Die Entwicklung der Bundesliga

„Wo wollen wir mit dem Fußball hin?“

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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St. Pauli-Chef Göttlich fordert ein Nachdenken in der Bundesliga, der Dortmunder Finanzboss Treß wirkt skeptisch: „Man kann auch dem Sozialismus frönen und dabei untergehen.“

Wohin entwickelt sich der Profifußball in Deutschland? Zu einer Profitmaschine auf Gedeih und Verderb? Oder zu einem Wettbewerb, bei dem die Konkurrenzklubs als Mitbewerber gesehen werden, die unbedingt als chancenreiche Gegner benötigt werden? Beim Sportkongress Spobis in Düsseldorf ist dieses komplexe Thema am Mittwoch engagiert debattiert worden. Der Eindruck: Unter den 36 Lizenzklubs der ersten und zweiten Liga hat diese Debatte eine bisher so nicht gekannte Bedeutung und Intensität erlangt.

Den Turbokapitalismus, den europäische Spitzenklubs vorgeben, wollen nicht alle in der Bundesliga mitmachen, aber Topvereine wie Bayern München und Borussia Dortmund können sich dem Tempo auch nicht einfach entziehen. Ein Beispiel: Die Teilnahme an der ab 2021 neu konzipierten, im Sommer in China stattfindenden Klub-Weltmeisterschaft ist laut dem Dortmunder Finanzboss Thomas Treß für einen Verein wie die Borussia von großer Bedeutung. „Wenn wir dadurch mehr Geld generieren können, können wir uns nicht hinstellen und das ablehnen.“ Denn: „Man kann auch dem Sozialismus frönen und dabei untergehen.“

Explodierende Transfers

Treß reagierte dabei auf Vorschläge von Oke Göttlich, dem Präsidenten des Zweitligisten FC St. Pauli. „Glauben Sie ernsthaft“, fragte der Hamburger den Dortmunder Kollegen, „dass Bayern München und Borussia Dortmund auf Sicht die Umsätze von Paris Saint-Germain und Manchester City generieren können oder sind deren Geschäftsmodelle nicht wettbewerbsschädigend?“ Natürlich sei das Gebaren dieser investorengetriebenen Klubs wettbewerbsschädigend, bestätigte Treß, „international werden wir diese Größen nicht erreichen, es sei denn, die Bundesliga steigert ihren internationalen Marktwert bedeutend.“

Fachmann Stefan Ludwig von der Beratungsagentur Deloitte, erklärte die Hintergründe der Entwicklung: Manchester City und Paris Saint-Germain hätten den Transfermarkt „ordentlich angeheizt“. Es sei vor allem deshalb, aber auch durch die dynamisch gestiegenen Medienerlöse seit der Saison 2012/13 zu einem „explosionsartigen Anstieg der Transferausgaben“ um plus 23 Prozent gekommen.

Oke Göttlich äußerte grundsätzliche Zweifel, sich dem System eines „höher, weiter, schneller“ weiter zu unterwerfen. Seine Grundsatzfrage: „Wo wollen wir mit dem Fußball hin?“ Und: „Wie können wir diesen Sport so organisieren, dass der Wettbewerb spannend bleibt. Wollen wir das einfach so weiterbetreiben?“ Sein Ansatz sei mitnichten ein missionarischer. Er sei froh, dass zunehmend mehr Vereinsvertreter „darüber nachdenken, dass das ‚Immer mehr‘ nicht das Ziel sein kann.“ Ein konkreter Vorschlag: „Momentan fließt das Geld vor allem in kickendes Personal. Sollten wir nicht beispielsweise darüber nachdenken, die Kadergrößen zu begrenzen, um da mal einen Pflock einzuschlagen?“ Göttlich rät zu einem intensiveren Blick in die USA, wo der Profisport zum Schutz eines spannenden Wettbewerbs „nach klaren Regularien organisiert wird, die sich im Sozialismus beheimatet sehen“.

Der Mainzer Klubchef Stefan Hofmann pflichtete Göttlich bei, „er trifft den Kern“, lobte aber auch die Bayern und Borussia Dortmund: „Wenn ich höre, dass sich beide Klubs klar zur Bundesliga bekennen, dann ist das ein ganz klares Statement. Da wollen andere Topklubs in Europa ganz was anderes.“ Auch der Schalker Marketingvorstand Alexander Jobst will um die Bedeutung der Bundesliga kämpfen: „Wir starken Klubs müssen unsere Stimme laut machen“, um gegen die Expansionspläne von Uefa und Fifa mit immer neuen Wettbewerbsideen vorzugehen. Er erwarte, dass gerade der Weltverband Fifa seine Macht mit großer Wucht durchzusetzen versuche.

Der Dortmunder Treß warnte jedoch auch nachdrücklich. „Es sind Fußball-Brands auf dem Markt unterwegs, die sich zu Global Brands entwickelt haben.“ Dem könne sich ein Klub wie Borussia Dortmund nicht entziehen. Die Diskussion wird spannend bleiben, aber immerhin wird sie geführt. Oke Göttlich, seit dieser Saison Mitglied im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga, sagt: „Wir haben uns unter den Klubs deutlich verbessert, was den Austausch miteinander angeht.“

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