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Damals, 2012, noch Strutz auf der Sonnenseite des Mainzer Profifußballs: Ex-Präsident Harald Strutz (links, mit Manager Christian Heidel) im Münchner WM-Stadion.
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Damals, 2012, noch Strutz auf der Sonnenseite des Mainzer Profifußballs: Ex-Präsident Harald Strutz (links, mit Manager Christian Heidel) im Münchner WM-Stadion.

Ex-Mainz-Boss Strutz

Wunden, die niemals verheilen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Melancholie und Wut in den Memoiren des langjährigen Mainzer Vereinschefs Harald Strutz – und so gut wie keine Selbstkritik.

Eigentlich ist Harald Strutz immer ein fröhlicher Mensch gewesen. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das hinter den Zeilen umso mehr Traurigkeit nachhallen lässt. Der Titel: „Unfassbar“ ist leicht fassbar: Der ehemalige Präsident von Mainz 05 wird nie fassen können, was ihm widerfahren ist. Zum Ende der mehr als 300 Seiten hin steht der Satz: „Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es im Sprichwort. Ich bin mir da nicht so sicher.“ Die Narben sind sichtbar in der Autobiografie eines Mannes, der aus der Sonne geriet und nun noch einmal aus dem Schatten tritt.

Die Memoiren des 70-Jährigen erzählen die Geschichte von Aufstieg und Fall eines Fußballfunktionärs, der 29 Jahre an der Vereinsspitze seine Kraft stets aus Gemeinschaft, Geselligkeit und Vertrautheit gesaugt hat - und umso mehr darunter leidet, dass gerade diejenigen, die er als Freunde und Vertraute an seiner Seite glaubte, sich von ihm abwendeten. Die fast komplett fehlende Selbstkritik, die Offenheit auch im Detail, mit der Strutz den ehemaligen Sportchef der „Rheinzeitung“, Stefan Kieffer, seine Geschichte erzählen lässt und tiefe Einblicke ins Profigeschäft gewährt, machen das Buch so bemerkens- und lesenswert.

Trübsinnig lässt es die Mainz 05 zugeneigten Leser:innen auch deshalb zurück, weil zu erspüren ist, dass dieser Verein seine besten Zeiten schon erlebt haben dürfte. Strutz nimmt für sich in Anspruch, ein bedeutender Baumeister eines Aufstiegs von der grauesten aller Mäuse in der Zweiten Fußball-Bundesliga bis zum Europa-League-Teilnehmer gewesen zu sein. Er vergisst dabei aber auch nicht, die großen Leistungen allen voran von Jürgen Klopp und Christian Heidel zu würdigen. Den Bruch mit dem vormaligen Mainzer Erfolgsmanager erläutert Strutz in einer zuvor nicht bekannten Deutlichkeit – ein am Ende weiteres bedrückendes Kapitel einer Partnerschaft, die mehr als zwei Jahrzehnte lang zerbrechlicher war, als je nach außen gedrungen ist. Die Erfolge am ehemaligen Wohlfühlstandort wirkten wie ein Klebstoff.

Das Buch

Strutz’ Biografie „Unfassbar!“ erschien im Verlag Typo-Druck Horn & Kohler-Beauvoi , umfasst 316 Seiten und kostet 24,90 Euro.

Der Klebstoff zerbröselt

Wie der Klebstoff zusehends zerbröselte, beschreibt Strutz detailliert. Und natürlich erhält jene entscheidende Episode breiten Raum, die der Jurist als medial inszenierten Rufmord empfunden hat. Es ging um – öffentlich jahrzehntelang unbekannte – Überweisungen von 23 000 Euro monatlich aus der Vereinskasse auf sein Konto: 9000 Euro als Aufwandsentschädigung, weitere 14 000 Euro für dauerhafte juristischen Beratungen des Vereins. Dass er damit als offiziell ehrenamtlich tätiger Präsident einen zumindest moralisch anrüchigen Vertrag mit sich selbst als operativ tätigem Rechtsanwalt geschlossen hatte, räumt er an keine Stelle selbstkritisch ein. Stattdessen verweist er umfangreich auf seine dem Verein zur Verfügung gestellte juristische Expertise und die satzungsmäßige Rechtmäßigkeit der Zahlungen.

Er beschreibt eine „populistische Neiddiskussion“ und zermürbende „öffentliche Demontage“, die jeder Fairness entbehrt habe. Tiefste Demütigung: Die „Verunglimpfung“ mit seinem Konterfei als Pappfigur auf einem Zugwagen beim Fastnachtsumzug im Februar 2017 in seiner geliebten Heimatstadt, in der er als Abzocker dargestellt wurde.

Der einstige Multifunktionär hat sein „Zeitdokument“ (Selbstdefinition) auch als Vergangenheitsbewältigung aufgeschrieben. „Je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr merkte ich, wie gut es mir tat.“ Eine Abrechnung fürs eigene Seelenheil eines Mannes, der sich von seinem Herzensverein und vielen Wegbegleitern verlassen fühlt. „Ich musste aufpassen, nicht zu verbittern.“

Als seine letzte bedeutende Amtshandlung beschreibt er jenen Tag im April 2017, als Sportchef Rouven Schröder den damaligen Trainer Martin Schmidt sechs Spieltage vor Saisonende habe rauswerfen wollen. Strutz antwortete: „Ich werde die Entlassung unseres Trainers auf keinen Fall mittragen.“ Er setzte sich durch, Mainz 05 rettete sich am vorletzten Spieltag durch ein 4:2 gegen Eintracht Frankfurt; das letzte Heimspiel, das Strutz als amtierender Präsident auf der Tribüne erlebte.

Inzwischen fühlt er sich als Ehrenpräsident rehabilitiert, immerhin. Er lässt durchblicken, was er vom Aufsichtsratschef Detlev Höhne hält (wenig), und was von seinem Nachfolger Stefan Hofmann (schon mehr). Und er rät dem Verein, mit „Mut zum Risiko“, mit einer Ausgliederung der Profiabteilung und Kapitalbeschaffung durch Investoren „wieder ein eigenes Charisma zu entwickeln“. Denn: „Die Jahre als Karnevalsverein sind lang vorbei.“ Harald Strutz dürfte mit Spannung beobachten, wie Ex-Partner Heidel das hinbekommt.

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