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Der Dortmunder Klubchef Hans-Joachim Watzke hat eine auf Gefrierfachtemperatur heruntergekühlte, aber umso ehrlichere und realistischere Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhalt gegeben.

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Profifußball in Zeiten von Corona: Zeit für Gefühle

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Warum sollte sich am System auch nur ein Deut etwas ändern, wenn die aktuelle Krise irgendwann mal halbwegs überwunden ist - das Rattenrennen wird bald unvermindert weitergehen. Vielleicht zunächst mit ein paar weniger PS. Der Kommentar.

Die Zeit der Sonntagsreden ist wieder angebrochen. Wir kennen diese Episoden. Eine ist besonders hängengeblieben im kollektiven Gedächtnis. Vor zehneinhalb Jahren, nachdem der Nationaltorwart Robert Enke sich in tiefer Depression das Leben genommen hatte, hieß es landauf, landab, der Fußball müsse nun endlich zur Besinnung kommen, das Menschliche müsse wieder mehr zählen, die unbarmherzige Konkurrenz unbedingt aufhören. Es waren schöne Worte, gewiss, es waren auch Worte, die zwar nachhallten, aber gleichwohl von der Realität ganz schnell gefressen wurden. Denn der Profifußball, der Sport ganz allgemein natürlich auch, lebt ja gerade vom Recht des Stärkeren. Und von einer Gnadenlosigkeit, die nur Gewinner und Verlierer kennt, und selten mal ein Unentschieden.

In diesen Tagen der wuchernden Coronakrise lesen wir wieder diese wunderbar gefühligen Zeilen der ergreifenden Nachdenklichkeit. Im geschätzten Fachblatt „Kicker“ heißt es, das Virus und die Zwangspause verschafften nun Gelegenheit und Zeit, „das derzeit gültige System fundamental zu hinterfragen, die wahren Werte zu erkennen und die Identität neu zu definieren. In unserer Gesellschaft, im Fußball.“

Der Kommentator, einer der profiliertesten Fußballexperten des Blattes, fordert ein „Nein“ zu den „unverschämten Forderungen maßloser Spielervermittler“, er rügt irrsinnige Ablösesummen und hofft, der Fußball möge sich „nun etwas erden und in der Bedrängnis seinen Ruf verbessern, indem er vorbehaltlosen Zusammenhalt vorlebt; mit den wankenden ärmeren Vereinen, mit den Geringverdienern, die den Fußball für ihr täglich Brot brauchen“. Salbungsvolle Worte.

Ein bisschen Realsatire

Auch die „Bild“-Zeitung argumentiert ähnlich und fragt sich im Schatten des Coronavirus, ob „für Spieler wirklich mehr als 200 Millionen Euro gezahlt werden“ müssten?“ Oder ob Topstars „teils astronomische Gehälter“ beziehen müssten? Und ob die Weltmeisterschaft wirklich im Winter in Katar ausgetragen werden müsste und so die Spielpläne der nationalen Ligen pulverisiere? Die schneidige Antwort des ziemlich berühmten „Bild“-Kolumnisten: „Nein! Und noch mal nein!“

Fast möchte man denken, derlei Überlegungen kämen einer Realsatire ziemlich nahe, denn gerade ist es ja das Coronavirus, das die Spielpläne komplett durcheinanderbringt. Katar ist da weitgehend unschuldig. Und bei allem Verständnis für Kritik an möglicherweise zu hohen Ablösen und zu hohen Gehältern und zu gierigen Beratern, mutet es doch wunderlich an, dass diese Vorhaltungen gerade jetzt an den bösen, bösen Profifußball herangetragen werden. Und es stellt sich die ganz lapidare Frage: Warum und wieso sollte sich daran systematisch auch nur ein Deut etwas ändern, wenn die aktuelle Coronakrise dann irgendwann mal halbwegs überwunden ist? Denn genau diejenigen Klubs, die die höchsten Ablösen zahlen und ihren Spielern Monatsgehälter jenseits von 800.000 Euro und noch viel mehr überweisen, sind im Big Business die gesündesten.

Was den vom „Kicker“ erwünschten „vorbehaltlosen Zusammenhalt mit wankenden ärmeren Vereinen“ angeht, hat der Dortmunder Klubchef Aki Watzke bereits eine zwar auf Gefrierfachtemperatur heruntergekühlte, aber umso ehrlichere und realistischere Antwort gegeben. Es sei schwer einzusehen, dass jetzt gerade ein Klub wie seiner, der in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet habe, ausgerechnet denjenigen Konkurrenten helfe, die genau das nicht getan hätten.

Das Rattenrennen macht gerade Zwangspause. Danach wird es dann bald wieder unvermindert weitergehen. Vielleicht zunächst mit ein paar weniger PS. Nicht mehr und nicht weniger.

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