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Seit Sommer 2019 im Trikot von Borussia Dortmund: Nico Schulz.

Borussia Dortmund

„Wir waren gefühlt schon Meister“

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BVB-Verteidiger Nico Schulz über die Wucht von Borussia Dortmund, die Stärken seines Trainers Lucien Favre und jene seines Ex-Coaches Julian Nagelsmann.

Wochenlang musste Dortmunds linker Verteidiger Nico Schulz wegen eines Bänderteilrisses an der linken Fußwurzel pausieren. Inzwischen ist er ins Mannschaftstraining eingestiegen. Im kommenden Bundesligaheimspiel gegen seinen früheren Klub Borussia Mönchengladbach (Samstag, 18.30 Uhr) möchte er wieder zum Kader gehören, obwohl er keine gute Erinnerungen an seine Zeit am Niederrhein hat.

Sie hatten mit 15 Jahren die Chance, in die Jugendakademie des FC Liverpool zu wechseln. Grübeln Sie heute noch manchmal über diese Möglichkeit? Sie könnten heute unter Jürgen Klopp beim Spitzenreiter der Premiere League spielen.
Daran verschwende ich keinen Gedanken. Schließlich ging es damals darum, in die Jugendakademie des FC Liverpool zu gehen und mich hochzuarbeiten, und nicht darum, in der ersten Mannschaft zu spielen.

Was waren damals Ihre Gründe, in Berlin bei der Hertha zu bleiben?
Ich war damals mit 15 Jahren einfach noch nicht so weit, um allein nach England zu gehen. Da bin ich lieber in meinem gewohnten Umfeld in Berlin geblieben und den Heimatweg gegangen.

„Mit dem Wissen von heute wäre ich nicht nach Mönchengladbach gegangen, sondern wäre direkt nach Hoffenheim gewechselt.“

Wenn Sie bisher Ihren Weg im Profifußball verfolgen – würden Sie alle Entscheidungen mit dem Wissen von heute noch einmal so treffen?
Mit dem Wissen von heute wäre ich nicht nach Mönchengladbach gegangen, sondern wäre direkt nach Hoffenheim gewechselt. Aber im Rückblick lässt sich das immer leicht sagen...

Was ist in Gladbach schiefgelaufen?
Ich habe mir dort sofort einen Kreuzbandriss zugezogen. Ich wäre allerdings auch nicht nach Gladbach gewechselt, wenn ich gewusst hätte, dass der Trainer (Lucien Favre, die Red.) nur noch ein paar Wochen bleiben und der Nachfolger (Andre Schubert, die Red.) mir keine Chance geben würde. Es ist nichts gegen den Klub. Es ist für mich damals einfach nicht gut gelaufen.

Den großen Durchbruch haben Sie bei der TSG Hoffenheim geschafft. Welchen Anteil daran besaß Trainer Julian Nagelsmann?
Einen ganz großen Anteil. Julian Nagelsmann hat mich damals geholt. Ich hatte zuvor in zwei Jahren in Gladbach nur zehn Spiele gemacht. Er hat mir nach dem Kreuzbandriss das Vertrauen geschenkt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar und werde ihm auch immer dankbar sein, weil er in dieser schwierigen Phase an mich gedacht und auch an mich geglaubt hat.

Was sind die Qualitäten von Nagelsmann? Was macht ihn als Trainer besonders?
Er hat eine sehr konkrete Spielidee, die er auch unter der Woche im Training immer wieder einbringt. Und die auch gut auf den jeweiligen Gegner eingestellt ist. Darüber hinaus trifft er intuitiv die richtigen Entscheidungen.

Neun Länderspiele mit für einen Linksverteidiger erstaunlichen zwei Toren stehen in der persönlichen Statistik von Nico Schulz. Es dauerte einige Zeit, ehe der 26-Jährige sich in den Dunstkreis von Joachim Löw rannte und flankte. Er brauchte dazu Anläufe über Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach, wo er oft nur im zweiten Glied stand, und die TSG Hoffenheim, wo er so dann gut spielte, dass Borussia Dortmund bereit war, im Sommer 25,5 Millionen Euro Ablöse zu zahlen. (jcm)

War es für Sie auch ein Grund, Hoffenheim zu verlassen, weil Nagelsmann nach Leipzig gewechselt ist? Oder spielte das in Ihren Überlegungen, nach Dortmund zu gegen, überhaupt keine Rolle?
Natürlich war das auch ein Faktor, aber nicht nur. Mit 26 Jahren bin ich jetzt in einem Alter, in dem ich vielleicht nicht mehr so viele Chance habe, bei einem Topklub wie Borussia Dortmund zu unterschreiben. So viel Zeit hat man als Fußballer nicht. Ich musste diese Chance einfach nutzen, zum BVB zu kommen.

Hoffenheim ist ein Klub, der sich in den vergangenen Jahren ständig entwickelt und in der Bundesliga etabliert hat. Sind die Unterschiede zwischen der TSG 1899 und dem BVB noch groß?
In Hoffenheim ist alles ein bisschen beschaulicher, man kann dort in Ruhe arbeiten. Man sagt das so, es stimmt aber auch wirklich. Hier in Dortmund waren wir mit den Neuzugängen – gemessen an der Außendarstellung und den Erwartungen – vor der Saison gefühlt schon Meister. Und jetzt auf einmal ist alles angeblich nicht mehr so toll, wie alle gedacht haben. Das geht bei einem Verein wie Borussia Dortmund sehr schnell.

Kann Druck nicht auch positiv sein, wird man als Spieler davon nicht auch gepusht?
Viele Spieler sind in den vergangenen Jahren in Hoffenheim zu Nationalspielern gereift und anschließend zu einem großen Verein gewechselt, weil sie sich in Ruhe entwickeln konnten. In Hoffenheim spielst du maximal vor 25.000 bis 30.000 Zuschauern. In Dortmund ist alles anders. Die ganze Stadt ist fußballverrückt. Und als Fußballer willst du natürlich lieber vor 80 000 Zuschauern spielen und das am liebsten jede Woche. Dortmund ist eben ein großer Verein. Ich bin froh, hier zu sein.

Die Nationalelf hat am vergangenen Mittwoch in Dortmund vor Ihrem Heimpublikum gegen Argentinien gespielt. Waren Sie im Stadion und hatten Sie Kontakt zu den DFB-Teamkameraden?
Ich war nicht da, weil es mir sehr weh tut, nicht dabei zu sein. Ich tue mich ohnehin sehr schwer, wenn ich verletzt bin, ins Stadion zu gehen.

Gilt das auch für die Spiele des BVB?
Ich war meistens im Stadion, aber nicht immer. Es hört sich zwar blöd an, doch wenn man sich nicht so gut fühlt und ständig gefragt wird, wie es mit der Verletzung aussieht und wann man wieder dabei ist, dann macht das keinen Spaß.

Man sagt Lucien Favre nach, dass er sehr viel mit den Spielern kommuniziert. Was zeichnet ihn als Mensch aus?
Er ist sehr höflich, sehr sachlich. Einfach ein herzensguter Mensch. Das merkt man sofort, wenn man ihn trifft und hallo sagt. Wenn er fragt, wie es dir geht, dann interessiert ihn das auch wirklich. Fußballerisch gibt er deutliche Anweisungen, hat einen klaren Stil, den er spielen lassen will. Das hat man in der vergangenen Saison gesehen. Bei jeder Station, wo er bisher war, hat er Erfolg gehabt. Er ist ein sehr, sehr guter Trainer.

Vor Jahren haben Sie mal geäußert, dass Ihr Traumverein Inter Mailand sei. Jetzt können Sie mit dem BVB selbst in San Siro auflaufen. Woher kommt diese Liebe?
Mein Vater ist Italiener. Und er ist mit Inter Mailand aufgewachsen, die ganze Familie, sein ganzer Freundeskreis. Mein erstes Fußballtrikot war daher eins von Inter, damals mit dem Namen Ronaldo. Mein Vater war ein großer Inter-Fan, und für mich als Jugendlicher war klar, dass ich da mal spielen möchte.

Als Jugendlicher war Paolo Maldini Ihr großes Vorbild. Weshalb?
Er war Italiener und Verteidiger. Und mir hat besonders imponiert, dass er nur bei einem Verein war, Inter 16 Jahre lang treu blieb.

In der Champions League hat der BVB Topleistungen abgerufen, da stimmten auch die Ergebnisse. In der Bundesliga lief es zunächst nicht mehr so gut. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das ist schwer zu sagen, ist von Spiel zu Spiel anders, liegt oft nur an Kleinigkeiten. Leider waren wir im Verteidigen von Standards zuletzt nicht die beste Mannschaft. Wir wissen, an welchen Schrauben wir drehen müssen, damit es auch wieder besser läuft. Und das werden wir auch versuchen zu tun.

Zuletzt wurde viel von Mentalität geschrieben und gesagt, die Mannschaft wäre nicht heiß genug. Wie läuft ein Spieltag ab, wie werdet Ihr vorbereitet?
Was hat das mit heiß machen zu tun? Die gleichen Jungs sind im letzten Jahr fast Deutscher Meister geworden. Wenn man am Schluss ein dummes Standardtor kassiert, hat das nichts damit zu tun, dass man vor dem Spiel nicht motiviert war.

Interview: Marvin K. Hoffmann und Peter Schwennecker

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