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WM-Tagebuch: Ein Tag der Trostlosigkeit

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha – Was ist los in einem Ort im WM-Gastgeberland Katar abseits der flirrenden Metropole Doha, in dem 30.000 Menschen leben, vielleicht auch ein paar Tausend mehr? Wir haben versucht, dieser Frage hier in Al Khor, 40 Kilometer nördlich von Doha gelegen, nachzugehen. Immerhin hat hier am Sonntagabend im Al Bayt-Stadion vor den Toren der Stadt Deutschland gegen Spanien gespielt. Davor England gegen die USA, davor das Eröffnungsspiel. Die ganze Welt hat nach Al Khor geschaut. Das Nest mit seiner in beiden Richtungen sechsspurigen Durchgangsstraße ist also durchaus ein Zentrum dieser Fußball-Weltmeisterschaft.

Und es soll hier sogar einen Strand geben. Gibt es sicher auch, nur: Wir haben ihn nicht gefunden. Hatten alles eingepackt: Handtuch, Sonnenmilch, Badehose.

Tagebuch zur WM 2022: Es ist trostlos

Es gibt hier in der Nähe ein sehr schönes Hotel. Es heißt Al Sultan Beach Resort. Ein paar Kollegen, deren Redaktionen finanziell komfortabel ausgestattet sind, residieren dort. Die Nacht kostet während der WM 2022 mehr als 400 Euro (und somit fast das Vierfache dessen, was wir pro Kopf für unser Vier-Mann-Apartment zahlen). Vor dem Hotel existiert tatsächlich ein Strand. Nicht super, aber okay. Betrüblicherweise ist das Al Sultan gut geschützt. Man gelangt weder von den Seiten an den Strand noch durchs Tor, es sei denn, man wäre Gast hier oder Gast eines Gastes. Ergo: Dieser Strand, kaum besucht, gibt Normalsterblichen – und erst Recht Arbeitsmigranten, die pro Monat weniger verdienen als eine Nacht im Al Sultan kostet - schon mal einen Korb. Es ist ein Jammer.

Wir schauen rechts vom Hotel. Ein mit spitzen Steinen übersätes Feld, links Mauern, rechts Mauern, dazwischen der Blick auf eine Bucht. Große Steine zum Meer hin. Ein Mann steht mit einer Plastiktüte da. Er ist mit dem Fahrrad gekommen. Wir kommen ins Gespräch. Er ist aus Bangladesch, seit acht Jahren hier in Katar, alle zwei Jahre mal daheim bei der Frau und den fünf Kindern. Es bricht einem das Herz. Er zeigt weit weg Richtung Horizont, wo wir einen Strommast erkennen. Dort, sagt er, sei ein „beautiful beach“. Er war selber schon da, zeigt uns Bilder auf seinem Handy. Sieht gut aus, der Strand.

Ist uns aber viel zu weit weg. Wir versuchen es links vom Al Sultan Hotel. Dort gibt es einen kleinen Park. Den Safa Altawk Beach Beach and Park. Klingt gut. Ist aber nicht gut. Niemand dort. Kein Café, keine Bude. Links stehen prächtige Holzschiffe im Trockendock. Rechts an einer Mauer bessern zwei Männer den Putz nach. Sie stehen mit den Füßen im Meer. Es ist trostlos.

„For Ladies only“

Wir machen uns auf in den nahe gelegenen Al Quarma Beach Garden „for ladies only“. Der Ort scheint am Meer zu liegen. Mal schauen, ob wir reinkommen, auch wenn wir keine Frauen sind. Den kleinen Park gibt es tatsächlich, er bietet den dringend notwendigen Schatten. Mit Spielplatz. Kein Problem, dort auch als Mann reinzuschlurfen. Es sind auch ein paar andere Männer da. In der Mehrzahl aber Frauen mit Kindern. Der Strand davor. Naja. Einladend sieht anders aus. Geröll statt Sand. Wir ziehen wieder ab.

Corniche.
Corniche. © Jan Christian Müller

Und sehen unsere letzte Chance an der Corniche, der Promenade von Al Khor am Meer. Es gibt dort viele fest installierte Sonnenschutzschirme mit Bänken drunter, es gibt vor der Straße ausreichend Parkmöglichkeiten, auf denen aber praktisch kein Auto parkt. Es gibt einen Fußweg an der Bucht, auf dem in der Ferne drei Leute schlendern, und einen Zugang zum Wasser, den kein Mensch barfuß nutzen kann, wenn er seine Füße mag.

Es ist jetzt 14 Uhr. Drüben, auf der anderen Straßenseite befindet sich ein Gebäude, das eigentlich ganz nett aussieht. Wir kommen näher: ein paar Läden, die meisten geschlossen, die Fensterläden zu. In denen, die offen sind, fehlt die Kundschaft. Ein Restaurant, leer. Daneben zwei Cafés, eines geschlossen, in dem anderen sitzt die Bedienung draußen im Schatten und drückt auf ihrem Handy herum.

Wir setzen uns ins Auto und rücken ab. Niemand spricht. Es hatte eigentlich ein schöner Tag werden sollen. (Jan Christian Müller)

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