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WM 2022: Amnesty International sieht weiterhin viele Probleme für Gastarbeiter

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Von: Johannes Skiba

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Die Situation der Gastarbeiter in Katar ist nach wie vor besorgniserregend. Trotz einiger Verbesserungen ist die Lage laut Amnesty International weiterhin kritisch.

Berlin – Im vergangenen Jahr berichtete der Guardian von mindestens 6.500 verstorbenen Arbeitsmigranten in Katar, die seit der Vergabe der Fußball-WM 2022 im Jahr 2010 in Katar ums Leben kamen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet seit Jahren von den menschenunwürdigen Arbeitszuständen der Gastarbeiter – sowohl im Kontext mit der WM als auch darüber hinaus. Auch heute noch, so die Organisation, gebe es viele Missstände.

Immerhin: Seit 2017 hat die Reform des Arbeitssystems in Katar zu deutlichen Veränderungen geführt. Das Problem ist jedoch, dass die Reformen nicht überall im Land konsequent umgesetzt werden. Die Expertin für den Nahen Osten und Nordafrika von Amnesty International Deutschland Katja Müller-Fahlbusch schildert die Problematik: „Obwohl Katar in den vergangenen fünf Jahren wichtige Schritte in Richtung einer Verbesserung der Rechte der Arbeitsmigrant*innen gemacht hat, ist es ganz offensichtlich, dass das bei Weitem nicht ausreicht. Tausende Arbeitsmigrant*innen befinden sich wegen legaler Schlupflöcher und unzureichender Reformumsetzungen immer noch in der allzu bekannten Spirale von Ausbeutung und Missbrauch.“

Die Arbeitsbedingungen für viele Arbeitsmigranten gleichen Zwangsarbeit, wie es in dem letzten Kurzbericht vor dem Fußballturnier weiter heißt. Besonders Arbeiter im privaten Haushaltssektor sehen sich Arbeitstagen zwischen 14 und 18 Stunden ausgesetzt, ohne dabei einen wöchentlichen Ruhetag zu haben. Ähnlich ergeht es Arbeitern des privaten Sicherheitssektors.

ARCHIVBILD! 05.01.2017, Vorschau zur Fussball Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Das Khalifa International FIFA-Stadium we
Bauarbeiter auf einem Stadiondach in Katar. © MiS/imago

FC Bayern München: Ehrenpräsident Hoeneß rechtfertigt Katar-Zusammenarbeit

Vor ein paar Wochen war diese Problematik auch Thema in der Talk-Sendung „Doppelpass“ von Sport1. Die deutliche Kritik von Fußballfunktionär und Talkrunden-Teilnehmer Andreas Rettig ließ Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern München, dazu hinreiße noch während der Live-Sendung bei Sender Sport1 anzurufen. Denn die berechtigte Kritik in der Sendung galt auch seinem Herzensverein aus München, der seit Jahren eine intensive Sponsoren-Partnerschaft mit Katar pflegt. Hoeneß befand: „Die WM und das Engagement des FC Bayern und andere Sportaktivitäten in der Golfregion werden dazu führen, dass die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter dort besser werden und nicht schlechter. Das sollte man endlich mal akzeptieren und nicht ständig auf die Leute draufhauen.“

Der renommierte Sport-Journalist Ronny Blaschke, der ein Buch zur kommenden Weltmeisterschaft geschrieben hat, ordnet in einem Interview mit der HNA die Aussage von Uli Hoeneß ein: „So plump, wie er das darstellt, ist es natürlich nicht. Wahr ist aber, dass seit der Vergabe viele Reformen im Land angestoßen wurden. So hat etwa die Internationale Arbeitsorganisation ILO Verbesserungen für Arbeitsmigranten erreicht. Bayern München, das seit Jahren von Katar gesponsert wird, hätte allerdings viel mehr machen und Probleme im Land ansprechen können. Noch mehr muss man die Fifa kritisieren, die von ihrem Einfluss viel zu wenig geltend macht.“

Auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München vom vergangenen Wochenende ging der Ehrenpräsident im Nachgang einen Redner an, der die Zusammenarbeit des deutschen Rekordmeisters mit Katar kritisierte. „Peinlich“ sei der Auftritt gewesen, da man nicht „auf der Generalversammlung von Amnesty International“ sei. Vielleicht täte Herrn Hoeneß der Besuch einer solchen Versammlung der Menschenrechtsorganisation gut, um die weiter bestehenden kritischen Zustände der Arbeitsmigranten zu verstehen.

WM 2022: Spieler und Verbände halten sich größtenteils bedeckt

Gestern war das „moralische Dilemma“ der Fußball-WM in Katar auch das Thema der Talkrunde bei Markus Lantz, in der ausgiebig die Problematiken diskutiert wurden. Ein Fußballspieler und Verbandsfunktionär einer Nation, die an der WM teilnimmt, war nicht dabei. Die Beteiligten vermeiden zu großen Teilen klare Aussagen.

Der Australier Jackson Irvine vom FC. St. Pauli hingegen äußerte sich in der Vergangenheit überraschend deutlich. In einem Interview mit 11Freunde kritisierte er nun das Schweigen von vielen seiner Kollegen und appelliert: „Wir können nicht einfach sagen, okay, wir steigen aus dem Flieger, fahren zum Hotel und dann zum Stadion. Wir Spieler müssen verstehen, dass schon unsere bloße Präsenz in dem Land direkte Folgen für die Situation der Arbeitsmigranten hat.“ Der Stürmer verdeutlicht seinen Punkt: „Die Kritik an der WM in Katar hat nichts mit Politik zu tun. Es geht nicht um Parteien, um politische Strömungen, um Links oder Rechts. Es geht um Menschenrechte.“ (Johannes Skiba)

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