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Hatte sich bereits vor Wochen öffentlich für den Abbruch der Saison eingesetzt: Markus Kompp.

DFB in Nöten

Die Zerreißprobe in der dritten Liga

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Die Dritte Liga ist gerade so tief gespalten, dass es vielleicht einen außerordentlichen DFB-Bundestag braucht.

Beim SV Waldhof Mannheim erinnern sie sich an das letzte Heimspiel vor der Corona-Krise fast wehmütig: Das Stadion war mit 23 157 Zuschauern restlos ausverkauft,als der Aufsteiger am 29. Februar im Südwestderby dem großen Rivalen 1. FC Kaiserslautern ein 1:1 abtrotzte. Es folgte noch eine Nullnummer bei den Würzburger Kickers, als die Saison abgebrochen wurde. Seitdem scheint die Tabelle wie in Stein gemeißelt: Die Erben der Waldhof-Buben, aus deren Schule der eisenharte Stopper Jürgen Kohler stammt, sind Tabellenzweiter. Insgeheim träumen sie beim Aufsteiger aus der Kurpfalz davon, bald dort weiterzuspielen, wo der Pepitahut von Klaus Schlappner mal Markenzeichen war: im deutschen Profifußball. Die aktuelle vom ehemaligen Bundesliga-Haudegen Bernhard Trares trainierte Mannschaft kann nun vielleicht am grünen Tisch noch schneller als auf dem grünen Rasen aufsteigen.

Geschäftsführer Markus Kompp hat sich bereits vor Wochen öffentlich für einen Saisonabbruch eingesetzt. Der 37-Jährige schlägt keck vor, die Aufstiegsfrage über das jetzige Ranking zu regeln. Den Faktor Eigennutz wird von ihm nicht verschwiegen: „Das Argument, dass ich von persönlichen Interessen geleitet bin, muss ich mir natürlich gefallen lassen. Es ist korrekt, dass wir profitieren würden. Bei uns ist das wirtschaftliche, gesellschaftliche und gesundheitliche Argument eben deckungsgleich.“ Abbruch und Aufstieg lautet seine simple Losung.

Das Kommuniqué haben sieben weitere Vereine, der Hallesche FC, 1. FC Magdeburg, Preußen Münster, Chemnitzer FC, SG Sonnenhof Großaspach, FSV Zwickau und Carl Zeiss Jena unterzeichnet. Sie sehen einen Abbruch als „den sinnvollsten Weg für die Gesellschaft, zum Schutz unserer Mitarbeiter und zum Erhalt der Vereine an“. Was nicht in der Erklärung steht: Sie alle, Ausnahme Mannheim, würden der Abstiegsgefahr entgehen. Alle Unterzeichner wären beim Sturz in die Viertklassigkeit auch ohne die Corona-Krise von immensen wirtschaftlichen Einschnitten betroffen. Trotzdem ist ihr Ansinnen mit einigen nachvollziehbaren Argumenten unterlegt: Viele Drittligisten haben auf Kurzarbeit umgestellt: Würde die Saison weitergehen, müssten die Spieler wieder voll bezahlt werden, aber Zuschauereinnahmen würde ja weiterhin fehlen.

Das Problem: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind grundverschieden. Hier wird nicht nur recht rustikal Fußball gespielt, sondern sich unter Funktionären auch noch schroff die Meinung gesagt. Zu den am meisten gehörten Protagonisten zählt der Präsident Manfred Schwabl von der SpVgg Unterhaching. „Es gebietet der Sportsgeist, dass man sportliche Wettbewerbe grundsätzlich zu Ende bringt“, sagt der ehemalige Profi des FC Bayern.

Der Ausbildungsverein mit seinem meist nur sehr übersichtlich gefüllten Sportpark hat als Tabellendritter ebenfalls sieben Mitstreiter auf seiner Linie, der SV Meppen, FC Ingolstadt, 1860 München, FC Bayern II, Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig bis zum Tabellenzehnten Würzburg, um die Saison vor leeren Rängen zu Ende zu bringen. An die Adresse der Geisterspiel-Gegner ist aus dieser Fraktion das Argument gerichtet, bitte mal zu bedenken, wenn es auch in den nächsten Monaten noch keine behördliche Erlaubnis für Fußballspiele mit Publikum geben sollte.

Finanzen sind das Grundübel

Das restliche Quartett verhält sich neutral oder äußert sich nicht. Zerrissener kann die höchste Spielklasse unter Obhut des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht sein. Weil es offenbar an klarer Führung fehlt, haben die Einzelinteressen Oberhand gewonnen. Jeder kocht in der Krise sein eigenes Süppchen. Wie so oft geht es gar nicht um die Gesundheit, sondern vorrangig ums Geld, wie Schwabl („Das Grundübel sind auch jetzt wieder die Finanzen“) als heimlicher Liga-Sprecher festgestellt hat. Aus der Medienverwertung bekommt jeder Drittklässler rund 1,3 Millionen Euro. Würde die Saison abgebrochen, wird im Schnitt mit 1,5 Millionen Euro Verlust gerechnet.

Aber: Diese Zahl muss in Zusammenhang der Ertragslage und Eigenkapitalausstattung gesetzt werden: In der vergangenen Saison hatten zwar sieben Klubs einen Jahresüberschuss ausgewiesen, doch unter dem Strich ergab sich im Schnitt bereits ein solcher Fehlbetrag aus dem regulären Geschäftsbetrieb. Und das ganz ohne Virus. Noch immer krankt diese Liga also an einem vielerorts existenzgefährdenden Geschäftsgebaren, so zuschauerträchtig und spannend sie auch Jahr für Jahr ist. Das macht die Zerreißprobe in Zeiten von Covid-19 für den Verband gemeingefährlich. DFB-Vizepräsident Peter Frymuth sagte: „Ich hoffe, dass man, nachdem man einen kleinen Boxring aufgebaut hat, wieder zur Normalität übergeht und nach vorn blickt.“ Offenbar braucht es bald mal Entscheidungen. Oder notfalls ein Machtwort von ganz oben.

Doch so leicht ist es nicht: Während für die beiden Bundesligen die Deutsche Fußball_Liga (DFL) das Sagen hat, die Belange von der Regionalliga abwärts über die Regional- bzw. die Landesverbände geregelt werden, entscheidet über die Dritte Liga eben der DFB. Im schlimmsten Fall müsste nach FR-Information bei keiner Einigung sogar ein außerordentlicher Bundestag entscheiden.

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