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Hat seine Mannschaft abgemeldet: Hans-Peter Samoschkoff, erster Vorsitzender vom FSV Münster im Kreis Dieburg.

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Ein Zeichen setzen

Der hessische Innenminister will brutale Schläger lebenslang im Fußball sperren. Der FSV Münster meldet derweil seine erste Mannschaft vom Spielbetrieb ab.

Es hat nicht lange gedauert, da werden nach dem Fall des bewusstlos geschlagenen Unparteiischen auf einem hessischen Fußballplatz Forderungen nach Konsequenzen laut. Das Statement des Hessischen Ministers des Innern und für Sport, Peter Beuth, ließ am Dienstag an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Die Bilder von der Prügelattacke gegen einen 22-jährigen Schiedsrichter im hessischen Amateurfußball haben mich schockiert. Der Schiedsrichter hat sich ehrenamtlich dafür eingesetzt, dass ein fairer und regelkonformer Spielablauf in der Amateurliga stattfinden kann. Für diesen Einsatz wurde er bewusstlos geprügelt. Ich hoffe, dass er sich von dieser Attacke schnell und vollständig wieder erholt.“

So ganz sicher ist das nicht. Dem 22-Jährige gehe es „den Umständen entsprechend gut. Er hat aber noch sehr starke Schmerzen“, sagte der Vater des Referees in einem Interview mit Hit Radio FFH. „Es stehen noch weitere Untersuchungen an, was den Kiefer betrifft“, erklärte er weiter. „Das andere, was seelisch in ihm vorgeht, ist noch eine andere Geschichte.“

Der Unparteiische war am Sonntag in der Partie FSV Münster gegen TV Semd in der C-Liga Dieburg von einem Spieler der Gastgeber bewusstlos geschlagen worden. Der Vater konnte noch nicht sagen, ob sein Sohn jemals wieder ein Spiel pfeifen werde. Er werde „sehr große Angst“ haben, wenn sein Sohn wieder auf dem Platz stehe. Eine Entschuldigung des Täters habe es noch nicht geben. „Ich würde es schön finden, wenn er sich melden würde“, sagte der Vater.

Der Verein des brutalen Schlägers hat bereits auf den Vorfall reagiert und zog seine erste Mannschaft vom Spielbetrieb zurück. „Wir wollten damit ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir so ein Verhalten nicht tolerieren“, sagte der Klubvorsitzende Peter Samoschkoff. Zudem wurde der gewalttätige Spieler aus dem FSV Münster ausgeschlossen. „Außerhalb des Platzes sind sie alle ganz okay. Aber auf dem Spielfeld geht eine Lampe aus.“

Die FSV rutscht damit auf den letzten Tabellenplatz und kann frühestens nächste Saison in der D-Liga einen Neuanfang starten. Samoschkoff kündigte an, den Täter im Falle einer Geldstrafe in Haftung zu nehmen. Der Täter hatte fast im selben Moment, als ihn der Schiedsrichter des Feldes verwies, ansatzlos ins Gesicht geschlagen. Ein kurzes Video macht die Brutalität und auch Hinterhältigkeit dieser Attacke deutlich.

Appell an den Profibetrieb

Vielleicht unter dem Eindruck dieser Bilder verlangt der CDU-Politiker Beuth nach einem strengen Durchgreifen. „Wenn wir weiterhin ehrenamtliches Engagement in unseren Vereinen haben wollen, muss eine solche Tat von allen Verantwortlichen im Fußball klar geächtet werden.“ Für ihn könne das nach einer solchen Tat „neben einer konsequenten rechtsstaatlichen Bestrafung des Täters nur eine lebenslange Sperre für den organisierten Fußball die Konsequenz sein“.

Damit jedem Spieler klar werde, dass eine Tätlichkeit gegen einen Schiedsrichter nicht nur die Rote Karte, sondern auch den Rausschmiss aus dem Vereinssport bedeute. Beuth will seine Forderung nach einer lebenslangen Sperre für prügelnde Spieler auf der Sportministerkonferenz thematisieren. Davon erhoffe er sich, „dass deutschlandweit ein Signal an die Sportfamilie ausgesendet wird: Solche Prügelattacken gehören vom organisierten Sport geächtet.“ Die Maximalstrafe beträgt aktuell 36 Monate.

Eine besondere Vorbildfunktion schreibt nicht nur der Innenminister dem Profifußball zu. Beuth: „Was dort vorgelebt wird, spiegelt sich in den unteren Ligen wider. Respekt gegenüber unseren Schiedsrichtern muss auch in der Bundesliga vorgelebt und vom DFB eingefordert werden.“ Ansonsten lässt das Engagement für das Schiedsrichterwesen stark nach. „Es gibt ein hohe Verunsicherung bei den Schiedsrichtern“, sagte Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbandes. „Es wird zunehmend schwieriger, junge Menschen für ein Ehrenamt zu begeistern“, betonte der Sprecher des Hessischen Fußball-Verbandes, Matthias Gast. Mehrere Landesverbände machten am Montag auf diesen Fakt aufmerksam.

Ob Gewalt oder Drohungen signifikant dazu beigetragen haben, dass die Gesamtzahl der Schiedsrichter in Deutschland seit 2011 drastisch zurückging, lässt sich nicht belegen. Die Statistik spricht dennoch Bände, dass das Interesse an dieser Tätigkeit im Fußball deutlich rückläufig ist: Gab es am 1. Januar 2011 noch 78 455 Schiedsrichter, so waren es am 1. Januar 2015 noch 71 521 und am Ende der Saison 2015/16 nur noch 59 482. Mit Stichtag 30. Juni 2019 haben insgesamt 56 680 Unparteiische gepfiffen, ein Verlust von fast 22 000 Schiedsrichtern in gut acht Jahren – oder 27,75 Prozent.

Der DFB tagt am 16. und 17. November in Frankfurt bei der turnusmäßigen Sitzung mit den Schiedsrichterobleuten der Landesverbände, um die Vorkommnisse zu besprechen. (FR/dpa/sid)

Mit dem Regenschirm geschlagen

Fußball-Regionalligist 1. FC Lok Leipzig muss vorerst auf seinen Co-Trainer Rainer Lisiewicz verzichten. Nach Medienberichten war der 70-Jährige am Samstag am Rande des Kreisoberliga-Spiels zwischen dem SV Naunhof und Blau-Weiß Deutzen in eine Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter-Assistenten und einer Zuschauerin verwickelt. „Eine Frau hat mir mit dem Regenschirm auf den Hinterkopf geschlagen“, sagte Lisiewicz. „Ich bin krank geschrieben, kann deshalb bei Lok nicht dabei sein.“ Lisiewicz, der Präsident des SV Naunhof ist, trug ein Hämatom am Hinterkopf davon. Er fehlt am Donnerstag im Landespokal in Bischofswerda.

In der „Leipziger Volkszeitung“ wirft der Schiedsrichter Lisiewicz hingegen vor, den Linienrichter „mit der flachen Hand gestoßen zu haben“. Da das Spiel in der 86. Minute abgebrochen werden musste und Aussage gegen Aussage steht, landet der Fall vor dem Sportgericht. Verliert Lisiewicz dort, drohen ihm laut LVZ eine mehrwöchige Sperre und eine Geldstrafe von bis zu 2500 Euro. Der zuständige Verband Muldental/Leipzig strebt eine schnelle Entscheidung an. (dpa)

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