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WM in Katar: „Ein dem Fußball unwürdiges Ereignis“

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Von: Jan Christian Müller

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Die Meinung vieler Fans: Weltgewissen, du bist ein Fleck der Schande.
Die Meinung vieler Fans: Weltgewissen, du bist ein Fleck der Schande. © Bild jcm

Fan - und Vereinsintiativen üben Kritik an der WM in Katar und fordern Ausrichter, Fifa und DFB heraus.

Deutsche Fan- und Vereinsinitiativen wollen den Weltfußballverband Fifa und WM-Gastgeber Katar in den nächsten Monaten nicht unkritisiert davonkommen lassen. Und sie erwarten dabei mehr klare Kante vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Das ist das Ergebnis eines sechsstündigen Kongresses unter der Überschrift „Nicht unsere WM“ in Frankfurt, Dario Minden aus der Fan- und Förderabteilung von Eintracht Frankfurt und in Personalunion zweiter Vorsitzender der Fan-Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“ sagte zum Abschluss des Netzwerktreffens: „Lasst uns kämpferisch bleiben und nicht einknicken. Lasst uns laut und kreativ sein. Unsere Stimme wird gebraucht.“

„Pro Fans“ fordern DFB heraus

Das Fanbündnis „Pro Fans“ forderte den DFB zu einer Befragung seiner mehr als sieben Millionen Mitglieder in knapp 25 000 Vereinen auf, um herauszufinden, ob diese einen WM-Boykott der deutschen Nationalmannschaft unterstützen. Laut „Pro Fans“ sei es „im höchsten Maße unanständig“ im Angesicht der Ausbeutung von Arbeitsmigranten „ein rauschendes Fest zu feiern“.

Ob die engagierten Fans auch bei den Ultraszenen durchdringen, erscheint zweifelhaft. Das Interesse an der Nationalmannschaft und einer Weltmeisterschaft in einem winzigen Scheichtum sei in diesen Kreisen nicht weit verbreitet. Dennoch wollen die Fanbündnisse versuchen, den letzten Bundesligaspieltag Mitte November vor dem WM-Start zu einem Aktionsspieltag mit Protesten gegen das Turnier in Katar zu nutzen. Aktionen wie „Kicken statt gucken“ oder „Back to bolzen“ sollen überregional zum Protest „gegen ein dem Fußball unwürdiges Ereignis“ beitragen.

BoykottQatar2022 macht Druck

Den Aktionsgruppen, unter anderem „BoycottQatar2022“, ist indes klar, dass der aktuelle Ukraine-Krieg den Fokus der Weltöffentlichkeit derzeit weitgehend absorbiert. Hinzu kommt die völlig neue geopolitische und wirtschaftliche Situation, dass ein ohnehin ökonomisch recht eng mit dem Scheichtum vernetztes Land wie Deutschland sich zwangsläufig von zusätzlichen Gaslieferungen aus Katar abhängig gemacht hat. „Das schwächt unser Anliegen“, räumte Mit-Organisator Eberhard Schulz ein. Umso mehr wollen die Initiativen nun daran arbeiten, sich besser zu vernetzen und öffentlichkeitswirksamere Aktionen zu starten. Und sie wollen noch genauer wissen, worüber sie reden.

Lebenslange Haft für Kritiker

Eine Frau wie Katja Müller-Fahlbusch kann dabei sehr hilfreich sein. Die Fachreferentin für den Nahen Osten bei Amnesty International, die kürzlich schon einen Vortrag vor den Spielern der deutschen Nationalmannschaft über die Situation in Katar gehalten hatte, überbrachte wenig Hoffnung erweckende Nachrichten. Danach reagiert Katar zunehmend nervös auf die internationale Kritik, unter anderem mit weiteren Einschränkungen bei der Presse- und Meinungsfreiheit. „Es drohen drastische Konsequenzen für Leute, die sich öffentlich zu Missständen äußern.“ Jüngst seien zwei katarische Rechtsanwälte zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil die den Emir kritisiert hätten.

An der misslichen Situation der Frauen in Katar habe sich bisher nichts zum Besseren geändert. „Jede Frau in Katar hat einen männlichen Vormund und wird im Scheidungs- oder Erbrecht massiv diskriminiert. Da gibt es keine Bewegung.“ Auch Schwule und Lesben erwarten weiterhin mit bis zu sieben Jahren Gefängnis, wenn sie ihre Neigung öffentlich kundtun.

Amnesty International sieht wenig Verbesserungen

Wenig konkrete Verbesserungen kann Müller-Fahlbusch auch bei den Arbeitnehmerrechten erkennen. Die vorgebliche Abschaffung des berüchtigten Kafala-Systems, nach dem Arbeitsmigranten von den Unternehmen wie Leibeigene gehalten werden, stehe zwar auf dem Papier. Zur gelebten Praxis herrsche aber eine „enorme Diskrepanz“. Löhne würden zu spät oder gar nicht gezahlt, die Arbeitsbedingungen hätten sich lediglich für ein bis zwei Prozent der Arbeiter auf den WM-Baustellen signifikant verbessert. „Wir sehen, dass die Überprüfungen der Arbeitsbedingungen nicht ausreichend stattfinden.“ Arbeitsplatzwechsel seien zudem de facto so gut wie unmöglich für Menschen, die 247 Dollar pro Monat Mindestlohn bekommen, aber mehrere tausend Dollar Ablöse aus eigener Tasche dafür bezahlen sollen. Auch über Gewerkschaften „wollen die Kataris nicht reden. Das wird komplett geblockt.“ Zudem laufe die katarische Wirtschaft Sturm gegen mehr Arbeitnehmerrechte. Die Resonanz aus Saudi-Arabien, Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten sei zudem negativ. Dort hätten Regierungen und Wirtschaft die Sorge, dass Reformen in Katar Druck auf die Nachbarländer ausüben könnten. Druck, den diese Länder nicht erfahren wollen.

Apropos Druck: Die Expertin von Amnesty rät dazu, den Druck auf das WM-Ausrichterland und die Fifa hoch zu halten. Und zwar jetzt. „Denn die Aufmerksamkeit geht nach der WM zurück.“

Eine nur nord- und mitteleuropäische Debatte

Problem: „Die Boykottdebatte wird in Mittel- und Nordeuropa geführt.“ In Ost- und Südeuropa, in Südamerika, Asien und Afrika „interessiert das fast niemanden“. Müller-Fahlbusch fürchtet: „Wenn diese Debatte nicht in der Welt ankommt, wird es schwierig.“ Keine guten Aussichten für deutsche Faninitiativen.

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