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Da greifst du dir doch an den Kopf: Nationaltorwart Manuel Neuer ist entsetzt.

EM-Qualifikation

In der Zeitmaschine stecken geblieben

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Das DFB-Team lähmt sich selbst, verliert Kontrolle und Kraft und hat dem Top-Niveau der Niederländer nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Über acht Jahre hinweg hat der Fußballlehrer Joachim Löw seine Nationalmannschaft von einer jungen Truppe, die ihre Gegner bei der WM 2010 aus der Abwehr lockte und dann gnadenlos auskonterte, zu einem spielbestimmenden Ballbesitzteam entwickelt, das 2018 am eigenen Passspiel ermüdete. Im Herbst 2019 wollte der Bundestrainer in eine Zeitmaschine steigen, die ihn mit der Nachfolgegeneration der 2010er genau in dem Jahr wieder ausspucken sollte. Die Niederlande sollten in Hamburg die deutsche Version von „Zurück in die Zukunft“ als Horrorfilm erleben. Aber Löws Konzept, mit dem er einen Gutteil seiner eigenen Doktrin verriet, ging nicht auf. Statt den Gegner zu erschrecken, verschreckten die Deutschen sich selbst.

Die Niederländer siegten am Ende nicht nur 4:2 (0:1), sie lieferten einem nahezu komplett unterlegenen Gegner eine für diesen schmerzliche Vorführung, und das Blatt „De Volkskrant“ interpretierte ebenso erstaunt wie präzise: „Es war bisweilen bizarr zu sehen, wie das Stadion still wurde, weil Deutschland einfach stehen blieb und zuschaute, wie die Niederlande den Ball spielte.“ Löws Idee, auf ein Offensivpressing nahezu vollständig zu verzichten und den Gegner erst in der eigenen Hälfte zu empfangen, um ihn dann mit aggressiven Ballgewinnen und konsequentem Umschaltspiel den Garaus zu machen, mündete in Lähmung der eigenen Stärken.

Zwei deutsche Spieler, beide bekannt für schonungslose Aufarbeitungen, analysierten das stellvertretend für alle. Joshua Kimmich sagte: „Wenn du so viel hinterherläufst, nie richtig Ballgewinne hast und so nie richtig in Ballbesitz kommst, dann ist es schwierig, mit den vielen Kilometern in den Beinen bis zum Ende präsent zu sein.“ Niklas Süle bestätigte: „Wir haben kaum Zugriff gehabt. Wir hatten keine Entlastung, jeder zweite Ball wurde von uns lang gehauen. Das kann nicht unser Anspruch sein.“

Irgendwie waren sie alle miteinander in Löws Zeitmaschine stecken geblieben.

Unter Druck

Das DFB-Team steht in Nordirland jetzt gewaltig unter Druck. Ein Unentschieden bedeutet vermutlich ein Endspiel um die direkte EM-Qualifikation am 15. November in Frankfurt, weil die Niederlande das direkte Duell gegen Deutschalnd jetzt schon im direkten Vergleich gewonnen hat (6:5 Tore aus beiden Spielen). Und: Nur die sechs besten Gruppensieger sind bei der EM 2020 als Gruppenköpfe gesetzt. FR

Am Ende schlugen die Niederländer Löw-Land mit den eigenen Waffen: Sie konterten die DFB-Elf nach allen Regeln der hohen Fußballkunst aus. Bondscoach Ronald Koeman räumte ein, er sei über die Bereitschaft der Gastgeber, seiner Mannschaft den Ball konsequent zu überlassen, „überrascht gewesen“. Aber am Ende trickste er den Kollegen Löw kühl kalkulierend taktisch aus. Die beiden Wechsel der Niederländer in der 58. Minute und das Vorschieben des Quarterbacks Frenkie de Jong um eine Position nach vorne führte postwendend zu de Jongs Ausgleich, dem bald die Führung folgte. Selbst ein grotesk unberechtigter Strafstoß nach Mathijs de Ligts unabsichtlichen und somit nicht ahndungswürdigen Handspiels half dem DFB-Team nur zum 2:2 durch Toni Kroos, aber dennoch nicht entscheidend. Löws Idee, die Mittelfeldspieler Kai Havertz und Ilkay Gündogan für die Stürmer Marco Reus und Timo Werner zu bringen, um, so der Bundestrainer, „mehr Ballsicherheit ins Spiel bekommen“. führte zu nichts, weil das deutsche Spiel bereits in seiner Struktur zerstört worden war.

„In der ersten Halbzeit haben wir die wichtigen Räume noch gut verteidigt“, erinnerte sich Kroos richtig. Aber dann waren sie alle miteinander müde gelaufen worden. Die technisch und taktisch überlegenen Oranjes hatten sich den Gegner zurechtgelegt und schlugen erbarmungslos zu.

Die Versetzung zur EM-Endrunde ist vor dem Spiel am Montagabend in Belfast gegen den noch ungeschlagenen Tabellenführer Nordirland plötzlich gefährdet. „Man hat gesehen, dass wir noch nicht reif genug sind“, sah Kimmich notgedrungen ein.

Der kleine Kerl, der seinen Hang zu Unbeherrschtheiten unterdrücken sollte, litt gemeinsam mit dem geradezu arbeitswütigen Kroos auch daran, dass hinter den drei Angreifern - dem starken Torschützen zum 1:0, Serge Gnabry, sowie den fast unsichtbaren Werner und Reus - und vor der Fünferkette nur noch zwei Plätze im Mittelfeld übrig blieben. Zu wenig, um Druck auf die sich schlauer in den Zwischenräumen bewegenden Gäste ausüben zu können. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel zum Nachteil der Deutschen.

Löw sollte nun in Belfast dafür Sorge tragen, einen spiel- und kampferprobten Mittelfeldmann mehr und einen kantigen Innenverteidiger weniger aufzubieten. Die Nordiren werden versuchen, den ohne den verletzten Nico Schulz (Bänderanriss am Fuß) angereisten Deutschen mit ähnlichen Mitteln zu begegnen, wie diese es am Freitagabend letztlich erfolglos versucht hatten. Es gibt keinen Grund, den Briten wieder mit den drei Stoppern Matthias Ginter, Niklas Süle und Jonathan Tah zu begegnen. So, wie es umgesetzt wurde, war es schon gegen Holland das falsche Rezept, zumal dann, wenn es stimmen sollte, was Löw nach dem Spiel jedenfalls öffentlich nicht in Zweifel ziehen mochte: „Qualitätsmängel haben wir keine.“

Es ist jedoch ein Frage der Qualität auf höchstem Niveau, wenn sich Reus und Werner kaum einmal gegen die zugegeben absolute Weltklasse darstellende niederländische Innenverteidigung durchsetzen können und Tah und Ginter schwere individuelle Fehler vor Gegentoren unterlaufen. „Das war ein ganz schwaches Spiel von uns“, sagte Niklas Süle zum Abschied aus Hamburg noch, und dann drehte er sich lieber noch einmal um, denn seine eigenen Worte hallten ihm zu negativ nach: „Wir sind eine junge Truppe. Es war nicht alles schlecht. So ein Rückschlag wirft uns nicht aus der Bahn.“ Aber er zeigt, wie weit der Weg zurück in die Zukunft noch ist.

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