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Von: Jakob Böllhoff

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Zurück - und wie: Christian Eriksen. Foto: AFP
Zurück - und wie: Christian Eriksen. © AFP

Der Däne Christian Eriksen erzielt bei seinem Comeback in der Nationalmannschaft ein Traumtor. So sieht Schicksal aus.

Die ganze Welt liegt zwischen diesen Ballberührungen, Leben und Tod, Licht und Dunkelheit. Christian Eriksen war ein sterbender Mensch, als er am 12. Juni 2021 an den Ball kam, schon stolpernd, schon stürzend, der Ball prallte unkontrolliert an ihm ab, und dann hörte das Herz des Christian Eriksen auf zu schlagen. Er war ein sterbender Mensch, vor den laufenden Kameras einer Fußball-Weltmeisterschaft, aber er starb nicht, weil die Ärzte ihn nicht sterben ließen.

Wäre ja auch wirklich ein unwürdiges Ende dieses großartigen Fußballerlebens gewesen: ein Ball, der irgendwie vom Schienbein wegspringt.

Am Samstagabend also, 287 Tage nach dem Unglück von Kopenhagen, war Eriksen erstmals wieder als dänischer Nationalspieler im Einsatz. Beim Testspiel gegen die Niederlande in Amsterdam wurde der 30-Jährige zur Halbzeit eingewechselt. Knapp zwei Minuten dauerte es, bis er zum ersten Mal den Ball berührte. Eine Direktabnahme in etwa 15 Meter Torentfernung, rechter Fuß, nur Fuß, kein Schienbein, das Schienbein hätte in diesem Moment nicht weiter vom Fuß entfernt sein können, das Schienbein war sozusagen 287 Tage vom Fuß entfernt, und von diesem wunderbaren rechten Fuß rauschte der Ball also ins linke obere Toreck des niederländischen Tores, und es wurde Licht. So sieht Schicksal aus.

„Teil von mir, Teil der Welt“

Seit Samstagabend scheint Christian Eriksen wieder eins zu sein mit dem Leben und mit dem Fußball, was bei einem wie ihm ein Stück weit das gleiche ist. Einmal traf er noch den Pfosten. Eriksen spielte wie der Fußballer, der er vor dem 12. Juni 2021 war, begnadete Technik, absolute Weltklasse. Aber ein anderer Mensch ist er doch. „Es ist ein Teil von mir. Es ist ein Teil der Welt“, sagte er in Amsterdam über den Zusammenbruch von Kopenhagen. Erst vor einem Monat hatte er sein Pflichtspiel-Comeback gegeben, er spielt jetzt beim englischen Erstligisten FC Brentford. Bei Inter Mailand, seinem alten Klub, durfte er mit dem ihm eingesetzten Defibrillator gemäß den italienischen Ligastatuten nicht mehr spielen.

„Ich bin immer noch derselbe Fußballspieler und will immer noch gewinnen“, sagte Eriksen, der sich deshalb ärgern musste; Dänemark hatte in der Johan-Cruyff-Arena mit 2:4 (1:3) verloren. Fürs Protokoll: Die Elftal, am Dienstag wieder in Amsterdam der nächste deutsche Gegner, gewann durch die Treffer der beiden England-Profis Steven Bergwijn (16./71. Minute) und Nathan Aké (29.) sowie einen Foulstrafstoß von Memphis Depay (38.). Für die Dänen hatte Vestergaard zum 1:1 ausgeglichen (20.).

Vermutlich war der Vollblutfußballer Eriksen selbst einer der wenigen, die das Zahlenwerk des Spiels interessierte. Sein Comeback überstrahlte alles. Bei seiner Einwechselung applaudierten die 50 000 Fans im Ajax-Stadion von Amsterdam, wo sein Weg zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt einst begonnen hatte.

„Ich hatte Gänsehaut“, sagte der niederländische Verteidiger Matthijs de Ligt. „Es ist großartig, dass er zurück ist – wie er getroffen hat, zeigt seine Klasse.“ Und Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand sprach von einer „Freude, ihn Fußball spielen zu sehen“. Er hatte Eriksen vor der Einwechselung vor allem eines mit auf den Rasen gegeben: „Genieß es.“

Das hat Christian Eriksen getan, und er hat den Genuss nicht für sich behalten, sondern ihn mit allen geteilt, hat ihn in die Welt befördert, mit dem rechten Fuß, in dem wahrscheinlich auch ein Herz schlägt. Sein wahres. mit sid/dpa

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