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Aus bei der WM 2022 in Katar: Die gescheiterte Generation

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Von: Jan Christian Müller

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„Das ist nichts, wofür man stehen möchte“, sagt Joshua Kimmich.
„Das ist nichts, wofür man stehen möchte“, sagt Joshua Kimmich. © IMAGO/Kieran McManus

Ein am Boden zerstörter Joshua Kimmich und Kollegen sind nun zum zweiten Mal schon in der Vorrunde bei einer Weltmeisterschaft ausgeschieden – woran hat es diesmal gelegen?

Doha – Er kam als einer der Letzten aus der Kabine. Und er hatte feuchte Augen, die im Verlauf des Gesprächs nur mühsam dem Druck der Tränen widerstehen konnten. Joshua Kimmich ist jetzt 27 Jahre alt, er hat die Champions League gewonnen und die deutsche Meisterschaft so oft, dass er kaum noch mit dem Zählen hinterherkommt. Und ja, er war auch dabei, als Deutschland im Sommer 2017 mit einer Juniorenauswahl den Confederations Cup in St. Petersburg gewann. Im Finale mit 1:0 gegen Chile.

Es schien die Geburtsstunde einer neuen, goldenen Generation gewesen zu sein, junge coole Typen, die bald die Fußballwelt erobern würden, angeführt von Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Julian Draxler. Timo Werner war auch dabei, Julian Brandt, Emre Can, Antonio Rüdiger, Niklas Süle, im Tor André ter Stegen. Dazu die juvenilen Klasseleute Serge Gnabry und Leroy Sané, die 2017 fehlten. Würden das die Nachfolger der 2014er Weltmeister werden? Von Schweinsteiger, Mertesacker, Lahm, Khedira, Klose? Die Experten waren sich einig: Ja, das sollte möglich sein. Die Qualität ist da und wohl auch die Mentalität. Glaubte man.  

WM 2022 in Katar: Joshua Kimmich hat Angst, in ein Loch zu fallen

Am Freitagmorgen – es war im Al Bayt Stadion, drittes Untergeschoss, schon sehr weit nach Mitternacht, weil Katar der deutschen Zeit zwei Stunden voraus ist – sagt Joshua Kimmich mit zitternder Stimme Sätze, die aus tiefem Herzen kommen. „Für mich ist es echt der schwierigste Tag meiner Karriere. Wir haben 2018 vergeigt und 2021 die Euro in den Sand gesetzt. Vorher war Deutschland immer im Halbfinale, dann komme ich dazu und man scheidet zweimal aus. Das ist für mich persönlich nicht einfach zu verkraften. Ich werde mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht. Das ist nichts, wofür man stehen möchte. Ich habe Angst, dass ich in ein Loch falle!“

Kimmich ist der ehrgeizigste seiner Generation. Viele haben es mit ihren Klubs weit gebracht, Meister, Champions League-Sieger, die vom FC Bayern gar alles auf einmal, was es im Vereinstrikot im Weltfußball zu gewinnen gibt. Aber mit dem DFB-Team sind sie nie wieder so wild, so entschlossen, so unverbraucht erfolgreich gewesen wie in jenem Sommer in Russland, als auch ihr Trainer Joachim Löw noch einmal in einen Jungbrunnen gefallen zu sein schien.

WM 2022 in Katar: Indiskutable Leistungen

Und fünfeinhalb Jahre danach? André ter Stegen erlebte schon wieder ein Turnier im Schatten von Manuel Neuer, der seine Souveränität und auch ein bisschen Torwartglück verloren hat. Leon Goretzka setzte bei der WM 2022 Katar sein drittes Turnier in den Sand, Kimmich selbst, nun ja, er kann es sicher besser. Julian Draxler, 2017 der Kapitän, schaffte es nicht mal mehr in den Kader, ebenso wenig wie Emre Can. Timo Werner fehlte verletzt, Julian Brandt blieb ohne Einsatz, Antonio Rüdiger, Niklas Süle gehörten zu einer Abwehr, die diese Bezeichnung bei diesem aus deutscher Sicht in allen Belangen vermaledeiten Turnier nicht verdient hatte, weil sie nicht gut genug war, um gegen Japan und Costa Rica den Laden dicht zu bekommen. Vier Tore im Angesicht von Gegnern dieser Leichtgewichtsklasse sind indiskutabel für eine Mannschaft, die Weltmeister werden will. 

Kimmich hatte schon vor der WM nicht drum herum geredet: „Ab 2018 war es schlicht nicht mehr gut.“ Im Al Bayt Stadion mitten in der katarischen Wüste gab es von Kimmich nicht nur Emotionen, sondern auch treffende Analysen: „Es ist nicht nur Pech, sondern auch Unvermögen. Ein Gegner muss nicht viel investieren, um gegen uns Tore zu machen. Die Gegentore gegen Japan und Costa Rica – das ist für mich sinnbildlich.“ Die deutsche Verteidigungshaltung reichte nicht. Es befand sich zu wenig Energie im Team, zu wenig Bereitschaft, auch die schmerzlichen Wege immer konsequent zu gehen. Das nur einmal komplett für 90 Minuten plus Nachspielzeit gegen Spanien zu zeigen, reicht nicht. Es ist auch eine Frage des Wollens. Der Mentalität. Der angenehmen Lebensumstände vielleicht.

Kimmich schlurfte irgendwann mit dem Rucksack auf den Schultern zum Bus, aber er hatte zuvor noch ein paar Botschaften im Backpack: „Wir vergeigen wieder das erste Spiel und setzten uns brutal unter Druck. Mir war bewusst, sollten wir die Vorrunde überstehen, könnten wir zusammenwachsen.“ Warum war das nicht vorher schon geschehen? Hansi Flick, der überforderte Bundestrainer, und mit ihm auch seine Führungskraft Kimmich haben es in den überflüssigen Tagen von Oman und dann auch in Katar nicht hinbekommen, die Gruppe zu verkleben. Da ist fundamental einiges schiefgelaufen. Waren es auch die Debatten ums Politische, die zehrten, weil manche sie wichtig fanden und andere nur noch genervt waren? Kimmich widerspricht nicht: „Bei der letzten WM gab es ja auch einige Nebengeräusche. Diesmal war es wieder so. Es ist wichtig, dass wir unsere Stimme erheben. Aber in erster Linie sind wir Fußballer, die sich aufs Sportliche konzentrieren müssen.“

WM 2022: Team und Trainer überfordert

Beides zusammen hat in Katar nicht funktioniert. Die komplexe Versuchsanordnung hat sie alle miteinander überfordert. Kimmich will sich nun keine WM-Spiele mehr anschauen: „Es ist wie Aufkratzen von einer Wunde, wenn ich Spiele gucke. Ich tue mir damit keinen Gefallen.“ Und er ist fair genug, nach deren Niederlage gegen Japan nicht mit dem Finger auf Spanien zu zeigen: „Ich glaube nicht, dass es uns zusteht, Spanien einen Vorwurf zu machen. Wir hatten die Möglichkeit, Japan zu schlagen, wir hatten die Möglichkeit, Spanien zu schlagen, wir hatten die Möglichkeit, in der Halbzeit schon 3:0 gegen Costa Rica zu führen und Spanien unter Druck zu setzen.“ Hat alles nicht geklappt.

Bei aller Trostlosigkeit, in die sich die „Generation Kimmich“ nun zum dritten Mal nach 2018 und 2012 manövriert haben. Es bleibt ihr noch Zeit, sich zu rehabilitieren. Sie sind alle nicht mehr ganz taufrisch, aber sie sind jung genug, um 2024 zu einem unvergesslichen Sommer für sich und das Land werden zu lassen. In Katar wurden sie von der Heimat nicht getragen und nicht von den Fans in den Arenen. Sie spielten so Fußball, wie sich Deutschland fühlte im Umgang mit dieser Weltmeisterschaft – und boykottierten die K.o.-Runde.  (Jan Christian Müller)

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