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Losgelöst: Mario Gomez schlägt dennoch kritische Töne an.
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Losgelöst: Mario Gomez schlägt dennoch kritische Töne an.

VfL Wolfsburg

Wolfsburger Aufräumarbeiten

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Der VfL ist gut beraten, die Analyse einer insgesamt völlig verkorksten Saison so schonungslos anzugehen wie sein entwaffnend ehrlicher Mittelstürmer Mario Gomez.

Hinterher, so beschrieb es Andries Jonker anschaulich, habe er sich um seinen Landsmann Riechedly Bazoer gesorgt. Der niederländische Fußballlehrer hatte dem ehemaligen Ajax-Spieler noch eine in Amsterdam gebräuchliche Redewendung zugerufen, die bedeutet: nichts wie weg. Doch so schnell konnte der Flügelflitzer im Stadion an der Hamburger Straße vor den heranstürmenden Braunschweiger Anhängern gar nicht entkommen: Er ist nämlich am Knie verletzt. Der 20-Jährige hat es dann irgendwie noch unversehrt in den von kräftigen Ordnern beschützten Kabinengang geschafft, was das passende Sinnbild für die Gemengelage beim VfL Wolfsburg gab: dank zweier 1:0-Siege gegen einen leidenschaftlichen, aber limitierten Zweitligisten in der Relegation mit Ach und Krach dem Schlimmsten entkommen.

„Der Druck war brutal. Und das hat auch nichts damit zu tun, wie viel eine Mannschaft verdient. Wir hatten nur zu verlieren und haben uns neun Tage auf zwei Spiele vorbereitet, die wir gar nicht wollten. Es ging nur um die Birne“, gewährte Mario Gomez tiefe Einblicke in die Binnensicht.

Die seit Wochen, ja Monaten offensichtlichen Blockaden der Werksfußballer, die am Standort dieselbe Sinnkrise erlebten wie der VW-Konzern, habe erst der für die Kurztrainingslager verpflichtete Mentalcoach Andreas Marlovits gelöst, der schon beim Unfalltod von Junior Malanda am Mittellandkanal bemerkenswerte Aufbauarbeit geleistet hatte. „Es ist doch das Normalste der Welt, dass man sich jemanden dazuholt, der Spezialist dafür ist, den Kopf gut einzustellen“, erklärte der Mittelstürmer.

Die Schlagzeile, „Psychologe hat Wolfsburg gerettet“, sei durchaus zutreffend. Denn: „Abstiegskampf ist Hardcore. Schwieriger als ein Champions-League-Finale“, betonte der 31-Jährige, der andeutete, dass er sich einen Verbleib in der Autostadt gut vorstellen könne, „aber ich glaube, dass jeder einzelne Spieler hinterfragt wird“.

Nach eigenem Bekunden habe er sich „noch nie so sehr auf einen Urlaub gefreut“. Wegen des umstrittenen Elfmetertreffers im Hinspiel kam sich der vom Confed-Cup befreite Nationalspieler zuletzt „wie ein Verbrecher“ vor; dass er zum Hassobjekt mutierte, konnte der Torjäger ebenso wenig verstehen wie den Platzsturm der Eintracht-Ultras, die unmittelbar nach Abpfiff die Auseinandersetzung mit den Gästefans suchen wollten.

Gomez urteilte darüber zynisch: „Ich kann prinzipiell mit Hass im Fußball nichts anfangen. Nach den fürchterlichen Anschlägen in Manchester liegen wir uns alle in den Armen, und ein paar Tage später verhalten wir uns selber wie die Affen.“

Und so war beim Sieger auch vor diesem unschönen Hintergrund so gut wie kein Triumphgeheul auszumachen. Nicht bei den Akteuren, die wie der wohl vor einem Wechsel zu Hannover 96 stehende Verteidiger Christian Träsch später von einer „grottenschlechten Saison“ sprachen. Nicht beim Coach, der recht keck behauptete, es sei mit dem Klub vereinbart, „dass ich Trainer bleibe“. Nicht beim Manager Olaf Rebbe, der eingestand, dass die VW-Tochter „die letzte Ausfahrt“ genommen habe. Und erst recht nicht bei den Bossen, für die VfL-Aufsichtsratschef Francisco Javier Garcia Sanz ausführte: „So kann es nicht weitergehen. Ich will nicht jedes Jahr Relegation spielen – das schaffe ich nicht.“

Der gebürtige Madrilene („Die Mannschaft kann in Urlaub gehen, wir arbeiten weiter“) will die „hoffentlich richtigen Schritte“ einleiten, ohne sich konkreter zu äußern. Die Aufräumarbeiten sollten umfassend sein: Es ist eben nicht damit getan, in einer Spielzeit 80 oder 90, künftig vielleicht nur noch 60 oder 70 Millionen Euro der Fußball GmbH zur Verfügung zu stellen, ohne die Gegenleistung etwas genauer abzuklopfen. Und das muss bei der Personalpolitik – unter einem noch zu benennenden Geschäftsführer Sport – beginnen, die im 20. Jahr der Bundesliga-Zugehörigkeit beinahe ein Fiasko angerichtet hätte.

Dass Jonker nach dem Happy End in der Löwenstadt explizit seinem degradierten Kapitän, dem Schweizer Schlussmann Diego Benaglio, für sein Zutun dankte, sprach Bände: Ausgerechnet diejenigen, die sich am meisten mit Verein und Stadt identifizierten, wurden entweder vorher vergrault (Naldo) oder später nicht mehr gebraucht (Benaglio oder Arnold).

„Die Möglichkeiten sind hier riesig“, bemerkte Daniel Didavi. Der mit dem VfB Stuttgart abgestiegene Spielmacher, der nicht plant, aus seinem lukrativen Fünfjahresvertrag auszusteigen, um zum HSV zu flüchten („da ist gar nix dran“), empfahl, mehr Profis zu holen, „die noch nicht viel erreicht haben“.

Didavi würde sich künftig an Vereinen wie dem SC Freiburg, dem 1. FC Köln oder der TSG Hoffenheim orientieren. „Die haben auch nicht Messi oder Ronaldo geholt, aber überragenden Fußball gespielt. Wir müssen mal festlegen, für was der VfL Wolfsburg eigentlich steht.“ Gute Idee nach einem Abend mit so vielen unguten Erlebnissen. Nicht nur für Riechedly Bazoer.

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