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Tischtuch zerschnitten: Curtius (li.), Keller.

Deutscher Fußball-Bund

Zeit der Blutgrätschen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Mal wieder gibt der Deutsche Fußball-Bund ein fatales Bild ab - die beiden mächtigsten Männer sind zerstritten, und es gibt Rechtsstreit mit IT-Mitarbeitern.

Es sollte der Aufbruch in eine neue Zeit werden am 27. September 2019. Fritz Keller hielt als just gewählter DFB-Präsident eine knapp halbstündige Rede. Der Neue, aus den Weinbergen um Freiburg rekrutiert, stopfte dabei immer mal wieder eine Hand lässig in die Hosentasche und verzichtete aufs Rednerpult. Später verließ der Premiumwinzer das Frankfurter Kongresszentrum mit einem Rucksack auf dem Rücken. Mittlerweile weiß man um die Symbolik: Keller trägt schwer an dem komplizierten Amt.

Irgendwann an diesem Tag sagte er einen Satz, den die Frankfurter Rundschau so interpretierte: „Wie ein Vertrauensbekenntnis in den operativen Chef Friedrich Curtius hörten sich Kellers Worte nicht an.“ Der Satz lautete: „Ich werde reingrätschen, wenn es was zum Reingrätschen gibt.“ Beim Reingrätschen, das ist bekannt, wird nicht immer nur der Ball getroffen, sondern manchmal auch der Mann.

Curtius, 45, einst treuer Büroleiter des 2015 zurückgetretenen Wolfgang Niersbach, hat das längst zu spüren bekommen. Das Verhältnis des seit mehr als vier Jahren amtierenden Generalsekretärs zum 18 Jahre älteren Präsidenten ist spätestens seit der Steuerrazzia Anfang Oktober auf Gefriertemperatur gesunken. Gegenseitiges Vertrauen: null. Die beiden mächtigsten Männer im DFB stehen sich nun gegenüber wie angeschlagen wankende Boxer. Es gibt keinen Gewinner, Ein Insider sagt: „Keller will aufräumen und aufklären, er möchte das Richtige, aber er kriegt es nicht hin.“ Dazu sei er zu aufbrausend, zu populistisch, zu wenig strategisch und mitunter zu naiv. Curtius dagegen handele politisch und verfüge nach 15 Jahren im Verband über das bessere Netzwerk nach innen und außen,

Im Verband wird getuschelt, Keller habe geplant, den von Vorgänger Reinhard Grindel von der Fifa abgeworbenen Büroleiter Samy Hamama zum Generalsekretär zu befördern. Der „Kicker“ vermeldete, der DFB habe schon Weihnachten 2019 für Curtius einen Nachfolger gesucht und gefunden, dieser habe aber abgesagt. Im DFB dementiert man all das vehement. Der Verdacht: Derlei Meldungen würden gezielt geleakt, um Keller zu diskreditieren. Oder Curtius. Oder beide.

Undurchsichtig bleibt auch die Rolle der vom DFB zur sogenannten Generalinventur beauftragten Berliner Berater der Firma Esecon. Die Esecon-Schnüffler sollen auch Licht ins Dunkel des Sommermärchens bringen. Die Begeisterung über die Wühlarbeiten hält sich - Keller ausgenommen - inzwischen in argen Grenzen. Auch dass der Präsident sich offenbar habe vorstellen können, ein brisantes Papier des ehemaligen DFB-Compliance-Beauftragter Ulrich Bergmoser interessierten Medien zur Verfügung zu stellen, kam bei den Kollegen in der Chefetage nicht gut an,

Zum Ende vergangener Woche hat der Verband die Eskalationsstufe nach einer turbulenten Präsidiumssitzung erstmals öffentlich eingeräumt. In einer offiziellen Pressemitteilungen fielen die Vokabeln „internen Dissonanzen“, „Kontroversen“, „Unstimmigkeiten“, „Rückschlag“ und „Krise“. Das ist, immerhin, ehrlich kommuniziert. Das Bild nach draußen jedoch: verheerend. Das Image: versaut. Ein Funktionär sagt gerade heraus: „Es ist zum Kotzen“ und meint damit auch die ständig durchgestochenen Dokumente an Medien. Die „FAZ“ ätzt, der DFB übe sich „eifrig in der Kunst der Selbstverbrennung“.

Auch das Vertrauen zur mächtigen Deutschen Fußball-Liga und dessen scheidenden Big Boss Christian Seifert ist nachhaltig gestört. Seifert soll bei der Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag Tacheles geredet haben, heftig erzürnt über das, was im Mutterverband gerade passiert. Curtius, nach einem häuslichen Leitersturz mit doppeltem Ellbogenbruch und einer Handfraktur seit Wochen schon lahmgelegt, nahm nicht teil. Sein Verhältnis zu Seifert ist inzwischen ähnlich tief zerrüttet wie das zu Keller. DFB-Mitarbeiter sprechen von „Grabenkämpfen“ und sind geradezu schockiert von der Außenwirkung ihres ohnehin anrüchig beleumundeten Arbeitgebers.

Nacheinander versuchten Keller, Curtius und dessen Stellvertreterin Heike Ullrich, die mehr als 400 DFB-Arbeitnehmende mit persönlichen Botschaften zu beruhigen - Ullrich sogar per Videobulletin. Curtius schrieb etwa: „Wir haben den Teamgeist in der Belegschaft wiederholt unter Beweis gestellt.“ Ein Satz, der unter dem Eindruck des Führungszwists bei manchen wie Realsatire daherkam. Dass der operative Chef auch von „persönlich schweren Zeiten“ schreibt, ist angesichts der gesundheitlichen und beruflichen Situation nachvollziehbar.

Persönlich schwere Zeiten erleben aber auch gerade die oft langjährigen IT-Spezialisten der DFB-Tochter in Hannover. Eine der ersten Tätigkeitsnachweise des just von der Deutschen Fußball-Liga zum DFB gewechselten Geschäftsführers Holger Blask war dessen Unterschrift unter ein Änderungskündigungsschreiben vom 13. August. Die 44 IT-Leute sollen aufgrund der Schließung des Standorts Hannover entweder zum 31. Dezember 2021 gehen oder ab 1. Januar 2022 in die gerade für 150 Millionen Euro im Bau befindlichen neue Zentrale an der Frankfurter Galopprennbahn übersiedeln.

In Hannover wird seit 18 Jahren die Softwareentwicklung des Verbands vorangetrieben. Viele Mitarbeiter:innen sind dort verwurzelt und nun verzweifelt. Einige klagen vor dem Arbeitsgericht gegen die Kündigung, ein neuer Betriebsrat hat sich konzipiert, wie dem Vernehmen nach inzwischen auch in der Frankfurter Zentrale. Tenor aus Hannover: Das Homeoffice funktioniere derart gut, dass ein Umzug nach Frankfurt schlicht überflüssig ist.

Der DFB erklärt auf FR-Nachfrage, die Standortschließung in Hannover sei eine „unternehmerische Entscheidung..., um alle wesentlichen Kompetenzen auf dem neuen DFB-Campus in Frankfurt zusammenzuführen“. Ausnahmslos alle Arbeitsplätze blieben erhalten. „Der Abschluss eines Sozialplans war nicht möglich, weil kein Betriebsrat existierte.“ Angestellte aus Hannover werfen dem DFB vor, nach der Auflösung der Mitarbeitervertretung zum 30. Juni dieses Jahres absichtlich auf Zeit gespielt zu haben, um einem Sozialplan aus dem Weg zu gehen.

Derweil macht die Deutsche Fußball-Liga (DFL) Druck, dass die geplante Umstrukturierung des DFB und ganz klare Trennung in wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb (GmbH) sowie gemeinnützigen Verein (DFB e.V.) „kurzfristig zu Ende“ geführt wird, wie DFL-Vizepräsident Peter Peters gerade in der „Westfalenpost“ forderte. Der DFB hält nichts von Kurzfristigkeit in dieser Frage und bleibt bei seinem Fahrplan. „Die Umstrukturierung ist planmäßig in Arbeit und wird zum Ablauf des 31.12.2021 umgesetzt. Eine frühere Umsetzung scheidet auf Basis des klaren Rats der externen Gutachter aus“, heißt es auf FR-Anfrage. Dass Friedrich Curtius sowohl Generalsekretär bleiben als auch die neue GmbH als Geschäftsführer führen soll, sieht dem Vernehmen nach vor allem die DFL kritisch. Und Fritz Keller inzwischen sicherlich auch.

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