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Bernd Hoffmann, hier bei der HSV-Mitgliederversammlung 2013.

Hamburger SV

Zeitenwende zurück

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Der Hamburger SV steht vor einer extrem spannenden Richtungswahl, Ex-Boss Bernd Hoffmann plant als neuer Präsident nicht weniger als eine Revolution.

Wochenlang hat der Herausforderer den Amtsinhaber vor sich hergetrieben. Jetzt geht es ums Ganze. Dem vor sehr langer Zeit einmal sehr  ruhmreichen Hamburger SV steht ein Wochenende der großen Entscheidungen bevor: Knapp 18 Stunden nach dem Abpfiff des Heimspiels gegen Bayer Leverkusen geht es bei der Mitgliederversammlung im weniger nur eine halbe Stunde Fußweg vom Volksparkstadion entfernten Veranstaltungszentrum „Kuppel“  nicht bloß darum, ob der schneidige Marketingmann Bernd Hoffmann (55) oder weiter der zurückhaltende Hanseat  Jens Meier (51) künftig als ehrenamtlicher Präsident an der Spitze des Vereins stehen. Sondern darum,  ob die heruntergewirtschaftete Profi-Aktiengesellschaft vom Mehrheitseigentümer HSV e.V. auf links gedreht wird. Es wäre auch eine Zeitenwende zurück: Denn Hoffmann regierte den Klub bis März 2011 acht Jahre lang als hauptamtlicher Vorstandschef mit List und Tücke – und einigem Erfolg. Als er gehen musste, weil der gebürtige Rheinländer die Rückendeckung des Aufsichtsrats verloren hatte, rief man ihm hinterher: „Der Mann ist genug beschädigt – der kommt nie wieder.“

Hoffmann wirbt für sich

Man sollte einen Machtmenschen wie  Bernd Hoffmann niemals unterschätzen. Er ist ein begnadeter Netzwerker und Kommunikator. In seinem Wohnzimmer hängen Poster mit Diagrammen und Auflistungen der 36 Abteilungen von Badminton bis Volleyball. Hoffmann hat überall für sich geworben, hat TV-Studios und Redaktionen besucht und in seiner privaten Wahlkampfzentrale  in einem zunehmend aggressiver geführten  Wahlkampf Journalisten empfangen.  Sein Credo:  Pech kann man sich genauso erarbeiten wie Glück. Er findet, der Tabellenvorletzte HSV habe seit seinem unfreiwilligen Abschied genug Pech zusammengetragen. Er selbst hat die Jahre als Spielerberater überbrückt, das Hamburger Nachtleben ein wenig erforscht und sich strategisch geschickt auf seine Rückkehr vorbereitet. Jetzt findet er, es sei die richtige Zeit gekommen, dass sich was dreht.

Als Hoffmann recht bald nach seinem Amtsantritt 2003 schon das Ziel formulierte, eines nicht allzu fernen Tages gehöre dieser stolze Klub unter die Top 20 Europas, war der HSV 97. in der Uefa-Rangliste. Die Leute lächelten über seine Vision. Und dann das: Hoffmann führte den Dino in 78 Europapokalspielen zwischenzeitlich auf Rang 15 des Rankings, er verdoppelte den Umsatz auf 140 Millionen Euro. Hoffmann, der Macher, traute sich was. Schon im Januar 2006 sagte er im FR-Interview: „Hamburg hat das Potenzial, eine Mannschaft zu stellen, die auf Augenhöhe mit den Bayern spielt.“ Dafür war er bereit, risikoreich zu investieren und findige Deals zu schließen, etwa mit Investor Klaus-Michael Kühne, der sich für 12,5 Millionen Euro Transferrechte an sieben HSV-Profis sicherte.

Als Hoffmann weg war, sagten seine Nachfolger, er habe nicht nachhaltig gewirtschaftet, es gäbe Liquiditätsengpässe. Tatsächlich war der Verein, spätestens nach der Trennung im Streit von Sportchef Dietmar Beiersdorfer im Sommer 2009,  zerrissen, die Mannschaft überaltert. Männer, die den Zenit ihrer Laufbahn überschritten hatten, standen noch unter Vertrag: Petric (30), Mathijsen (30), Jarolim (31), Drobny (31), Benjamin (32), van Nistelrooy (34), Zé Roberto (36),  Rost (37). Ein wahres Fußball-Mausoleum. Die Liste der Fehleinkäufe geriet, ohne Anspruch auf Vollständigkeit,  kaum kürzer: Berg, Sorin, Rozehnal, Thiago Neves, Alex Silva, Ailton, Ledesma.  Der HSV hat nicht erst nach der Ära Hoffmann angefangen, reichlich Geld zum Fenster hinauszuwerfen.  Aber Hoffmann, unter dem HSV-typisch in acht Jahren  acht Trainer verschlissen wurden,  steht auch für die besseren Tage: für die Niederländer Rafael van der Vaart, Khalid Boulahrouz und Nigel de Jong, für die Belgier Daniel van Buyten und Vincent Kompany, für die deutschen Nationalspieler Marcel Jansen, Piotr Trochowski, René Adler und einige mehr.

Jens Meier ist nicht der Favorit

Jens Meier, seit 2015 Präsident, steht symbolisch allein für den Niedergang und die Querelen der Gegenwart, wiewohl er daran mitnichten die alleinige Schuld trägt.  Als Hafenchef steht er unter besonderer Beobachtung der Politik, anders als Hoffmann kann er sich dem Ehrenamt im HSV nicht rund um die Uhr widmen, und im Wahlkampf allenfalls zurückhaltend aus der Defensive agieren.  Er appelliert an die 79.000 Mitglieder, von denen am Sonntag bis zu 2500 erwartet werden, für eine Politik der ruhigen Hand zu stimmen: „Aus Management-Erfahrung kann ich nur sagen, dass es nicht gut ist, wenn man ständig die Pferde wechselt.“ Auch er denke groß und habe sich die Rückkehr in den internationalen Fußball auf die Fahne geschrieben: „Aber wenn wir immer wieder alle Zeiger auf null stellen und alle umwerfen, dann werden wir das nicht erreichen. Deshalb hoffe ich, dass man unserem Weg folgt und die Stimme für eine weitere Amtsperiode gibt."

Als Favorit wird Meier in der Hansestadt nicht betrachtet, ein Sieg gegen Leverkusen, ironischerweise der Geburtsstadt von Bernd Hoffmann, wäre aus Meiers Sicht sicher hilfreich.  Inhaltlich unterscheiden sich beide Kandidaten extrem. Meier sieht sich als Mann, der sich vornehmlich um die soliden Finanzen des Vereins und um Beachvolleyball und Eishockey kümmert, Hoffmann will vor allem in der finanziell schwer angeschlagenen Fußball-AG aufräumen. Für Manager Jens Todt und Vorstand Heribert Bruchhagen dürften im Fall seiner Wahl ungemütliche Wochen bevorstehen. Hoffmann will zudem Aufsichtsratsvorsitzender werden und ähnlich aktiv operativen Einfluss im Profigeschäft nehmen wie es der Schalker Clemens Tönnies und der Münchner Uli Hoeneß tun. All das kann und will Meier, auch wegen seiner Aufgaben im bedeutenden Welthafen, in dieser Form nicht tun. Am Sonntagnachmittag könnte der rechtschaffene Wirtschaftskapitän schon Vergangenheit beim Hamburger Sportverein von 1887 e.V. sein.

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