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Tagebuch zur WM 2022: Print ist tot

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. ©  afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha - War ein langer Tag gestern. Erst zu Nancy Faeser (das ist, nur kurz zur Erinnerung, die deutsche Innenministerin), dann zum Spiel der Unsrigen gegen Japan bei der WM 2022. Die Faeser ist außerdem noch Sportministerin, aber das nur nebenbei. Deshalb durfte sie jetzt zum zweiten Mal binnen eines Monats nach Katar reisen. An der deutschen Fan-Botschaft (hat nix mit der echten Deutschen Botschaft zu tun), traf sie, welch Wunder: Fans!

Es gibt jetzt einen neuen deutschen Star-Fan. Er heißt Bengt Kunkel. Der Vorname ist kein Rechtschreibfehler. Jedenfalls hat Bengt beim Spiel Senegal gegen die Niederlande eine Regenbogenbinde um seinen Arm und ein Schweißband in Regenbogenfarben um sein Handgelenk getragen. Deshalb, erzählt er, sei er von katarischen Sicherheitskräften von seinem Platz in die Katakomben des Stadions abgeführt worden. Er habe dort Binde und Schweißband abgeben müssen.

WM 2022: Nancy Faeser besucht Fan-Botschaft in Katar

Bengt musste an der Fan-Botschaft zig Interviews geben, eines davon mir, Frau Faeser hörte sich seine Geschichte an, später auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der ebenfalls an der Fan-Botschaft vorbeischaute. Ich habe Star-Fan Bengt nicht gleich erkannt, weil er im Gesicht recht üppig schwarz-rot-gold geschminkt war. Er düste nämlich vor einer Woche zufällig auf meinem spärlich besetzten Flieger von Frankfurt nach Doha. Vorher im Wartebereich am Gate war ich mit ihm und seinem Bruder Jan schon ins Gespräch gekommen. Ihr seht die beiden auf dem Foto. Bengt links, Jan rechts.

Der 23-jährige Bengt verfügt offenbar über ein kerngesundes Selbstvertrauen, jedenfalls hatte er am Airport in Frankfurt bald erklärt, dass er an der Sporthochschule in Köln Medienforschung studiert. Offenbar hat er in den Vorlesungen gut aufgepasst. Er erklärte mir und meinem Kollegen Marco Seliger von der Stuttgarter Zeitung, dass Print im Grunde tot ist. Hätten wir uns fast schon gedacht. Aber ich gehe mal davon aus, er wird sich ein paar Artikel ausschneiden, die in diesen Tagen über ihn geschrieben und gedruckt werden. In der Rundschau und sogar online steht heute auch einer über ihn drin, mit Bild sogar, glaube ich.

WM 2022: „Ich gönne Bengt seine aktuelle Popularität“

Am Gate wollte er irgendwann wissen, welche Kanäle wir noch so bedienen. Ich habe mal lieber von meinem Tagebuch hier nichts erzählt und auch nicht, dass ich es mit Facebook und Instagram und WhatsApp-Status verknüpfe, sobald unsere Onliner es in der Redaktion aufbereitet haben. Ich gebe ja zu, dass ich bei TikTok nicht bin, bei Twitter zwar schon, aber dort gehört so ein olles Tagebuch nicht hin. Wie dem auch sei: Ich gönne Bengt seine aktuelle Popularität, man muss halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und sein Bruder Jan scheint außerdem echt in Ordnung.

Fans des DFB-Teams in Katar.
Fans des DFB-Teams in Katar. © Jan Christian Müller

Hier könnte das Tagebuch für heute nun aufhören, soll ja auch nicht zu lang werden. Aber zum Schluss noch gaaaanz kurz zur Nationalmannschaft: 70 Minuten ordentlich, mehr aber auch nicht, 20 Minuten plus Nachspielzeit unorganisiert wie eine Schülerelf. So reicht das natürlich nicht. Immerhin fand ich die Aktion der Spieler beim Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff gelungen. Es war im Grunde die beste Szene des Nachmittags aus deutscher Sicht. Alle Spieler mit der Hand vor dem Mund. Die Macht der Bilder dürfte funktioniert haben. Und oben auf der Tribüne Nancy Faeser mit „One Love“-Binde um den nackten Oberarm. Die paar verstreuten Scheichs auf der Super-VIP-Tribüne haben bestimmt große Augen gemacht. Kann mir gut vorstellen, dass Fifa-Boss Infantino und die Scheichs eine wilde Fete mit ganz viel Bier und Schnaps feiern, wenn die Deutschen am Sonntag gegen Spanien schon ausscheiden sollten. Vielleicht laden sie sogar ein paar Frauen ein.  (Jan Christian Müller)

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