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Analyse

„WM der Schande“ – Warum ein DFB-Boykott in Katar nichts bringt

  • Nico Scheck
    VonNico Scheck
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Die WM 2022 in Katar ist das Sinnbild der Korruption im Fußball. Doch ein Boykott des DFB-Teams würde nicht weiterhelfen. Vielmehr bietet die WM Chancen.

Katar – Katar kommt in diesen Tagen und Wochen gar nicht mehr aus dem Jubeln heraus. Lionel Messi, der vermutlich beste Fußballer auf dem Planeten, ist zum hauseigenen französischen Fußballklub Paris Saint-Germain gewechselt. Und, ach ja, in knapp 15 Monaten darf der Wüstenstaat auch die WM 2022 ausrichten. Festspiele im Land der Superreichen. Gigantismus par excellence.

Teil der katarischen Veranstaltung dürfte auch die deutsche Nationalmannschaft sein – sofern sie sich qualifiziert. Innerhalb einer Woche geht es für das Team von Bundestrainer Hansi Flick gegen die Fußball-Mächte Liechtenstein, Armenien und Island. Also ja, Deutschland wird wohl in Katar dabei sein. Die Frage lautet vielmehr: Sollte das DFB-Team auch dabei sein wollen?

WM 2022: Vergabe nach Katar kostet Tausenden das Leben

In einer Zeit, in der Fußballspieler selbst während einer Corona-Pandemie für horrende Millionensummen transferiert werden, in der Spielerberater mehr an abgewickelten Transfers verdienen als so mancher Top-Manager in der Wirtschaft, wirkt eine WM-Vergabe ins glühende Katar nur wie eine maue Bestätigung: Der Fußball ist längst in eine Phalanx vorgestoßen, die für den irdischen Zuschauer nicht mehr greifbar ist. Doch eine Weltmeisterschaft in Katar ist mehr als eine Bestätigung, es ist der Gipfel, ein Debakel, es ist eine „WM der Schande“, wie es die NGO Amnesty International bezeichnet.

Seit der WM-Vergabe nach Katar anno 2010 stehen rund 2,3 Millionen Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka unter der Fuchtel zahlreicher katarischer Baufirmen. Sie leben, arbeiten und schlafen unter menschenunwürdigen Bedingungen, wie unter anderem „Sport Inside“, ein Format des WDR, aufdeckte. Mehr als 6500 Gastarbeiter kamen seither ums Leben. Andere wollen fliehen, können aber nicht. Dank dem „Kafala-System“ werden die Pässe vieler Arbeiter einfach einbehalten. Moderne Sklaverei schimpft sich das.

Menschenrechte werden in Katar nicht sonderlich groß geschrieben. Über 2,3 Millionen Gastarbeiter wurden für die WM 2022 ins Land geholt.

Auf der anderen Seite stehen immense Geldsummen. Über 200 Milliarden US-Dollar soll die ganze Katar-WM-Party verschlingen, wie der Internationale Gewerkschaftsbund (ITUC) berichtet. Zum Vergleich: Die WM 2018 in Russland kostete „nur“ zwölf Milliarden. Doch wen wundert das? Ein eigenes U-Bahnnetz, Straßen, ja sogar Lusail City, eine Stadt extra für das Finale, wurde in Katar errichtet. Fußball kann so einfach sein.

Muss das DFB-Team die Katar-WM boykottieren?

Wie grotesk ein großes Sport-Event in Katar sein kann, offenbarte schon die Handball-WM im Jahr 2015. Damals kaufte sich der Wüstenstaat nicht nur die WM, sondern gleich auch ein wettbewerbsfähiges Team. Da spielten plötzlich Montenegriner, Kubaner, Franzosen und Spanier unter der katarischen Flagge. 100.000 Euro soll es pro Sieg für jeden Spieler gegeben haben. Im Handball. Und: 60 spanische Handball-Fans wurden eigens eingeflogen und entlohnt, um auf den Rängen Stimmung zu machen.

Für die Fußball-WM 2022 wird sich Katar zwar keine Mannschaft kaufen können, die FIFA mit dem damaligen Exekutivkomitee um Ex-Präsident Joseph Blatter, Franz Beckenbauer und Michel Platini konnte mit grünen Scheinen aber sehr wohl überzeugt werden. Und in so einem Land soll das größte Fußball-Turnier ausgetragen werden. Doch was wäre, wenn etwa der DFB die Katar-WM boykottieren würde?

Warum ein DFB-Boykott der WM 2022 in Katar nicht die Lösung ist

„Generell bin ich der Meinung, dass wir für einen Boykott zehn Jahre zu spät dran sind. Die WM wurde nicht dieses Jahr vergeben, sondern ein paar Jahre zuvor.“ Mit dieser Aussage Ende März zog Joshua Kimmich, 26 Jahre alt und einer der Weltbesten seines Fachs, das Scheinwerferlicht auf sich. Vielmehr trage man eine „gewisse Verantwortung, Dinge anzusprechen“.

Ähnliche Töne stimmte Ex-Bundestrainer Joachim Löw an. Ein Boykott helfe „niemandem“. Man könne „mit so einem Turnier Aufmerksamkeit in der ganzen Welt erzeugen und Dinge in die richtige Richtung bringen“. Was beiden ordentlich Kritik einheimste, erhielt sogar von Amnesty International Zuspruch. „Es gibt Fortschritte, und mit einem Boykott würden diese um Jahre zurückgeworfen“, betonte Amnesty-Mitarbeiterin Regina Spöttl gegenüber dem Nachrichtenportal Watson.de.

Lisa Salza, ebenfalls von Amnesty International, erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal T-online.de auch, warum: „Amnesty International will die internationale Aufmerksamkeit, die auf Katar liegt, nutzen, um auf die Arbeitsbedingungen der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten hinzuweisen und positive Reformen zu erwirken.“ Die FIFA müsse garantieren, dass die WM 2022 „nicht durch Missbrauch und Ausbeutung überschattet wird“.

Katar durch WM 2022 im Scheinwerferlicht des Fußballs

Tatsächlich haben diverse Medienenthüllungen und das Scheinwerferlicht durch die WM einige Verbesserungen in Katar angestoßen. Wie der Journalist Faras Ghani von Al Jazeera berichtet, wurden seit der WM-Vergabe unter anderem ein Lohnschutzsystem, zwei wichtige UNO-Menschenrechtsabkommen und ein Mindestlohn in Katar eingeführt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele vermeintlichen Verbesserungen durch Schlupflöcher in der Gesetzgebung wieder teils oder gar komplett negiert wurden.

Und doch bietet die WM 2022 die Chance, Dinge wie die Menschenrechtsverletzungen in Katar anzuprangern und ins Rampenlicht zu stellen. Das sollte auch, neben dem Fußballspielen, die Aufgabe der deutschen Nationalmannschaft sein. Einen Anfang lieferte sie, als die DFB-Kicker beim WM-Qualifikationspiel gegen Island im März T-Shirts mit großen weißen Buchstaben trugen, die zusammen „HUMAN RIGHTS“ ergaben.

Beim WM-Quali-Spiel gegen Island prangte „Human Rights“ auf den T-Shirts der DFB-Spieler. Eine klare Botschaft an Katar.

Werden Reformen in Katar nach WM 2022 zurückgenommen?

In Katar gibt es unterdessen Bestrebungen, die errungenen Reformen wieder zu verwässern, wie Salza verriet. Genau deswegen brauche es nun das Rampenlicht des Fußballs, um dem entgegenzuwirken – und Druck auf Katar auszuüben.

Am 18. Dezember 2022 steigt das Finale in Lusail City, der eigens für die WM hochgezüchteten Stadt. Also nicht mal eine Woche vor Weihnachten, längst zum Fest des Exzesses mutiert, aber noch immer als Fest der Liebe getarnt. Die Verbindung zur WM könnte kaum passender sein.

Ja, ein Boykott durch das DFB-Team wäre sicherlich ein starkes Signal an die FIFA, an die ganze Welt. Vielleicht, ganz eventuell würde der Dachverband künftig sogar Turnier-Vergaben an Staaten, die Menschenrechte wie Fußabtreter behandeln, vermeiden. Doch den 2,3 Millionen Arbeitsmigranten in Katar wäre damit nicht geholfen. Dafür ist es schlichtweg zu spät. (nc)

Rubriklistenbild: © Anke Waelischmiller/SVEN SIMON via www.imago-images.de

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