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WM-Taktik der Polen: Mauern und hoffen

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Von: Thomas Kilchenstein

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Glücklich über ein 0:2: Trainer Michniewicz und Torjäger Lewandowski.
Glücklich über ein 0:2: Trainer Michniewicz und Torjäger Lewandowski. © Tom Weller/dpa

Die Weltmeisterschaft ist sportlich bisher frei von Innovationen - das Paradebeispiel: die polnische Mannschaft.

Von dieser etwas anderen Weltmeisterschaft wird vermutlich nicht viel bleiben, wenn am 18. Dezember Brasilien oder Spanien oder Frankreich oder Argentinien Weltmeister geworden sind, zumindest sickern bislang erwartungsgemäß kaum neue Impulse vom Persischen Golf herüber, außer einer irrwitzig, teilweise künstlich verlängerten Spielzeit. Neue Ideen, neue Spielformen, gar ein neuer Stil - Pustekuchen, danach suchen hochspezialisierte Analysten bislang vergeblich.

Charakteristisch für diese WM ist, dass sparsam mit Toren umgegangen wird. Im Schnitt fallen etwa 2,3 pro Spiel. Das ist nicht viel und wird gar relativiert, wenn man die beiden Kantersiege Spaniens (7:0 gegen Costa Rica) und England (6:2) gegen Iran herausrechnet. Es hat bislang fünf gähnend langweilige Null-Null gegeben und acht 1:0, dafür eine schiere Unmenge an Treffern, die vom Kölner Kel ... äh vom VAR in Doha annulliert wurden.

Ein Trend ist erkennbar, aber nun wahrlich nicht besonders innovativ: Defensiv stehen, gut verteidigen, das können mittlerweile alle Teams. Dazu sind sie athletisch und taktisch zu gut ausgebildet. Verschieben und Räume eng machen, ist viel leichter zu lernen als einen guten Pass in die Tiefe zu spielen. Und weil alle Spieler direkt aus dem laufenden Ligabetrieb in dieses Turnier einsteigen, gibt es auch kaum konditionelle Einbrüche.

Dass einer Mannschaft am späten Ende die Puste ausgeht, kommt nicht vor. Das Konzept dahinter ist schnell erzählt: Gewinnt eine Mannschaft den Ball, die so vielbeinig wie leidenschaftlich ihren Strafraum verrammelt, geht es - hastdunichtgesehen - im Umschaltspiel nach vorne, dort wird irgendeiner die Kugel schon im Tor unterbringen.

Und es gibt noch die Taktik der Polen: Die bestand am Mittwochabend im Containerstadion 974 schlicht darin, alle elf in permanente Abwehrbereitschaft zu versetzen, zudem auf einen in der Tat überragenden Torhüter Wojciech Szczesny, den Bus in Mannschaftsstärke vor dem eigenen Tor zu parken und zu hoffen, dass die Spielzeit irgendwie heruntertickt. Es hat gefühlt selten eine destruktivere Mannschaft gegeben als das Team von Robert Lewandowski. Polen wollte partout nicht am Spiel teilhaben, nicht mal im Ansatz, sie verweigerten komplett. Polen wollte in die nächste Runde einziehen, sie wussten, selbst mit einer Niederlage in erträglichen Rahmen würde das klappen. Also holzten sie jeden Ball plump nach vorn, ohne auch nur den zaghaftesten Versuch zu starten, eine eigene Chance zu kreieren, von einem eigenen Treffer ganz zu schweigen. Und das Erstaunliche war: Selbst nach dem 0:2 gaben sie diese „Taktik“ nicht auf, dabei waren noch gut 20 Minuten zu spielen - und Mexiko führte im anderen Spiel ebenfalls 2:0. Ein weiteres Tor, entweder für Argentinien oder Mexiko, und Polen wäre ausgeschieden. Doch man blieb seiner Marschroute treu: mauern und hoffen. Daumen drücken, bibbern, dass nichts mehr passiert und in der 90. Minute auf der Linie retten.

Und siehe: Der Erfolg gab Nationaltrainer Czeslaw Michniewicz Recht, Polen steht im Achtelfinale. Und spielt gegen Frankreich, den Titelverteidiger. Vermutlich wird Lewandowski Libero spielen. Und sie dürften noch einen weiteren Torwart in die Kiste stellen, Rafal Gikiewicz vielleicht.

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