Werder Bremen im freien Fall

Arg zerbrechlich

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Werder Bremen versucht in Frankfurt, Kraft zu tanken - doch ob das gelingt, scheint fraglich, zumal Trainer Florian Kohfeldt vermehrt zur Schönfärberei neigt.

Vielleicht hilft ja das neue Ambiente, die blockierten Bremer Köpfe frei zu bekommen. Geräumige Zimmer mit einem prächtigen Blick auf die Frankfurter Skyline in einem Hotel-Rundbau am Mainufer dienen dem SV Werder noch bis Freitag als vorübergehende Residenz. Direkt gegenüber strahlt die Fassade der Europäischen Zentralbank. Eine Nacht der Enttäuschung hatte Trainer Florian Kohfeldt seinen Spielern hier zugestanden, um nach der 0:2-Niederlage im DFB-Pokalviertelfinale bei Eintracht Frankfurt den Fokus zu verlagern.

„Wir wären gerne ins Halbfinale gekommen, aber jetzt legen wir alle Kraft nach Berlin, und in wenigen Monaten werden wir den Klassenerhalt feiern“, sagte Kohfeldt mit einer zur Schau gestellten Selbstverständlichkeit. Das Pokalfinale am 23. Mai haben die Bremer aus dem Kalender gestrichen, was ohnehin bei einer möglichen Relegation noch schwierig hätte werden können. Nun soll eben das Bundesligaspiel bei Hertha BSC (Samstag 15.30 Uhr), wo der im Herbst 2017 in höchster Abstiegsnot installierte Kohfeldt auf seinen Vorgänger Alexander Nouri trifft, die Weggabelung zur Wende werden.

Wie das genau gelingen soll, bleibt ähnlich diffus wie der Himmel über der Mainmetropole am Donnerstag. Der schnelleren Erholung wegen verzichteten die Hanseaten auf die Rückreise in die Heimat. Das Regenerations- und Abschlusstraining sind auf dem Eintracht-Trainingsgelände angesetzt. Es ist der nächste Knopf, den Kohfeldt drückt. Seit längerem gehören zu seiner Aufbauhilfe offenbar Analysen, die den Grad der Schönfärberei eigentlich überschreiten. Ein Chancenverhältnis von 8:3 wollte der 37-Jährige im Pokalduell gezählt haben. „Ich habe viele positive Dinge gesehen. In Berlin machen wir die Dinger rein.“

Auch wenn mit Davie Selke der vom Hauptstadtklub entliehene Mittelstürmer wegen einer Sperrklausel nicht mitspielen darf; auch wenn im Offensivspiel die Automatismen fortgespült sind wie das Kellerinventar nach einem Hochwasser. Fehlen wird im Olympiastadion auch Ömer Toprak, bei dem sich aber der Verdacht auf Wadenbeinbruch nicht bestätigte. Stattdessen kam die 30 Jahre alte Leihgabe von Borussia Dortmund mit einer Riss-Quetschwunde an der Wade davon. „Eine sehr schmerzvolle Angelegenheit für Ömer, aber zum Glück ist nichts gebrochen“, konstatierte Kohfeldt. Dem mit Rot bestraften Sünder Filip Kostic wollte der Coach keinen Vorwurf machen. „Das war keine kluge Aktion, aber ich möchte ihn nicht an die Wand stellen. Kostic ist kein solcher Spieler.“

Kein Punch, keine Power

Offensichtlich waren im Stadtwald die elementaren Mängel der Grün-Weißen: Das ganze Gebilde wirkt fragil, fast zerbrechlich wie Glas. Den Spielern fehlt die nötige Physis, auch Punch und Power – im Kopf wie in den Beinen –, um gegen Widerstände anzugehen – obwohl Geschäftsführer Frank Baumann in einem Punkt widersprach. „Es ist eines der großen Probleme, dass wir nicht mehr zurückkommen“, gab der 44-Jährige zwar zu, „aber ich empfinde es nicht so, dass wir läuferisch schlechter sind.“ Es sieht aber so aus.

Baumanns Hinweis fehlte nicht, dass die Mannschaft trotz aller Defizite „charakterlich in Ordnung“ sei. Das mag ja sein, aber der Eindruck drängt sich auf, dass der Abstiegskandidat von der Weser gerade auf vielen Ebenen zu brav daherkommt. Manager inklusive. Den einzigen echten Kämpfer gegen den drohenden Untergang gibt seit Wochen der Trainer. Es verdichten sich die Indizien, dass dies nicht ausreichen wird, um einem Bundesliga-Gründungsmitglied den zweiten Abstieg nach 1980 zu ersparen.

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