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Alle gemeinsam: Nur als Einheit werden die Wolfsburgerinnen im Finale eine Chance haben.

Finale gegen Lyon

Wolfsburgerinnen wollen den Champions-League-Titel

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Zum vierten Mal kommt es in der Women’s Champions League zum Endspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Olympique Lyon.

Alexandra Popp, Anna Blässe oder Lena Goeßling heißen die Protagonisten, die vom 23. Mai 2013 noch aus der eigenen Erfahrung zehren können, wenn sie das Finale der Women’s Champions League zwischen dem VfL Wolfsburg und Olympique Lyon (Sonntag 20 Uhr/ Sport 1) bestreiten. Damit der deutsche Doublegewinner in die Phalanx des französischen Seriensiegers einbricht, spielt die Historie eine wichtige Rolle. „Wir haben eine große Chance. Wir können mit dem zweiten Triple Geschichte schreiben“, betont VfL-Sportdirektor Ralf Kellermann, der gerne auf dieselbe Endspielkonstellation vor sieben Jahren zurückblickt. „Die Meisterschaft 2013 kam für uns selbst überraschend früh, das Triple war sensationell“, erinnert sich der damals in Personalunion als Trainer und Manager tätige Kellermann.

Als der Bus an der berühmten Stamford Bridge seine Spielerinnen ausspuckte, machten die meisten schnell noch Schnappschüsse von der Stadionfassade mit den Chelsea-Legenden. Dann verewigten sie selbst in den Annalen, in dem sie sich zwei Tage vor den Männern des FC Bayern in London das Triple sicherten. Es war der Lohn einer bemerkenswerten Energieleistung: Die heutige Nationalmannschaftkapitänin Popp opferte sich als Linksverteidigerin auf, die aktuelle Weltfußballerin Megan Rapinoe wurde zur Pause ausgewechselt, weil sie keinen Raum vorfand. Irgendwann verloren filigrane Technikerinnen wie Louisa Necib oder Lotta Schelin die Nerven, ehe Martina Müller mit einem Handelfmeter den Favoriten stürzte. In einer Londoner Szene-Location feierte die Entourage aus dem östlichen Niedersachsen eine wunderbare Party.

All diese Erinnerungen vom ersten Champions-League-Triumph – der zweite folgte gleich 2014 in Lissabon – werden wieder lebendig: Es braucht nun im nordspanischen San Sebastian Herz und Willen – und eine Portion Spielglück – um das Olympique-Starensemble mit der deutschen Spielmacherin Dzsenifer Marozsan zu bezwingen, deren Jahresverdienst mittlerweile bei 500 000 Euro veranschlagt wird.

Die 28-Jährige erzählte nach der Krönung zu Europas Fußball-Königinnen stets gerne, dass Präsident Jean-Michel Aulas mal eben eine Party auf einer Yacht vor St. Tropez spendiert. Solch eine extravagante Belohnung verbietet sich zwar in Corona-Zeiten, verdeutlich aber die Wertschätzung für den Frauenfußball in Lyon. Olympique hat extra für dieses Endturnier noch Verträge wie mit der weltbesten Rechtsverteidigerin Lucy Bronze verlängert, die es danach wohl zurück auf die Insel zieht. Vorher soll das fünfte Mal nacheinander der Henkelpott vereinnahmt werden.

Die Übermacht Lyon

In Wolfsburg war der Erfolg 2013 vor allem eine Aufforderung für den Eigner VW. „Die Mannschaft ist immer sportlich in Vorleistung getreten, und der Verein hat mit seiner Unterstützung nachgezogen“, erinnert Kellermann. Der 51-Jährige geht davon aus, dass die Champions League der Frauen bald nur noch von jenen Marken dominiert wird, die auch bei den Männern den Ton angeben. Wolfsburg wolle mit der Erfolgshistorie, einem familiären Umfeld, einer guten Infrastruktur und Entwicklungsmöglichkeiten dagegenhalten, „aber wir müssen akzeptieren, wenn andere Vereine in Metropolen für eine Spielerin Mitte 20 eine andere Strahlkraft und auch Wirtschaftskraft besitzen“, sagt der ehemalige Zweitligatorwart. Paris Saint-Germain und FC Barcelona hießen die weiteren Halbfinalisten. Das Team von Trainer Stephan Lerch muss sich gegenüber dem schwer erkämpften 1:0 gegen Barcelona erheblich steigern.

„Wir müssen unser wahres Gesicht zeigen, dann haben wir auch eine Chance, Lyon zu schlagen“, glaubt der 36-Jährige. Zweimal hat der VfL im Finale gegen die „Fenottes“ den Kürzeren gezogen – 2016 im italienischen Reggio Emilia im Elfmeterschießen, 2018 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. 2017 und im vergangenen Jahr setzte die Übermacht im Viertelfinale das Stoppschild.

„Wir haben den Ehrgeiz, Lyon endlich besiegen“, sagt Lerch. Interessant wird sein, wie der 2021 dem Vernehmen nach in den Männerfußball wechselnde Coach die Defensive formiert. Die Besetzung der Viererkette wechselte häufig. Mit Lena Oberdorf kam kürzlich die erst 18-jährige Abwehrchefin der Nationalmannschaft von der SGS Essen, aber Lerch stellte zuletzt lieber die zuvor beim FC Bayern meist auf der Außenbahn spielende Kathrin Hendrich in die Innenverteidigung.

Wichtig wird sein, im Mittelfeld mehr Ballkontrolle zu erlangen. Nachdem die Isländerin Sara Björk Gunnarsdottir ausgerechnet nach Lyon wechselte – und dort mit der Ex-Frankfurterin Saki Kumagai die Mittelfeldzentrale bildet – sind auf der Gegenseite vor allem Kapitänin Popp oder Svenja Huth gefordert, Torjägerin Pernille Harder wieder besser in Szene zu setzen. Denn nur darauf zu hoffen, dass eine Abwehrschlacht wie 2013 ein glückliches Ende nimmt, könnte 2020 zu wenig sein.

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