Moment des absoluten Glücks: Vorbereiter André Schürrle (links) feiert das Siegtor im WM-Finale 2014 mit Torschütze Mario Götze (Mitte) und Thomas Müller.
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Moment des absoluten Glücks: Vorbereiter André Schürrle (links) feiert das Siegtor im WM-Finale 2014 mit Torschütze Mario Götze (Mitte) und Thomas Müller. 

André Schürrle

Zermürbter Weltmeister 

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Mit nur 29 Jahren beendet André Schürrle, Weltmeister von 2014, seine Karriere - und offenbart tiefe Einblicke in seine Seele.

Nachdem André Schürrle im März 2017 nach langer Abstinenz plötzlich und unerwartet zwei Tore und eine Vorlage zum 4:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Aserbaidschan beigetragen hatte, schrieben die Zeitungen in weiser Zurückhaltung: „Es war ein schöner Tag für ihn in Baku. Mehr erst einmal nicht.“

Es sollte das letzte von 57 Länderspielen für den blonden Irrwisch gewesen sein.

Am Freitag verkündete einer der Helden der deutschen Weltmeistermannschaft von 2014 seinen Rücktritt vom Profifußball. Im Alter von nur 29 Jahren. Er gab dafür dem „Spiegel“ zur Erklärung ein Interview.

André Schürrle weiß wie kaum ein anderer, wie es sich anfühlt, Erwartungen zu übertreffen – oder nicht zu erfüllen. Damals, im März in Aserbaidschan, hat er letztmals das gezeigt, was man im Fachjargon eine Überperformance nennt. Denn schon da hatten ihm eine solche Leistung nicht mehr viele Beobachter zugetraut. Und er sich selbst eigentlich auch nicht mehr so recht. „Wenn man wenig spielt, fehlt irgendwo das Vertrauen“, erläuterte er danach eher nüchtern.

Zu hektisch und unstrukturiert hatte er seinerzeit im Klub agiert. Er litt erkennbar an fehlendem Selbstvertrauen, er haderte mehr mit sich, als ihm guttat. Er konnte das damals natürlich nicht öffentlich kundtun, er tut es jetzt: Schon damals habe er überlegt, die Karriere zu beenden. „Diese gesellschaftliche Erwartungshaltung hat schon gedrückt, dass man bis Mitte 30 eigentlich nicht aufhören kann.“

Die Nationalmannschaft habe ihn gerettet, offenbarte er nun dem „Spiegel“. „Es war eine Flucht aus dem Trott, den man Tag für Tag im Verein hat“, beim FC Chelsea sei er in „ein tiefes Loch gefallen. Ich wollte nicht mehr Fußball spielen, ich war völlig am Ende.“ Es folgten durchwachsene Jahre beim VfL Wolfsburg und bei Borussia Dortmund bei seinem großen Förderer Thomas Tuchel, der mit einem urwüchsigen Sprinter Schürrle im Sturm 2009 gegen Dortmund mit dem später zum Freund gewordenen Mario Götze Deutscher A-Jugend-Meister geworden war. Eine Sensation.

Sieben Jahre danach hatte Tuchel schon bald die Geduld mit seinem einstigen Lieblingsschüler verloren. Aufwand (30 Millionen Euro Ablöse und ein üppiges Gehalt) und Ertrag (Leistung auf dem Platz) standen da schon in einem recht krassen Missverhältnis. André Schürrle wusste das selbst. An Selbstkritik hat es ihm nie gemangelt.

Bei der Borussia in Dortmund funktionierte er schon lange nicht mehr so prächtig wie am Anfang seiner Karriere. Als unverbrauchter Kerl gehörte er unter dem blutjungen Trainer Tuchel zu den berühmten „Bruchweg-Boys“, die zum Saisonauftakt sieben Spiele nacheinander gewannen. Bald wurde er Nationalspieler. Aber seine Karriere wurde dann ein Auf und Ab, Tendenz zum Ab. Zur EM 2016 war er mit den bescheidenen Erwartungen eines Edeljokers angereist. Stammplatzansprüche erhob er realistischerweise nicht. Zu wechselhaft waren seine Leistungen in Wolfsburg gewesen, zu enttäuschend zuvor die Station in London bei Chelsea verlaufen, wo er nach und nach ins zweite Glied gerutscht war.

Die Europameisterschaft 2016 war für Schürrle dann bereits nach der Vorrunde beendet. Bundestrainer Joachim Löw hatte den Offensivmann im letzten Gruppenspiel gegen Nordirland in der 55. Minute für Götze eingewechselt, um mehr Wucht in die Offensive zu bringen und aus dem schmalen 1:0-Vorsprung noch eine beruhigendere Führung zu machen.

Aber dann gelang Schürrle rein gar nichts. Er agierte viel zu fahrig, er wollte wieder mal zu viel. Löws Geduld war für den Rest des Turniers aufgebraucht. Schürrle spielte weder im Achtelfinale gegen die Slowakei noch im Viertelfinale gegen Italien oder im Halbfinale gegen Frankreich auch nur eine einzige Minute. Das war dann – mit Ausnahme der Episode in Aserbaidschan ein Dreivierteljahr später – im Grunde schon das Ende.

Zwei Jahre zuvor in Brasilien hatte Schürrle noch Überragendes geleistet. Sein Name wird mit dem WM-Titel auf alle Zeiten verbunden bleiben. Mit drei Toren und drei Vorlagen inklusive jener vom linken Flügel aus zum Treffer von Mario Götze hat der Junge aus Ludwigshafen sich in den Geschichtsbüchern des ganz großen Fußballs für immer verewigt. Er räumte später ein, dass es schwierig war, von der hohen Wolke sieben zurück in den Fußballalltag zu finden. Jetzt kann er diesen Alltag nicht mehr ertragen.

Den Vertrag mit dem BVB hat er nach unerquicklichen Leihen zum FC Fulham nach England und Spartak Moskau nach Russland kürzlich vorzeitig aufgelöst. Dem Unterhaltungsbetrieb stellt er rückblickend ein ernüchterndes Zeugnis aus. Dem „Spiegel“ sagte er zum Abschied, im Fußballgeschäft zähle „nur die Leistung auf dem Platz“, „Verletzlichkeit und Schwäche“ dürften „zu keinem Zeitpunkt existieren“.

Die Gnadenlosigkeit des Verdrängungswettbewerbs, kaum einer weiß das besser als Schürrle, ist systemimmanent. Er habe sich zuletzt oft einsam gefühlt, offenbarte er, gerade als „die Tiefen immer tiefer wurden und die Höhepunkte immer weniger“. Nun steigt einer aus der Traumwelt aus, dem das Land fast auf den Tag genau vor sechs Jahren zu Füßen lag, damals, während der „geilsten Zeit“ seines Lebens. Der Rausch ist längst verflogen: „Ich brauche keinen Beifall mehr.“ Die Entscheidung sei lange gereift.

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