rüdiger nacheinander an Knie und Leiste so schwer, dass für den Verteidiger des FC Chelsea das Kalenderjahr gelaufen war. Für den Mann, für den das Spiel gegen Spanien auch eine Rückkehr an seine ersten schwierigen Schritte in den Profifußball mit dem VfB sein wird, war die Abstinenz vom DFB-Team also noch länger als für Süle.

Rüdiger sprach am Dienstag in der virtuellen Pressekonferenz davon, er sei in London „vom Nesthäkchen zum Mann“ gereift. Niki Süle kommt mit seinem Lausbubenlächeln dagegen noch immer wie ein großer Junge daher. Er nennt die Nationalmannschaft eine „richtig geile Truppe“, die ihm „unheimlich gefehlt“ habe. Rüdiger sieht die Feldarbeit fürs Land deutlich weniger empfindsam: „Ich bin hier, um einen Job zu erledigen.“ So unterschiedlich die emotionalen Herangehensweisen auch sein mögen - Löw hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er beiden Spielern großes Vertrauen schenkt - andernfalls hätte er den Abschied von Mats Hummels und Jerome Boateng wohl nicht gewagt.

Süle klingt verdächtig so, als hätte er die Reha-Maßnahmen nach dem Kreuzbandriss auch dazu genutzt, sich noch fitter zu machen als in der Vergangenheit. „Ich habe unheimlich viel an meinen Defiziten gearbeitet.“ Künftig plant er, sich seinen mächtigen Körper noch bewusster zunutze zu machen: „Ich will lauter in der Körpersprache werden.“ Eine interessante Umschreibung für den Weg zum Führungsspieler, auf dem ihn Löw schon lange sieht.

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