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Befreit sich der deutsche Fußball aus dem Gestrüpp der 50-plus-1-Regel?
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Befreit sich der deutsche Fußball aus dem Gestrüpp der 50-plus-1-Regel?

Spobis in Düsseldorf

Wird der deutsche Fußball abgehängt?

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Ein englischer Investmentexperte rät dringend, dass die Bundesliga sich dem Kapitalmarkt öffnen solle.

Als der aus England geladene Investmentexperte Keith Harris das Wort ergriff, hätte man sich mehr Manager der Fußball-Bundesliga im Auditorium gewünscht, um sich persönlich auf einem der wichtigsten Zukunftsfelder weiterzubilden. Bei der Spobis in Düsseldorf, dem europaweit größten alljährlichen Branchentreffen des Sports, saßen allerdings nur die Vertreter von drei deutschen Klubs neben DFL-Geschäftsführer Christian Seifert im Forum und hörten aufmerksam zu. Ihnen überbrachte Fachmann Harris, Aufsichtsratsmitglied beim FC Everton und zuvor Begleiter verschiedener Investoren in die englische Premier League, eine sehr deutliche und durchaus beängstigende Botschaft: Der deutsche Fußball laufe konkret Gefahr, abgehängt zu werden, wenn er seinen Markt nicht endlich öffne. „Wenn Deutschland nicht bereit ist zum Wechsel, werden die besten Spieler das Land verlassen. Warten Sie nicht!“

Harris unbeachtete Rede hätte bei entsprechender Resonanz aufrütteln können. Sie hätte sogar aufrütteln müssen. Derzeit gibt es im deutschen Lizenzfußball kein größeres Thema als die Debatte um die 50-plus-eins-Regel, die es Geldgebern bis auf wenige Ausnahmen verbietet, Bundesligaklubs mehrheitlich zu übernehmen. Martin Kind, der ebenfalls in Düsseldorf anwesende Präsident von Hannover 96, erwartet am kommenden Montag oder Dienstag die Entscheidung des Präsidiums der Deutschen Fußball-Liga, ob sein Klub von der leidigen Regelung befreit wird. Wahrscheinlich wäre es für den deutschen Fußball besser, würde Kinds Antrag abschlägig beschieden. Denn dann würde der Klubchef der Niedersachsen den Rechtsweg einschlagen. Dann könnte er es auf die Spitze treiben und die 50-plus-eins-Regel gar vor einem Ordentlichen Gericht überprüfen lassen. Und dann, da sind sich Rechtsexperten einig, würde die 1998 erfundene Regelung komplett kassiert.

Experte Harris präsentierte eindrucksvolle Zahlen aus England. Der Profit, den die 20 Klubs der Premier League erzielen, ist inzwischen größer als deren gesamter Umsatz es noch vor 15 Jahren war. Das Geschäft brummt, wenn auch nicht mehr mit den gleichen Wachstumsraten wie zuletzt: Für die nächste dreijährige Rechteperiode erwartet die englische Eliteliga aus Medienerlösen eine Steigerung um rund 20 Prozent auf mehr als zehn Milliarden Pfund (11,4 Milliarden Euro). Jeder Klub der Premier League kassiert damit pro Spieljahr zwischen 100 und 120 Millionen Pfund allein aus diesem Topf. Als die Premier League 1992 gegründet wurde, spielten nur elf Ausländer dort Fußball, inzwischen sind es in einer globalisierten Liga mehr als 70 Prozent. Die Karawane zieht dorthin, wo das meiste Geld vorhanden ist.

Und sie zieht zunehmend an der Bundesliga vorbei. Was würde in Deutschland geschehen, wenn die 50-plus-eins-Regel fiele und Vereine und ihre Mitglieder autonom entscheiden könnten, ob sie Investoren mit mehr als 50 Prozent der Stimmrechte Einzug in ihre Klubs gewähren würden? Heribert Bruchhagen glaubt nicht, dass sich daraus eine revolutionäre Entwicklung ableiten ließe: „Mir fehlt das Vorstellungsvermögen, dass ein Investor, der sich in Gänze einen Verein einverleiben möchte, die Zustimmung der Mitglieder und der Stadt erhielte. Die Zeit ist bei uns noch nicht reif dafür“, so der Vorstandschef des Hamburger SV. „Wenn die Bayern aber auch die nächsten acht Jahre weiterhin Meister werden, könnte ich mir vorstellen, dass bei Vereinen wie dem HSV oder Eintracht Frankfurt ein Wandel der Gesinnung eintritt.“ Inzwischen, so Bruchhagen, betrage der Unterschied im Lizenzspieleretat zwischen HSV und Bayern „600 Prozent“. Die Spreizung sei so nicht gesund für die Bundesliga, sie würde künftig durch noch exorbitant höhere Ausschüttungen an die Champions-League-Teilnehmer noch größer. Er sei „in Sorge, dieser Sachverhalt tut weh“.

Bruchhagen wies zudem darauf hin, dass der Verlust des Dortmunders Pierre-Emerick Aubameyang „ein Riesenverlust für die Bundesliga“ sei. Denn: „Der Zweikampf Aubameyang gegen Lewandowski war ein Markenkern.“ Der ist nun weg, für 63,75 Millionen Euro in die viel finanzstärkere Premier League abgewandert, in den englischen Profifußball, wo 17 von 20 Klubs von ausländischen Investoren gehalten werden.

Es gäbe in England „keine Einnahme-Ausgabe-Formel“, kritisierte Mönchengladbachs Manager Max Eberl, „es gibt immer nur Ausgaben, Ausgaben, Ausgaben“. Eine These, die Investmentbanker Harris mit seinen Profitzahlen postwendend entkräftete.

Michael Meeske, der Geschäftsführer des 1. FC Nürnberg, erwartet, dass ein Wegfall der 50-plus-eins-Regel in den beiden deutschen Bundesligen zu „signifikanten Änderungen im Markt“ und einem „großen Run“ sowie „steigenden Preisen“ für die Übernahme der Klubs führen würde. Denn der deutsche Fußball sei „eher unterbewertet“. Es würde zwei Cluster geben: Klubs, die die Übernahme ablehnten und andere, die Kapitalgeber zuließen. Das würde zu einem „Marktzwang“ bei denjenigen Vereinen führen, die unabhängig bleiben wollen und dafür einen hohen Preis zahlten. „Damit könnten sie ihren sportlichen Erfolg gefährden.“

Der Hannoveraner Kind ist skeptischer: „Ich vermute eine sehr reduzierte Nachfrage. Die Investoren werden nicht Schlange stehen.“ Schon jetzt mühten sich viele Bundesligisten hinter den Kulissen vergeblich, finanzkräftige Geldgeber zu finden, die bereit seien, Risikokapital zu geben. Und was seine Sache und 50 plus eins angeht: Für den Fall, dass seinem Antrag nicht stattgegeben würde, prüfe er Schadenersatzforderungen an die Deutsche Fußball-Liga.

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