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Fußball-WM

Viertelfinalteilnehmer: Statement für Europa

Auch wenn der Europameister Niederlande eher glücklich ins WM-Viertelfinale einzieht: Die Konstellation in der Runde der letzten Acht spiegelt die Entwicklung im Frauenfußball wider.

Manchmal kommen einem im Schlaf die besten Gedanken. Zumindest wenn es solche Eingebungen sind, von denen Sherida Spitse im Roazhon Park von Rennes erzählte. Die Rekordnationalspielerin der Niederlande ist eigentlich auch die Elfmeterschützin. Und somit lag es nahe, dass im dramatischen WM-Achtelfinale gegen Japan (2:1) auch die 29-Jährige in der 90. Minute zur Ausführung schreiten würde, um einen von Schiedsrichterin Melissa Borjas aus Honduras verhängten Strafstoß zu verwandeln. „Ich träumte davon, Lieke in so einem Moment den Ball zu überlassen. Weil ich wusste, wenn Lieke schießt, gewinnen wir“, verriet Spitse, die das Spielgerät an besagte Lieke Martens gab. Die beim FC Barcelona spielende Offensivkünstlerin, die bereits beim 1:0 so formidabel den Ball so gekonnt ins Tor gelenkt hatte, verwandelte. Hernach bedankte sich die 26-Jährige, bekannteste Fußballerin ihres Landes, ausgiebig für die Geste. Der Europameister war weiter, der Vizeweltmeister ausgeschieden, der vor vier Jahren in Kanada noch das WM-Achtelfinale mit demselben Ergebnis gegen denselben Gegner gewonnen hatte.

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„Es war ein Elfmeter“, flüsterte später Saki Kumagai, obwohl Japans Kapitänin der Ball aus kurzer Entfernung an den Arm geschossen worden war. Die mit so viel Übersicht glänzende Abwehrspielerin und Weltmeisterin, Stütze beim Champions-League-Sieger Olympique Lyon, wollte in der Niederlage tapfer ein. Die meisten Mitspielerinnen stapften hingegen mit Tränen in den Augen zum Bus. Eine dermaßen tragische Niederlage hatte das laufstarke und kombinationssichere Ensemble nicht verdient. Immerhin verabschiedete sich der letzte Repräsentant vom asiatischen Kontinent erhobenen Hauptes von der WM-Bühne, während das siebte europäische Team ins Viertelfinale einzog.

Europa fast unter sich

Würde nicht Rekordweltmeister USA noch mitspielen, wären die Europäer bereits unter sich. Zufall ist das mitnichten. Zumindest in West- und Südeuropa, in Skandinavien sowieso, ziehen Verbände und Vereine weitgehend gemeinsam an einem Strang, um das Potential im weiblichen Bereich besser auszuschöpfen. Das geschieht zwar mit unterschiedlicher Kraft, aber die Stoßrichtung ist dieselbe. Den Nachwuchs stärken, die Strukturen verfestigen, die Professionalität erhöhen. „Ich denke, in Europa entwickelt sich der Frauenfußball am schnellsten und am stärksten“, sagte die niederländische Trainerin Sarina Wiegman. Das hohe Level in den Wettkämpfen, vermehrt auch in der Women’s Champions League, sei dafür verantwortlich, dazu kämen die Anstrengungen in Nationen, wie sie England oder neuerdings Spanien und Italien vorantreiben. „In vielen Ligen entwickelt sich etwas.“ Während in Südamerika oder Afrika die Fußballerinnen immer noch gegen Vorbehalte kämpfen müssen.

Die Niederlande haben beispielsweise die Ausrichtung der EM 2017 im eigenen Land genutzt, um ein nachhaltiges Projekt aufzuziehen. „Wir haben schon Geschichte geschrieben“, sagte Jackie Groenen, „und das wollen wir jetzt wiederholen.“ Die Mittelfeldspielerin darf die Nummer 14 tragen, die in der Heimat wegen der Legende Johan Cruyff eine so große Bedeutung besitzt. Die 24-Jährige wechselt jetzt vom 1. FFC Frankfurt zu Manchester United, und ein Halbfinale Niederlande gegen Deutschland würde sie „mega, mega“ finden.

Vivianne Miedema und nicht Arjen Robben in den Schlagzeilen

Ihr Achtelfinale hatte auf der Tribünepassenderweise die deutschen Spielerinnen verfolgt, die in Rennes erst einmal den obligatorischen Klassiker gegen Schweden im Viertelfinale überstehen müssen. Die komplette DFB-Delegation beobachtete, dass auch der deutsche Gegenentwurf ans Ziel führen kann: Im niederländischen System kommen fast immer dieselben Spielerinnen und dieselbe Formation – das traditionelle 4-3-3 in holländischer Bauart – zum Einsatz. Warum auch etwas ändern, was 2017 zum ersten internationalen Frauen-Titel führte. Nicht nur der Endspielort Enschede berauschte sich damals am EM-Triumph der „Leuwinnen“, den Löwinnen. Vivianne Miedema und nicht Arjen Robben gehörten die Schlagzeilen.

Die Popularität hat geholfen, etwas anzuschieben: Nach Frankreich bewegt sich stets eine fröhliche Karawane in vierstelliger Zahl in die Spielorte, die mit Pauken und Trompeten für Stimmung sorgt. „Ich hoffe, dass wir nächstes Spiel wieder viele Oranjes sehen werden“, sagte Wiegman. Das Viertelfinale gegen Italien (Sonntag 15 Uhr) in Valenciennes könnte besser nicht gelegen sein: direkt an der belgischen Grenze. Dort duellieren sich zwei Nationen, die ihren Fortschritt gerade mit besonderem Nachdruck aufführen. Dornröschenschlaf war gestern. Nur geträumt werden darf noch.

Frank Hellmann

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