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WM in Katar: Der Ton wird rauer

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Von: Jan Christian Müller

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Enge Bindung: Fifa-Boss Gianni Infantino (links) und Scheich Tamim bin Hamad Al Thani.
Enge Bindung: Fifa-Boss Gianni Infantino (links) und Scheich Tamim bin Hamad Al Thani. © Mohammed Dabbous/Imago

Der FSV Mainz 05 bleibt bei Testspiel gegen den Saudi-Klub Newcastle. Amnesty International macht Druck auf den DFB wegen der Fußball-WM in Katar. Der FC Bayern München debattiert heftig über Sponsoring und Trainingslager.

Die Debatten um eine gesellschaftliche Verantwortung des deutschen Profifußballs im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Katar nehmen an Vehemenz zu. Jetzt hat Amnesty International eine Petition verbreitet, in der DFB-Präsident Bernd Neuendorf konkret aufgefordert wird, Arbeitsmigrant:innen zu entschädigen, „deren Menschenrechte im direkten Zusammenhang mit der Fußball-WM verletzt wurden“. Auch soll Neuendorf „als höchster Vertreter des größten Fußballverbandes der Welt Druck auf die Fifa“ ausüben, „damit sie ihrer Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen in Katar gerecht wird“. Konkret fordert Amnesty „die Einrichtung eines Zentrums für Arbeitsmigrant:innen“, das „der DFB und die Fifa dauerhaft unterstützen“. Fanorganisationen wie „Unsere Kurve“ machen ebenfalls Druck auf „ein Skandalturnier, das nicht ohne Protest und kritische Begleitung aus der Zivilgesellschaft vonstattengehen darf“.

Auch auf den FC Bayern München, mit fast 300 000 Mitgliedern der größte Sportverein der Welt, ist der Druck wegen dessen Verbandelung mit Katar (Ärmelsponsor und traditionelles Ziel der Wintertrainingslager) gewachsen. Der nationale Branchenführer hatte bei der eskalierten Mitgliederversammlung Ende November 2021 noch ein unrühmliches Bild nicht vorhandener Debattenkultur abgegeben. Inzwischen gibt man sich geläutert. Am Montag fand in der Arena zwei volle Stunden lang ein Runder Tisch statt, der vorbildlich transparent per Stream live im Bayern-TV übertragen wurde (und dort auch noch bis Freitag abrufbar bleibt).

Neben Bayern-Präsident Herbert Hainer und Vorstandschef Oliver Kahn, zwei Mitgliedern des Klubs sowie Ex-Außenminister Sigmar Gabriel mit am Tisch: WM-OK-Chef Hassan Al-Thawadi und Katars Botschafter Abdulla bin Saud Al-Thani. Der behauptete kühn, es gebe „keine Probleme mit Frauenrechten“ und nannte Berichte, das Land habe die WM „gekauft“ eine „Verschwörung“. Gabriel fand, „wir sollten uns nicht auf ein hohes moralisches Podest stellen“, sondern Katar im Reformprozess unterstützen. Die beiden Mitglieder Michael Ott und Robin Feinauer benannten Missstände und befanden: „Wenn da keine rote Linie erreicht ist für eine Werbepartnerschaft, wo gibt es dann überhaupt noch eine rote Linie für den FC Bayern?“

DFB macht Versprechungen

Parallel dazu fand eine Anhörung vor dem Sportausschuss des Bundestags statt, bei der ein düsteres Bild des Endrundenausrichters und des Weltverbandes Fifa gezeichnet wurde. Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung fand deutliche Worte. „Die Menschenrechtslage ist besorgniserregend“, sagte Luise Amtsberg. In ihrem schriftlichen Bericht kritisierte die Grünen-Politikerin vor allem die Fifa. DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich, gerade von einem Arbeitstreffen einer Uefa-Delegation aus Katar zurückgekehrt, versprach: „Die europäischen Mannschaften werden Zeichen setzen.“

Mainz 05 kontra Fans

Im Zuge der Katar-Debatte sind auch die Nachbarländer des kleinen Wüstenemirats verstärkt in den Fokus geraten. Besonders Saudi-Arabien tut sich dabei hervor. Wie Katar war das Land zuletzt durch verstärktes „Sportswashing“ auffällig geworden, indem es sein beflecktes Image durch umfangreiches Sport-Sponsoring zu säubern versucht.

In diesen Tagen ist der FSV Mainz 05 damit konfrontiert worden. Der Fußball-Bundesligist sah sich nach Bekanntgabe eines für den 18. Juli in Kufstein geplanten Testspiels gegen den von Saudi-Arabien kontrollierten Premier League-Klub Newcastle United massiver Kritik aus Fankreisen ausgesetzt, die eine Absage der Begegnung forderten.

Die jüngst aus dem Vorstand der Fanabteilung zurückgetretene Kerstin Weber schrieb bei Twitter: „Newcastle ist ein No-Go für Mainz 05. Unser Leitbild lässt diese Begegnung schlicht nicht zu. “ Sie erwarte von Klubchef Stefan Hofmann klare Kante. Auch aus den lokalen Medien, allen voran der „Allgemeinen Zeitung“, gab es Gegenwind für die Mainzer. Zwischenzeitlich waren aber Kommentatoren von Sky (die Forderung nach Absage sei „verlogen“) und des SWR („Am Ende ist es nur Fußball“) den Nullfünfern beigesprungen. Auch die „Bild“-Zeitung lief dem Sportvorstand Christian Heidel erwartungsgemäß brav bei Fuß: Mainz 05 beuge sich „nicht dem aufgebauschten Druck“.

Es dauerte nicht weniger als sechs Tage, ehe die Rheinhessen sich in der Lage sahen, am Dienstagmittag zu dem delikaten Thema öffentlich Stellung zu beziehen. Hinter den Kulissen gab es konträre Meinungen, auch der mittels einer Agentur, mit der Mainz 05 vertrauensvoll zusammenarbeitet, eingetütete Kontrakt mit Newcastle United spielte natürlich eine Rolle. Beim Klub aus dem Norden Englands war man not amused über die Diskussionen in Deutschland.

Diese Argumente überwogen schließlich gegen eine ursprünglich am Wochenende schon geplante Absage. Sportvorstand Christian Heidel kämpfte nach FR-Informationen vehement für die Austragung des Spiels und setzte sich durch: „Eine einseitige Absage durch uns, wie von manchen Fans gefordert, ist nicht denkbar, da diese aufgrund der vertraglichen Verpflichtungen gravierende juristische und wirtschaftliche Folgen für uns haben könnte und wir grundsätzlich zu unseren vertraglichen Vereinbarungen stehen.“

Treffen mit Fans geplant

Klubchef Stefan Hofmann räumte eine gewisse Naivität im Umgang mit dem heiklen Thema ein: „Die Reaktion von einigen Fans haben wir in dieser Form so nicht erwartet.“ Das Testspiel sei „für die Vorbereitung der Mannschaft besonders wichtig“. Man wolle alsbald mit Fanvertreter:innen die „grundsätzliche Haltung des Vereins erörtern und dabei auch das gemeinsame Verständnis des Leitbilds diskutieren“. Klingt verdächtig nach einem Runden Tisch. Nur vermutlich nicht so groß und prominent besetzt wie der bei den Über-Bayern.

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