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Herr des Balles: Zinedine Zidane.

Champions-League-Finale

Zidane im Zwiespalt

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Für Real-Trainer Zinedine Zidane ist das Endspiel in der Königsklasse gegen Juventus Turin eine Begegnung mit der Vergangenheit

Irgendwie ja schade, dass die Fußballhelden der Neuzeit so abgeschirmt sind. Und selbst bei einem so aufgemotzten Event wie einem Champions-League-Finale fast gar nichts von der wirklichen Umgebung mitbekommen. Zinedine Zidane wird sich eher nicht ins Cardiff Castle, dem pulsierenden Herz der walisischen Hauptstadt, oder in die Cardiff Bay, dem lebendigen Hafengebiet, begeben, um die Eigenarten einer Nation zu spüren, die sich im Vereinigten Königreich ihre Erkennungsmerkmale bewahrt hat.

Das fängt schon bei der Sprache an. Walisisch („Cymraeg“) ist auf der Straße gängig. Wenn Einheimische fragen, „wer, glaubst Du, wird gewinnen?“, dann geht das so: „Pwy wyt ti’n meddwl sy’n mynd i ennill?“ Selbst ein Kosmopolit wie Zidane, nach seiner Zeit als Spieler und vor seiner Zeit als Trainer bei Real Madrid als Botschafter weltweit unterwegs, müsste da passen. Man möchte sich die Miene des 44-Jährigen vorstellen, würde der Fußballlehrer am Freitagabend auf der Abschlusspressekonferenz im Millennium Stadion damit konfrontiert.

Garantiert ist, dass der kahlköpfige Gentleman vor dem Showdown gegen Juventus Turin (Samstag 20.45 Uhr/ ZDF) zu der historischen Ausgangslage Stellung nehmen muss: Können die Königlichen als erster Klub den Champions-League-Titel verteidigen? An dieser Mission hat sich die geballte Trainerprominenz verhoben, und sollte es ausgerechnet einer schaffen, der erst im Januar 2016 seinen ersten Chefposten im Profibereich antrat, wäre es der nächste Ritterschlag für einen, der stets die leisen Töne bevorzugt: „Die Motivation existiert einfach nur, weil wir erneut ein Champions-League-Finale spielen.“

Der meist erhaben im Maßanzug mit den Händen in den Hosentaschen in der Coaching Zone stehende Zidane liefert die große Klammer, die das Duell zwischen dem spanischen und italienischen Renommierklub überwölbt wie das verschließbare Dach das walisische Nationalstadion am River Taff. Denn bevor der dreimalige Weltfußballer mit dem instinktsicheren Gefühl für Ball und Raum und Zeit ein halbes Jahrzehnt für das weiße Ballett in Madrid tanzte, hatte er genauso lange für Juventus gespielt. „Im Herzen bleibe ich ja immer Juventino“, gestand der Vater von vier Söhnen dem italienischen Fernsehen nach dem Finaleinzug, um diese Woche beim Medientag der Spanier zu versichern: „Ich habe die DNA von Madrid, das ist mein Zuhause.“ War da ein Zwiespalt in der Fußballerseele herauszuhören?

In Turin steht noch sein liebstes Restaurant, ehemalige Mitspieler wie Mark Iuliano und Moreno Torricelli sind Freunde geblieben, die jetzt behaupten: „Zizou ist als Mensch sogar besser denn als Fußballer.“ Erst bei der Alten Dame stieg der Franzose von 1996 bis 2001 zum Weltstar auf und wurde Welt- und Europameister mit der Grande Nation. Mit 24 war er als einer der begehrtesten Spieler Europas von Bordeaux nach Turin gewechselt, doch der Anfang nicht einfach für den scheuen Genius. „Ich war nicht richtig integriert, alle sagten, ich sei ein Fehleinkauf. Nur Marcello Lippi glaubte damals an mich“, erinnert sich Zidane an die Zeit, in der er nach eigenem Bekunden zum Mann reifte. Der Stratege verlor zuerst zwei Champions-League-Endspiele: 1997 gegen Borussia Dortmund (1:3) und ein Jahr darauf gegen Real (0:1) und konnte erst später – 2002 im Dress der Madrilenen – den Henkelpott stemmen, nachdem der Taktgeber selbst das unvergessene 2:1 gegen Bayer Leverkusen erzielt hatte.

Es sind indes nicht alleine die Verdienste einer stilprägenden Epoche, die ihm beim allmächtigen Präsidenten Florentino Pérez einen Bonus eingebracht haben; der Klubboss hat früh gespürt, wie der Sohn algerischer Einwanderer sich für den Rollenwechsel präpariert hat, zu dem er selbst sagte: „Ich habe hart an mir gearbeitet, bis ich Trainer werden konnte. Das ist sicher kein leichter Job.“ Wo ihm früher der einfache Pass das liebste Mittel war, sind es nun die simplen Botschaften, die dank seiner Aura bei den Individualisten ankommen.

„Ich habe ihn als Spieler bewundert, und jetzt bewundere ich ihn als Trainer noch mehr“, lobt Superstar Cristiano Ronaldo, der sich wohl von keinem anderen hätte sagen lassen, dass mit 32 Jahren mitunter weniger mehr ist – und gelegentliche Ruhezeiten weder Ego noch Torquote schaden. Wenn die Vorzeigestars ihren Vorgesetzten beschreiben, fallen immer wieder diese Attribute: fleißig, positiv, respektvoll – und manchmal auch zurückhaltend. Es kommt in einem globalisierten Fußballunternehmen, das Stolz und Würde nach außen kehrt, gut an, wenn der Trainer bisweilen auch für demütige Etikette steht. Aber in erster Linie muss er Erfolge liefern, wie es Zidane reichlich getan hat: Champions-League-Sieger, Klub-Weltmeister, Supercup-Sieger und Meister.

Sollte der nächste Coup gelingen, der Trainer wäre trotzdem unverdächtig, die aktuellen Tipps der Einheimischen aufzugreifen. Die raten ja, zu fortgeschrittener Stunde in die Chippy Lane zu ziehen, wo feierfreudigen Touristen die verrücktesten Dinge erleben sollen, umso länger die Nacht dauert. Zinedine Zidane wird auch diese Seite von Cardiff kaum kennenlernen.

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