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Bundestrainer Joachim Löw.

Joachim Löw

„Da steht Angela Merkel an der Spitze“

Bundestrainer Joachim Löw über Krisenmanagement beim DFB und in der Politik.

Herr Löw, haben Sie aktuell das Gefühl, dass Sie nichts richtig machen können?

Sehen Sie das so? Als Bundestrainer in einem Land, in dem der Fußball elektrisiert und emotionalisiert, Lieblingssport von zig Millionen Menschen ist, gibt es immer viele Meinungen. Und Kritik. Die gehört dazu, der muss ich mich stellen – das hat sich nicht geändert. Klar aber ist auch, dass ich es in dieser Rolle nie allen recht machen kann. Es geht vordergründig um Ergebnisse. Doch als Trainer muss ich auch andere Dinge im Kopf haben und beispielsweise an die Entwicklung der Spieler und der Mannschaft denken.

Obwohl Sie zuletzt auch sehr viel Rücksicht auf die Klubs genommen haben, war die Kritik heftig. Warum?

Entertainment ist Teil des Fußballs. Experten werden gefragt und dafür bezahlt, dass sie Klartext sprechen – ich nehme das nicht persönlich. Wenn Bastian Schweinsteiger beispielsweise Fehler aufzeigt, sind das ja häufig auch Dinge, die wir ähnlich sehen und auch besprechen. Nur, dass dann keine Kamera dabei ist (lacht).

Hat Sie der Vorwurf der Arroganz getroffen?

Jeder, der mich kennt, weiß, dass mir Arroganz absolut fernliegt. Darum nehme ich es schon ernst, wenn Menschen mich als arrogant wahrnehmen.

Haben Sie überlegt, ebenfalls öffentlich auszuteilen?

Ich bin schon so lange dabei und habe schon sehr viel erlebt. Die Nationalelf wird immer im Fokus stehen, alles wird kommentiert. Ich denke, dass ich das daher ganz gut und unaufgeregt einordnen kann. Auch intern haben wir eine gute Fehlerkultur, überlegen uns jede Entscheidung sehr, sehr genau. Doch wenn sie getroffen ist, dann stehe ich dahinter, weil ich davon überzeugt bin und die Gesamtverantwortung trage. Mein Stil ist es da eher, die Ruhe zu bewahren und mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Und nicht auf alles zu reagieren und mich rechtfertigen zu wollen. Eines steht für mich auch fest: Ich weiß, dass ich sicher nicht immer alles perfekt mache. Schon gar nicht in diesen Tagen, in denen wir alle vor ganz neuen Herausforderungen stehen.

Wo steht die Nationalmannschaft im November 2020?

Wir sind auf einem guten Weg. Aber wir haben auch noch ein ganzes Stück vor uns, wenn wir dahin kommen wollen, dass wir bei der EM wieder ein ernsthafter Konkurrent für alle sind. Man darf nicht vergessen, dass wir Ende 2018 ganz unten waren und wie lange andere Nationen gebraucht haben, um aus einem Tal herauszukommen. Ich habe das mal analysieren lassen.

Wir sind gespannt …

England, Spanien, Italien, Holland, alle haben diesen Umbruch eingeleitet, nachdem sie am Tiefpunkt waren. Und alle haben vier, sechs oder sogar acht Jahre gebraucht, bis sie wieder dort hinkamen, wo sie vorher waren. Da haben wir in den eineinhalb Jahren nun schon einen sehr großen Schritt gemacht.

Können Sie das konkretisieren?

2016 haben wir rund 80 Prozent unserer Möglichkeiten ausgeschöpft, 2017 sogar 100. Da haben wir alle Qualispiele und den Confed-Cup gewonnen. 2018 waren es unter 20 Prozent! 2019 sind wir schon wieder bei 80 gewesen und haben jetzt seit über einem Jahr nur ein Spiel verloren.

Aber auch nur eins gewonnen.

Klar, Siege wären jetzt auch wichtig. Natürlich machen wir noch jede Menge Fehler, wie man in den letzten Spielen gesehen hat. Auch spielerisch haben wir noch Luft nach oben. Fehler zu machen, ist wichtig, um die richtigen Lehren und Schlüsse zu ziehen. Neben unseren gestandenen Säulen wie Neuer oder Kroos haben wir hungrige junge Spieler mit riesigem Potenzial. Das stimmt mich zuversichtlich, weil wir auch in der Art und Weise, wie wir spielen wollen, schon richtig gute Ansätze gezeigt haben. Unsere Spieler haben es verdient, dass wir an sie glauben. Und das tun wir. Ohne Wenn und Aber.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat vergangene Woche behauptet, dass Sie an Mats Hummels und Thomas Müller mit Blick auf die EM gar nicht vorbeikämen.

Wir haben uns 2018 dazu entschieden, die beiden und Jerome Boateng nicht mehr zu nominieren und daran hat sich bislang auch nichts geändert. Wir wollten den Verjüngungsprozess ganz bewusst, und Spieler wie Gnabry, Sané, Kimmich, Werner, Goretzka, Süle, Havertz brauchen Räume, um sich weiterzuentwickeln. Sie brauchen Einsatzzeit und müssen Erfahrungen machen. So, wie Thomas, Mats, Jerome das auch brauchten, bevor sie zu Säulen bei der WM in Brasilien wurden. Ich weiß aber, dass dies drei tolle Persönlichkeiten sind mit individueller Extra-Klasse.

Zur Person

Joachim Löw ist fast so lange schon Bundestrainer, wie die 2005 ins hohe Amt beförderte Angela Merkel als Bundeskanzlerin amtiert. Seit 2006 verantwortet der 60-Jährige die Fußball-Nationalmannschaft und hat dabei einige Krisen durchlebt. Der Südbadener ist sich dabei immer treu geblieben, hat Druck widerstanden und Krisen bewältigt – und outet sich im Interview als Angela-Merkel-Fan. Gerade ist Löw mit seinem Kader in Leipzig, wo diese Woche zwei Länderspiele stattfinden, ehe es nächste Woche nach Spanien geht.

Mario Götze ist für viele überraschend nach Eindhoven gewechselt und präsentiert sich dort bisher in toller Form – kann auch er wieder ein Kandidat für die EM werden?

Ich hatte mit Mario in den letzten Wochen immer wieder Kontakt, er hat mich auf dem Laufenden gehalten. Aus meiner Sicht hat er für sich genau die richtige Entscheidung getroffen – nämlich außerhalb des Präsentiertellers Bundesliga einen Neustart zu wagen. Es hat sich in Deutschland immer alles auf ihn fokussiert. Er hatte durch das Tor 2014 einen Rucksack auf, der sicher auch eine große Last bedeutet hat. Deshalb freue ich mich für ihn, dass er in Eindhoven so gut gestartet ist. Das war so nicht zu erwarten. Er wirkt sehr frisch und sehr agil, die Freude ist ihm anzumerken. Das braucht er für seine Leichtfüßigkeit, für seine Variabilität. Wir verlieren auch ihn nicht aus den Augen, ganz klar.

Haben Sie Sorge, dass die Bedeutung des Fußballs durch Corona zurückgeht oder er sogar daran zerbrechen könnte?

Nein, einen generellen Bedeutungsverlust des Fußballs sehe ich nicht. Anfangs hatte ich ein mulmiges Gefühl und habe mich gefragt, wie das ablaufen soll, wenn die Spieler bei großen Partien in riesigen Stadien vor völlig leeren Rängen spielen. Was macht das mit den Fans, mit den Spielern? Dazu die Entscheidung der Politik, die uns ermöglicht hat zu spielen und die nicht jeder gut fand. Aber wenn ich mich umhöre, habe ich schon das Gefühl, dass den Leuten der Fußball fehlt. Dass sie sich freuen, wenn es zumindest im Fernsehen läuft. Wir fiebern alle auf den Tag hin, an dem die Stadien wieder voll sind. Das wird ein wunderbarer Tag und dann wird die Begeisterung so groß sein wie vorher, mindestens!

Aus dem Fußball gab es zuletzt kritische Stimmen Richtung Regierung. Müsste man der Politik nicht sogar dankbar sein?

Der Fußball hat eine enorme soziale und gesellschaftliche Rolle in unserem Land, aber er sollte sich auch nicht zu wichtig nehmen und über andere stellen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass vor allem unsere Kanzlerin sich erneut als hervorragende Krisenmanagerin gezeigt und vieles richtig gemacht hat. Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir bislang sehr gut durch diese Krise gekommen. Das haben wir den Verantwortlichen in der Politik zu verdanken, die dabei immer seriös, authentisch und absolut glaubwürdig geblieben sind. Und da steht Angela Merkel an der Spitze. Wie es mit diesen Themen in anderen Ländern aussieht, haben wir in den vergangenen Tagen ja erlebt …

Sie spielen auf die US-Wahl an. Sind Sie dafür nachts aufgestanden?

Das nicht, aber sehr früh morgens. Natürlich interessiert es mich extrem, was in Amerika passiert, wie sie sich politisch aufstellen. Das hat auf ganz Europa und auf Deutschland wichtige Auswirkungen, auf uns alle.

Mit Hansi Flick, Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann wurden drei Deutsche unter die vier besten Trainer Europas gewählt. Sehen Sie einen als möglichen Nachfolger für den Tag, an dem der Bundestrainer nicht mehr Joachim Löw heißen sollte? Käme für Sie auch ein ausländischer Coach infrage?

Der Tag wird kommen (lacht). Warum sollte nicht auch ein ausländischer Trainer denkbar sein, wenn seine Philosophie passt? Dies zu bewerten, gehört zum Glück nicht zu meinen Aufgaben, das ist Sache der Verantwortlichen des DFB. Ich finde, dass wir in Deutschland wirklich einige sehr gute Trainer haben, die noch mitten in ihrer Karriere stehen und genug Qualität hätten, um ihnen dieses Amt anzuvertrauen.

Interview: Heiko Ostendorp

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